Kultur : Der Mini rockt

Silvia Hallensleben

Jeanne Moreau zu Gast beim schwul-lesbischen Filmfestival? Zugegeben, ein wenig Freude regt sich da schon. Wird sich als Nächstes die Bardot outen? Ist die grande nation auch in Sachen traditioneller Weiblichkeit im Niedergang? Doch schnell klärt sich die Chose: Es ist kein Coming-out, das die Moreau am 4. Dezember nach Berlin führen soll, sondern François Ozons jüngster Film „Le temps qui reste“, in dem sie in einer Nebenrolle als Großmutter auftritt. Vermutlich soll der Starauftritt dafür kompensieren, dass das gestern eröffnete verzaubert international queer filmfestival (im International) eher eine reisende Filmshow denn ein echtes Festival mit Konzept, Gästen und Filmgesprächen ist. Im Programm (www.verzaubertfilmfest.com) ist diesmal Geschichte erfreulich präsent: Während Jean-Marc Vallées Eröffnungsfilm „C.R.A.Z.Y.“ (noch einmal heute) sich mit tragikomischen Zwischentönen dem Familienleben im Montréal der Siebzigerjahre widmet, erzählt Veronika Minders „Katzenball“ (Freitag) dokumentarisch von der lesbischen Subgeschichte der Schweiz. In Joseph Lovetts „Gay Sex in the 70s“ (Sonntag) geht es exakt um das, was der Titel suggeriert: die kurze historische Phase unbeschwerter Lust zwischen Prüderie und HIV.

Noch Ende der Fünfziger hatte Paul Newman die Hauptrolle in Ben Hur (Kant Kino, untertitelt in den Hackeschen Höfen) angeblich deswegen ausgeschlagen, weil er „nicht im Minirock“ auftreten wollte. Oder hatte er ein paar körperliche Schwachstellen zu vertuschen? Charlton Heston konnte dem Angebot nicht widerstehen. Das Honorar dürfte großzügig gewesen sein, Regisseur William Wyler kassierte die damals enorme Summe von 350 000 Dollar. Auch sonst brach diese zweite Ben-Hur-Verfilmung alle Rekorde: 50 000 Statisten und 50 Galeeren, elf Oscars. Nun ist der 213-Minüter in neuer restaurierter Kopie zu sehen. Der sonst weniger monumentalem Filmgut zugeneigte Verleih Neue Visionen hat die deutschen Rechte von Warner in einem Paket mit anderen Klassikern erworben, die nach und nach auf die Leinwand kommen. Vorteil der Originalversionen: In „Ben Hur“ etwa lässt sich die hübsche Entdeckung machen, dass Palästinenser und Juden mit amerikanischen Darstellern besetzt wurden, während die Römer Oxford-Englisch sprechen.

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