Kultur : Der Mordfall Rohwedder: Im Dunkeln

Gerd Appenzeller

"Generalstabsmäßig vorbereitet" - und genauso mustergültig wie geplant sollte auch der Anti-Terror-Einsatz auf dem Bahnhof des mecklenburgischen Bad Kleinen am 27. Juni 1993 ablaufen. Männer einer Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes, der GSG 9, hatten sich auf dem unübersichtlichen Gelände positioniert, um zwei mutmaßliche Mitglieder der RAF, Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld, bei einem Treffen mit einem V-Mann des Verfassungsschutzes festzunehmen. Beide wurden der Kommandoebene der "Rote Armee Fraktion" zugerechnet und seit 1984 gesucht.

Zum Thema Porträt: Detlev Karsten Rohwedder
Hintergrund: Auszüge aus der Pressemitteilung der Generalbundesanwaltschaft
Chronologie: Attentate der RAF Was als letzter großer Schlag gegen die Terrorszene gedacht war, endet in einem Desaster. Zwei Menschen, der Polizeibeamte Michael Newrzella und Wolfgang Grams sterben, Newrzella durch eine Kugel aus der Waffe von Grams, Grams selbst durch einen Schuss aus der eigenen Pistole. Selbstmord, sagt die Bundesanwaltschaft bis heute. Mord durch einen Polzisten, kolportierte damals nicht nur die Szene. Letzte Zweifel sind bis auf den heutigen Tag nicht ausgeräumt: Tötete sich Grams, seine aussichtlose Lage erkennend, selbst, oder erschoss einer der am Einsatz beteiligten GSG 9-Beamten Wolfgang Grams mit dessen eigener Waffe? Noch im September 1998 erklärt das Landgericht Bonn in einem von den Eltern von Wolfgang Grams angestrengten Zivilverfahren, weder eine Fremdtötung noch ein Selbstmord seien zweifelsfrei erwiesen. Als gesichert gilt heute nur, dass Grams durch einen absoluten Nahschuss ums Leben kam.

Die Zweifel an der Integrität des polizeilichen Vorgehens im Sommer 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen nährten sich damals aus vielen Quellen. Die Aussagen von sechs der eingesetzten Beamten über den Hergang widersprachen den objektiven Feststellungen medizinischer Gutachten. Die Hände des toten Grams waren gewaschen worden, bevor eine Untersuchung auf Schmauchspuren möglich gewesen war. Ein Zeuge wollte einen Polizisten beim Todesschuss beobachtet haben. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl schilderte vor dem Innen- und dem Rechtsausschuss des Bundestages sowie den Medien gegenüber den Ablauf widersprüchlich.

Am 4. Juli 1993 übernimmt der für die GSG 9 zuständige Bundesinnenminister Rudolf Seiters die politische Verantwortung für das Geschehen und tritt zurück. Zwei Tage später wird der Generalbundesanwalt entlassen. Vor allem der Rücktritt des als überaus integer geltenden Seiters wird in der Öffentlichkeit als Alarmsignal verstanden. Wenn Seiters geht, so die weit verbreitete Meinung, muss an den Vorwürfen gegen die Polizei etwas dran sein. Heute, acht Jahre danach, wird sein Abgang eher als Akt der Resignation denn als Reaktion auf eine mögliche schwere Straftat der Einsatzkräfte von Bad Kleinen gesehen.

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