Kultur : Der Microsoftie

„Windows“: Uraufführung des Bill-Gates-Stücks von Mathias Greffrath am Schauspiel Hannover

Jens Meyer

Müssen wir uns Bill Gates als glücklichen Menschen vorstellen? Wenn ein kluger Publizist wie Mathias Greffrath dieser Frage in einem Essay nachgeht (was er bereits vor mehr als zwei Jahren tat), dann wird man daran zweifeln. Aber: „In meinem Essay kam er weitaus schlechter weg als im Stück", sagt der Autor nach der Uraufführung. Also neue Frage: Müssen wir uns Mathias Greffrath als einen glücklichen Menschen vorstellen? Nachdem ein sehr genau zugreifender Regisseur wie Elias Perrig im Zusammenspiel mit seinem grandiosen Darsteller Clemens Schick die gemeinsame Textbaustelle noch bis kurz vor der Uraufführung immer wieder verändert hat? Ja, müssen wir, und dafür brauchen wir nur Greffraths lachendes Gesicht nach der Vorstellung. Wir nehmen einen Text, wir nehmen das Theater, und wir haben wirklich ein Fenster zur Welt des Bill Gates.

Man muss zunächst über ihn lachen, als ausgerechnet er sich am Anfang als ganz eigenes smart icon entwirft, als kühnen Ikarus, als silver surfer, der vom äußerten Winkel seiner Terrasse ins Meer taucht, um sich dann an der Seite eines Delfins wieder an die Oberfläche zu schmettern. „Wenn man das dann aus der Ferne sieht“, sehnsüchtelt er, könnten auch wir schon erkennen, dass dort nicht nur der böse Monopolist Gates ist, jener schwitzige nerd mit den ungewaschenen Haaren. Sondern auch der, der am Anfang viel zu gut und viel zu sehr nach Theaterschauspieler aussieht.

Das verwirrt zunächst. So cool hat Bill doch nie ausgesehen, und so wird er auch nie sein. Obwohl er davon träumen würde, nähme er sich Zeit dafür. Aber weder in seinem Traumhaus, auf dessen 20000 Quadratmetern ein Zentralrechner für jeden Bewohner um diesen herum die richtigen Stimmungen erzeugt – Temperatur, Licht, Musik, alles – kann Bill Gates wirklich träumen; noch in seiner Schulzeit, wenn er als angry young kid seiner Lehrerin ein trotzig-bösartiges „I’m dreaming“ hinwirft.

Ist Bill ein Träumer? Wenn Träume immer so zielgenau zur Wirklichkeit werden, dass sie schon zum Zeitpunkt des Gedankens beinahe real sind, wohl eher nicht. Wie lange sind Autisten nur Autisten? Wenn deren Wirklichkeit für alle und alles zu gelten beginnt?

Darum geht es. Da ist das Problem in der Bühnenfigur Gates, das Moment, das den Menschen nicht nur vorführt, sondern ihn interessant macht. Das wird zum Beispiel erkennbar, wenn Clemens Schick nicht Bill Gates ist, sondern der andere, der ihn kommentiert. Hat Gates nicht eigentlich nur gekauft und nie etwas erfunden? Die Antwort ist ein wütender Ausbruch: alles nur der übliche europäisch-elitäre Scheißvorwurf. Warum denn soll es schlimm sein, die klare Kenntnis über den Code für die Welt zu nutzen? „Du musst die Fläche besetzen, so kommst du weiter.“

Will man jetzt noch lachen, wenn der austickende Bill Hitlers Entscheidung für den Volkswagen und nicht für den Porsche als in jedem Fall erfolgreich beschreibt? Da funktioniert er wie immer schon, wie früher beim Schachspiel mit Schulfreunden. Seine Analysen behielten „eigentlich immer Recht, aber immer auf eine sehr unangenehme Art“. Das ist sein Schicksal, und folgt man dem Team Greffrath/Perrig/Schick, dann weiß er das auch. Leider, denn es ist alles andere als beruhigend, in Kenntnis der eigenen Unbeliebtheit zu leben, im eigenen Traumhaus mit der eigenen Traumfrau und dem eigenen Traumkind in vorherberechneter, wohltemperierter Sicherheit.

Platz für Albträume bleibt immer. Wenn sein alter Kumpel ihm als Hippie auf seinen Traumhausmonitoren erscheint und ihn Verräter nennt, wenn das Töchterchen im Cheerleader-Reigen ohne Höschen in die Dreieinigkeit der hungernden Afrikanerkinder einstimmt – „Unicef, Coca-Cola, Daddy" – dann weiß der selbsternannte good guy Billy, dass sicheres Glück nicht planbar ist. Nicht mal von ihm.

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