Kultur : Der mit dem Wolf kämpft

Kerstin Decker

Es ist Winter in Frankreichs Wäldern. Eine unbekleidete Frau liegt kopfüber im See, ein bisschen grünlich vielleicht, mit einer klaftertiefen Wunde an der linken Seite. Aber schön ist sie. Ja, lebendig würde man das vielleicht gar nicht mehr so gut erkennen. Eine Skulptur des Todes.

Wie diese Frau im See ist der ganze Film des Franzosen Christophe Gans. Ein bisschen grell vielleicht; ohne Scheu vor den großen, übergroßen Effekten und vor allem laut noch in der kleinsten Geste. Was soll uns die Finsternis, wenn wir sie nicht zum Glänzen bringen, mag sich Christophe Gans gefragt haben. Ein Ökonomist ist er zweifellos, ein Herr der Effekte. Und wozu haben wir die Historie, all diese schauerlichen düsteren Jahrhunderte, wenn nicht, um einen High-Tech-Thriller daraus zu machen?

Also tritt der Aliens-Experte des Königlichen Hofes anno 1766 zu der Frau im Wasser und spricht das düstere Wort: Dies war kein Wolf! Zähne wie diese habe er sein Leben lang nicht gesehen. Das muss etwas ganz anderes gewesen sein.

Filme, in denen das Ganz-Andere die Hauptrolle übernimmt, gehören ins Fantasy-Fach. Allerdings hat die Jagd nach dunklen Bestien auch ihren aufklärerischen Aspekt, und auf den legt Gans durchaus Wert. Und überhaupt: 1766 - das ist ja mitten in der Aufklärung! Die Zeit, als auch Rousseau durch Frankreichs Wälder streifte.

Andererseits hat er keinen Wolf gesehen. Dafür taucht die Figur des schönen Wilden auf in der Literatur. Auf die Preisfrage der Akademie, ob Wissenschaft und Künste die Sitten gebessert und die Dinge des Menschen zum Guten gewendet hätten, antwortete bereits Rousseau mit einem resignierten, zivilisationsmüden "Nein!"

Folglich gibt es auch in "Pakt der Wölfe" einen besonders schönen edlen Wilden, den einzigen Überlebenden seines Stammes, den die Abgesandten der Zivilisation in Amerika ausgerottet haben. Der Aliens-Experte (Samuel le Bihan) aber ist eine Art neuer Rousseau, nur körperlich viel begabter. Erst zu zweit, ausgestattet mit einem mächtigen Zweifel an den Menschen und mit den heilenden Kräften der Natur, sind sie siegreich. Niemand braucht zu erschrecken vor den Parallelen, denn es geht in "Pakt der Wölfe", jedenfalls an der Oberfläche, nur um eins: Der tapfere Aliens-Experte und sein Gefährte jagen den bösen Wolf. Dabei nähern sie sich immer mehr einer Einsicht, die Fantasy-Filme eher weniger, die Philosophen dafür um so mehr hatten: homo homini lupus.

Genug! Was ist Hollywood gegen die Franzosen, wenn es um Kino geht, das vor allem auf der Tonspur funktioniert? Von wegen, in Frankreich gibt es nur Filme, die in irgendwelchen Cafes spielen, wo Leute sitzen, die gar nicht mehr aufhören zu reden. Dieses Urteil müssen wir nun endgültig korrigieren.

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