Kultur : Der Mörder ist immer der Künstler

KATRIN BETTINA MÜLLER

Bilde einen Satz mit Kunst und Kriminalistik! Zum Beispiel: Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit größer vor dem TV-Krimi einzuschlafen als vor den Kunstwerken einer Galerie. Dennoch gelten Krimis als spannender. Oder: Der deutsche Fernsehkommissar beweist durch sein Unverständnis für moderne Kunst, daß er ein Mensch-wie-du-und-ich ist. Das ist wohl die Rache der Drehbuchautoren, die angeblich zu viel Geld verdienen, um noch als Künstler (arm aber ehrlich) durchgehen zu können.Die Reihe der Beziehungen läßt sich fortsetzen. Stoff dafür liefert die Ausstellung "Stift - Gift - Schrift. Raum ohne Künstler", die Inga Kondeyne und Rainer Borgemeister in ihrer Galerie zusammen mit Andreas Seltzer, einem Spezialisten für den Bildgebrauch außerhalb der Kunst, eingerichtet haben. Mit kriminaltechnischen Instrumenten, Fotografien, Zeichnungen und Fundstücken appellieren sie an die Lust des Betrachters am Detektiv-Spiel. Sie wird zur Voraussetzung der Interpretation von Kunst und Nichtkunst."Kombiniere" sprach Sherlock Holmes und erfand damit den Kontext, der stumme Zeugnisse zum Sprechen bringt. Zur Vorgeschichte der dramatischen Ereignisse in der Galerie gehört ein gutes Dutzend der Weingläser, die sonst für Vernissagen genutzt werden und diesmal in einer Vitrine sichergestellt sind. Womöglich war Gift im Spiel; darauf deutet ein kleiner Behälter. Verschwunden ist in diesem "Raum ohne Künstler" der Autor, erschossen wurde das Bild. Davon zeugt eine zersplitterte Glasscheibe in einem leeren Rahmen. Einschußlöcher, silbern gerahmt wie Familienfotos, bilden eine Ahnengalerie des Lochs.Was denn überhaupt fehle, wollte der amtliche Bild-Ermittler wissen. Aber da ihm niemand eine vollständige Liste der zur Kunst gehörigen Dinge geben konnte, läßt sich diese Frage nicht genau beantworten. Wahrscheinlich war der Täter - so deutet eine topographische Zeichnung an - über eine der Linien in die Stadt gekommen, die vom Rand aus auf mäandernden Kurven ins Zentrum schlingern. Oder war dies umgekehrt der Weg des Verschwindens, haben sich die Künstler so aus dem Staub gemacht, getarnt als Zeichner von Buslinien und Fotografen von Tatorten? Ist die Andeutung des Verbrechens bloßes Täuschungsmanöver, eine weitere Simulation der Kunst auf der Flucht vor der endgültigen Definition?Auf jeden Fall reicht die Geschichte weit zurück. Ein Schlagstock mit der Aufschrift "Gerechtigkeit" ist aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder aufgetaucht. Kann ein Schlag jemals gerecht sein, fragte sich A., als er die seltsame Waffe entdeckte und er verlor sein Vertrauen in die Bezeichnung der Dinge. Man muß wieder ganz von vorn anfangen, darf auch der Behauptung der Dinge nicht trauen. Wer diesen Fall genauer unter die Lupe nehmen will, muß sich in die Galerie von Inga Kondeyne und Rainer Borgemeister begeben.

Galerie Kondeyne / Borgemeister, Rosenthaler Str. 40/41, Hackesche Höfe/Hof IV, bis 4. September; Dienstag bis Sonnabend 14-19 Uhr.

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