Kultur : Der Mixer

Zwischen Kuba und Klassik: Sebastian Schunkes neue CD

Tobias Lehmkuhl

Kuba ist in. Nach wie vor. Immer noch dudelt der Buena Vista Social Club aus jedem zweiten Café. Auch der junge Berliner Pianist, Komponist und Bandleader Sebastian Schunke hat sich von der Musikkultur der Karibikinsel begeistern lassen. Anders aber als seine berühmten Kollegen hat ihm das karibische Flair nicht die Sinne vernebelt. Er bedient nicht die Erwartungen des Kuba-Aficionados: kein schepperndes Blech, keine wehmütigen Gesänge, nicht die bedächtigen Lebensweisheiten alter Männer. Im Gegenteil. Schunke verzahnt die klassische europäische Tradition mit der afrikanisch-karibischen und der des Jazz. Was dabei entsteht, ist Latin Jazz in seiner federnden Art – als würde Blütenstaub zu Boden rieseln.

Schunkes zweite CD „mouvement“ (BMG) übererfüllt die Hoffnungen, die er mit seinem Debüt „Symbiosis“ vor zwei Jahren geweckt hatte. Seine Mitmusiker stammen wieder aus dem Dreieck Paris, New York, Havanna. Allen voran der umwerfende Felipe Cabrera Cardenas, dessen Kontrabass die Stücke strukturiert als fräßt er Markierungen in einen Stein. Mario Morejon Hernandez spielt die Trompete mit warmem Timbre, Peter Brainin die Saxophone wie Wayne Shorter und Chris Potter zusammen.

Schunkes seltene Pianosoli können sich ebenfalls hören lassen. Dabei verzichtet er auf Virtuosität. Er stellt sie vielmehr ganz in den Dienst des Gesamtzusammenhangs. Auch dies trägt zur Besonderheit Schunkes bei und macht „mouvement“ zu einer großen Platte. Schunke ist ein Musikdenker, die Band ist sein eigentliches Instrument, auch wenn seine Kompositionen etwas durchaus Pianistisches an sich haben. Der 30-jährige Wahlberliner erweist sich als subtiler Dirigent, der nie den Überblick verliert, jedem seine Freiheit lässt, das Ganze aber nicht einfach nur zusammenhält, sondern überlegen lenkt.

In dieser Hinsicht ist er mit zwei anderen Pianisten-Komponisten vergleichbar, mit Andrew Hill und Randy Weston. Auch für diese beiden Altmeister steht bei Bandprojekten immer erheblich mehr als das gelungene Solo im Vordergrund, das überraschende Zusammenspiel, die geglückte Melodie oder der mitreißende Groove. Ihre Stücke erzählen eigenständige Geschichten. Der Aufbau ist überraschend, die Statik unerschütterlich. Kein Rumgespiele, sondern verbindliche Äußerung.

So auch bei Sebastian Schunke, dessen Stücke trotz seiner Jugend erstaunlich reif sind, als seien sie bis aufs Gramm ausgewogen. Diese Musik ist luftig und erdig zugleich, geprägt vom kühnen Entwurf und genährt vom Bewusstsein der Geschichte. Schunke gewinnt aus den verschiedenen Elementen, die er aufklaubt, eine neue, äußerst stabile Molekularverbindung.

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