Kultur : Der mit den Schnapphändchen: Ein Gespräch mit dem Galeristen Christian Nagel

Herr Nagel[im vergangenen Jahr sind Sie innerhalb]

Christian Nagel, 1961 in München geboren, gilt als einer der einflussreichsten Galeristen seiner Generation. Erste Ausstellungserfahrungen sammelte der kompromißlose Bayer nach dem Kunstgeschichtsstudium 1986 bis 1988 zusammen mit Partner Matthias Buck in den Räumen der Münchner Galerie Christoph Dürr, 1990 eröffnete Nagel in Köln eigene Räume. Seit damals arbeitet der Spezialist für schwierige Positionen kontinuierlich mit Künstlern zusammen, deren "harte und radikale" Konzepte ihn faszinieren. Nicht zuletzt auch ihrem Galeristen verdanken Clegg & Guttmann, Mark Dion, Renée Green, Christian Philipp Müller, Heimo Zobernig, Cosima von Bonin, Joseph Zehrer, Michael Krebber und seit 1996 Kai Althoff ihre internationale Anerkennung.

Herr Nagel, im vergangenen Jahr sind Sie innerhalb von Köln in größere Galerieräume umgezogen. Lässt Berlin Sie kalt?

Keineswegs. Seit 1990 beobachte ich die Entwicklung der jungen Kunst dort intensiv. Von Anfang an - inzwischen also fünf Jahre - bin ich Gesellschafter der Kunstmesse "art forum berlin", außerdem habe ich die Kunsthalle INIT mitbegründet. Das war für mich interessanter als noch eine Galerie in der Auguststraße zu eröffnen. Schließlich arbeiten die meisten meiner Künstler in Köln.

Wie bedeutend ist der Standort für eine Galerie heute noch?

In München kann man eigentlich immer noch keine Galerie eröffnen. Ich wundere mich regelmäßig darüber, was dort alles gezeigt wird und was brach liegt. Mit Ausnahme von Rüdiger Schöttle, Six Friedrich, Sabine Knust und seit kurzem Philomene Magers scheint niemand über den Tellerrand zu blicken. Dabei ist die Zeit gerade jetzt sehr fruchtbar für Neuentdeckungen. Es gibt im Augenblick zwar viele Positionen, doch allmählich kristallisiert sich die Kunst für das Jahr 2005 heraus. Wenn dann Gisela Capitain zu den Kölner Premierentagen Rachel Khedoori zeigt oder Daniel Buchholz, Frances Stark und ich im kommenden Jahr Jennifer Mary und Catherine Sullivan, dann kann man sagen, dass die Kölner Galeristen nach wie vor vorne dabei sind.

Und Berlin?

In Berlin hat sich in den vergangenen fünf Jahren sehr viel getan. Jetzt wird sich klären, welche Positionen bestehen können und wie es weiter geht. Welche Zukunft zum Beispiel die "neue deutsche Fröhlichkeit" hat. Diese Trendkunst hat sich meiner Meinung nach durch gewisse Beiträge der Wolfsburger Ausstellung "German Open" selbst ins Knie geschossen.

Sie werden international für die Konsequenz und Kompromisslosigkeit Ihres Programms gelobt, das coole Kunst stets ausklammerte. Wie konnten Sie Ihr eher schwieriges Konzept durchhalten?

Als ich 1990 nach Köln ging, schrieb das Magazin "Artscribe" bald über "the hippest gallery of Cologne, und von Anfang an gab es einige wichtige Sammler. Dann kam 1993 der von Johannes Daxer finanzierte "K-Raum Daxer" in München dazu, in dem zwei Jahre lang viele Künstler der Galerie zu sehen waren. Aber trotz aller Aktivitäten stimmten die Finanzen nie ganz.

Dafür heute umso mehr?

Immerhin gibt es mich noch - und zwar relativ solide. Heute bin ich auf sechs internationalen Messen vertreten: in Basel, Berlin, Köln, Athen, Moskau und New York. In Deutschland mache ich ungefähr 60 Prozent meines Umsatzes, in den USA 20, den Rest in den übrigen europäischen Ländern.

Sie haben also erreicht, was Sie sich bisher vorgenommen haben?

Die kitschige Antwort lautet: Ich würde alles noch einmal genauso machen - naja, mit Abstrichen. Heute habe ich vor allem mehr betriebswirtschaftliche Erfahrung. Aber die generelle Entscheidung, Positionen von Künstlern zu vertreten, die den härtesten und radikalsten Weg gewählt haben, die würde ich wieder treffen. Ich identifiziere mich genau mit ihren Haltungen. Es ist umso schöner für mich, dass eine Künstlerin wie Cosima von Bonin inzwischen von einem breiteren Publikum gewürdigt wird. Man sieht also, auch die konzeptuellere, schwierigere Kunst hat Chancen und findet Käufer.

Wann wussten Sie, dass Sie Galerist werden wollten?

