Kultur : Der milde Westen

Berührender Konzertfilm: Jonathan Demmes „Neil Young: Heart of Gold“

Rüdiger Schaper

Highways. Hochhäuser. Weiter Himmel. Bei der Einfahrt sieht Nashville aus wie jede x-beliebige größere amerikanische Stadt. Von wegen Country.

So beginnt dieser Film, Kino unplugged: ernüchternd. Neil Young im Auto. Auf dem Weg zu einem Auftritt. Ihn quälten zu der Zeit gesundheitliche Probleme, ein paar Monate zuvor war sein Vater gestorben. Das Album „Prairie Wind“, in Nashville aufgenommen, erzählt davon. Der Kanadier, im November wird er 61, hat in Tennessee tiefe Wurzeln. „Harvest“, seine kommerziell erfolgreichste Platte, ist hier entstanden, Anfang der siebziger Jahre, mit jenem Song, der Jonathan Demmes Konzertfilm „Neil Young: Heart of Gold“ den Namen gab.

Ein Familientreffen, eine Geisterbeschwörung. Youngs Frau Pegi, eine Sängerin, steht mit ihm auf der Bühne, neben ihr Emmylou Harris. Uralte Musiker begleiten ihn, jeder eine eigene Legende. Weichere Klangfarben. Diesmal nicht die dröhnenden Grunge-Dinosaurier von Crazy Horse. Ein mächtiger Chor, sinfonische Streicher: Der Mann geht seinen Träumen nach, den verflossenen, den unverlierbaren. Vom politischen Neil Young, von seiner Anti-Bush-CD „Living with War“ ist nichts zu spüren.

Wie eine Wünschelrute hält Neil Young die alte Gitarre, die einst Hank Williams gehörte. Und das Erbstück schlägt aus, erblüht. Young hat ein Liebeslied auf das kostbare, abgeschabte Requisit geschrieben. „This old guitar ain’t mine to keep / It’s mine to play it for a while.“ Das alte Ryman Auditorium, in das der Film nach kühler Anfahrt eintaucht, als wäre es ein überwachsener Garten, atmet noch den Geist der Rebellen. Als Country keine Plastikindustrie war. Jahrzehntelang war im Ryman Auditorium die Grand Ole Opry zu Hause, der grüne Hügel der Country-Welt. „From Hank to Hendrix“, so hat er einst seine Traditionslinien beschrieben. Hier ist er ganz bei Hank.

„And I’m getting old“. Als Neil Young diesen Vers zum ersten Mal sang, war er ein junger Mann. Im Frühjahr 2005 klingt „Heart of Gold“ so kraftvoll wie nie. Auch Songs haben ihr Privatleben. „Heart of Gold“ ist in Würde gealtert, weise geworden. Und wie heftig rührt „Harvest Moon“ an, ein jüngerer Verwandter des goldenen Herzens, mit dem Refrain „Because I’m still in love with you ...“ Pegi Young, aus dem Hintergrund, beruhigt ihren Mann: „Du hast noch ein paar Jahre.“ Man denkt an Bob Dylan – auch er hatte seine Nashville-Phase – und sein unsterbliches Diktum: „I was so much older than / I’m younger than that now.“ Jugend trägt gern die grauen Federn des Alters.

Bei allem Horror („Das Schweigen der Lämmer“, „Angeklagt“) ist Jonathan Demme ein Regisseur der Stille, ein Meister der Ökonomie. Der Konzentration. Und deswegen ein Glücksfall für Neil Young und seine Musiker in Nashville. Man erlebt die Schönheit musikalischen Handwerks. Wie eine Steel Guitar gestreichelt wird, mit fester Hand. Wie eine Gitarre in ihrem Kasten geborgen wird. Wie Neil Youngs glockenhelle Stimme dem Käfig der Zähne und schmaler Lippen entschlüpft. Sind überhaupt Zuhörer im Raum? Was hätte man gegeben, bei dem Konzert dabei gewesen zu sein! Das ist der einzige Wermutstropfen, wenn man aus dem Kino kommt.

„It’s a dream, only a dream“. Die Zeile aus „Prairie Wind“ steht über diesem Dokument der amerikanischen Musikgeschichte. Der Wind weht von weit her. Über die Felder Kanadas, die Wasser der Westküste. Da steht, da sitzt ein Mann mit Hut, er ist das Zentrum mit seinen spärlichen Bewegungen, ein Fels. Wie jedes denkwürdige Familienfest, so gibt es auch hier Untiefen, entspannte und tragisch-leise Momente. Am Ende ist Neil Young allein auf der Bühne. Er und die Gitarre. Und er geht ab mit seinen Stiefeln, windschief wie Gary Cooper.

OmU im Odeon

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