Ich habe mich immer für Kunst interessiert. Während meines Kunstgeschichtsstudiums habe ich ein Praktikum im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum gemacht und dabei gemerkt, dass mir die Arbeit in einer Institution zu wenig Freiraum lässt. 1986 hatte ich dann die Chance, zwei Jahre lang mit Matthias Buck in den Münchner Räumen der Galerie Christoph Dürr Ausstellungen zu machen. Es gab eine Grundregel, die lautete: keine Freunde. Wir zeigten also Künstler der Generation vor uns, Clegg & Guttman, Martin Kippenberger, Franz West, Heimo Zobernig, Thomas Locher. Die haben uns jüngere Künstler empfohlen, und so ging es los.

Was war der härteste Moment in Ihrem Galeristendasein?

Als mir am 6. Januar eines Jahres von heute auf morgen der Kontokorrentkredit gekündigt wurde. Zum Glück habe ich einen neuen Banker gefunden.

Wie wurden Sie als Neugalerist in Köln von den Kollegen aufgenommen?

Einige haben mich mit offenen Armen empfangen. Diese Art der Hilfestellung gebe ich jetzt jüngeren Kollegen nach Möglichkeit ebenfalls. Nach wie vor gibt es jedoch die Generation der rund 60-jährigen Galeristen und Museumsleute, die blocken. Es gibt auch keine Künstler mehr, die wie Warhol, Beuys und Kippenberger als Integrationsfi-guren wirken. Wünschenswert wäre, dass sich gewisse Herrenmentalitäten der deutschen Kunstwelt endlich verflüchtigen.

Wie konnten Sie schon vor zehn Jahren wissen, dass Cosima von Bonin solche Bedeutung gewinnen würde?

Michael Krebber hat das nett ausgedrückt, indem er sagte: Nagel, du hast das Schnapphändchen. Man muss im richtigen Moment zugreifen.

Lassen sich die Künstler, die Sie vertreten, tatsächlich unter dem Label "Kontext" einorden, wie das oft geschieht?

Nein! Es gab ja jene berühmt-berüchtigte Ausstellung von Peter Weibel, die für uns ähnliche Auswirkungen hatte wie jetzt "German Open" für die neue deutsche Fröhlichkeit. Damals wurden alle aktuellen Künstler in einem telefonbuchartigen Katalog unter dem Begriff "Kontext" geradezu geknebelt. Tatsache ist, dass es in den späten achtziger Jahren ein verstärktes Interesse für "site specific installations" gab. Künstler wie Mark Dion, Christian Philipp Müller, Renée Green entwickelten auf den Ort zugeschnittene Konzepte. Man sagte später, das sei die Kunst der schlechten wirtschaftlichen Jahre gewesen. Aber es ging um den Bruch mit jener affirmativen Kunst, die prätentiöse Objekte à la Koons weltweit vermarktete.

Sie haben gleichzeitig auch immer Malerei gezeigt, also ein traditionelles Medium.

Ich war immer an der Frage interessiert: Was kann man heute noch an die Wand hängen? Dabei finde ich vor allem Einzelgänger spannend wie Michael Krebber und Cosima von Bonin oder Hans-Jörg Mayer, aber auch Joseph Zehrer mit seinen verqueren valentinesken Ideen. Diese Künstler sind nicht so einfach kompatibel. Generell ist für mich Kunst umso besser, je verschiedener sie von allem anderen ist.

Wie wird sich die Kunst weiterentwickeln?

Die Malerei wird wieder stärker, weil es mehr und mehr Technologie gibt. Das Bedürfnis nach einem nicht bewegten Bild bleibt bestehen - und nicht allein deshalb, weil man es übers Sofa hängen kann.

Erleben wir derzeit wieder einen Kunstmarktboom?

Die Entwicklung geht in diese Richtung. Die Nachfrage ist groß, die Preise steigen. Man denkt bei der Kunst ja immer in Dezennien. Jetzt sind die neunziger Jahre vorbei; Kunden, die zunächst gezögert haben, kaufen nun - auch weil sie sehen, dass sich bestimmte jüngere Künstler etabliert haben.

An Sammlernachwuchs mangelt es nicht?

Nein. Derzeit entstehen Sammlungen, die spätestens in zehn, fünfzehn Jahren öffentlich werden. Ich versuche permanent nach oben und unten zu arbeiten. Das heisst: sowohl die etablierten Sammler zu bedienen, als auch den Nachwuchs zu fördern.

Verkaufen Sie auch an Institutionen?

Ich habe noch nie eine Arbeit an ein Museum verkauft! Das Debakel ist, dass an der Spitze der großen deutschen Museen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Kunsthistoriker stehen, die nicht in der Lage sind, eine Werkanalyse der Kunst der achtziger, geschweige denn neunziger Jahre zu machen. Es fehlt an Sachwissen. Welche Bedeutung hat die jüngere deutsche Kunst international? Neben den USA spielen deutsche Künstler seit fast vierzig Jahren die wichtigste Rolle. In Europa ist Deutschland in der Kunst mit das führende Land.

Wann ist ein Galerist ein guter Galerist?

Das A und O ist, soviel Kunst wie möglich zu sehen und soviel über Kunst wie möglich zu sprechen. Außerdem muss man sich darüber im klaren sein, dass man alles selbst in die Hand nehmen muss. Martin Kippenberger hat einmal gesagt: "Kunst machen, Zeitung gründen, Galerie gründen, Sammler finden." Man muss sich seine eigene Welt bauen. Das Gespräch führte Eva Karcher.

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