Kultur : Der Mordfall Rohwedder: Um ein Haar

Ursula Knapp,Frank Jansen

Haarspalterei war es nicht, sondern eine handfeste Überraschung. Und die verkündete am Mittwoch Generalbundesanwalt Kay Nehm. Seit Jahren müht man sich, die letzten Morde der längst aufgelösten Rote Armee Fraktion aufzuklären. Aber gute Spuren, neue Thesen oder gar überführte Täter gab es bisher nicht. Das ist nun anders: Mehr als zehn Jahre nach dem unaufgeklärten Mord an dem Treuhand-Vorsitzenden Detlev Karsten Rohwedder führte ein Haar auf einem am Tatort liegen gebliebenen Frotteehandtuch zu dem RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Allerdings wird es trotz der neuen Spur zu keinem Prozess kommen, denn Grams ist 1993 bei einer Festnahmeaktion in Bad Kleinen ums Leben gekommen.

Zum Thema Porträt: Detlev Karsten Rohwedder
Hintergrund: Auszüge aus der Pressemitteilung der Generalbundesanwaltschaft
Chronologie: Attentate der RAF Von welchem Kopf das Haar auf dem Frotteehandtuch stammt, war lange nicht zu klären. 2000 entwickelte das Bundeskriminalamt eine "DNA-Analyse an telogenen Haaren". Das sind Haare, die von der Kopfhaut abgestoßen werden. Seitdem ist es in einem aufwändigen Verfahren möglich, auch diese wurzellosen Haare einer bestimmten Person zuzuschreiben. In diesem Fall war es der 1993 in Bad Kleinen erschossene RAF-Terrorist Wolfgang Grams. Unklar bleibt aber, ob Grams die tödlichen Schüsse abgegeben hat. Auch nach der Analyse des telogenen Haares stehe nur fest, dass Grams einer der Tatbeteiligten war, heißt es beim Bundeskriminalamt. Weitere Indizien wiesen daraufhin, dass mehrere Personen den Mord verübt haben.

Ob sich auch die RAF-Frau Birgit Hogefeld auf dem Schrebergartengelände aufgehalten hat, kann das BKA nicht mit Sicherheit sagen. Da Grams und Hogefeld jedoch oft als Paar auftraten, sei die Vermutung einer Mittäterschaft der RAF-Frau "zumindest eine gute These". Birgit Hogefeld wurde nach der Schießerei in Bad Kleinen festgenommen und im Januar 1999 zu lebenslanger Haft verurteilt. Welche Terroristen sich außer Hogefeld an dem Anschlag beteiligt haben könnten, ist schwer zu ermitteln, zumal das BKA noch nicht alle Mitglieder der letzten RAF-Generation kennt. Die in den vergangenen Jahren mehrfach in der Öffentlichkeit diskutierte Theorie, ehemalige Angehörige der DDR-Staatssicherheit hätten an dem Attentat mitgewirkt, um die Bundesregierung vor einer weiteren Verfolgung von Stasi-Verbrechen zu warnen, hält das Bundeskriminalamt jedoch weiterhin für "abwegig".

Neben dem Attentat an Rohwedder ist die Liste der noch nicht aufgeklärten Morde lang, die die dritte RAF-Generation begangen hat. Seit vielen Jahren versuchen die erfahrendsten Kriminalisten, zahlreiche Staatsschützer und jede Menge geschulter Fahnder, die Täter zu fassen - bisher vergeblich. Da ist zum Beispiel Ernst Zimmermann, der Chef des Rüstungsunternehmens MTU, der am 1. Februar 1985 erschossen wurde. Da ist Karl Heinz Beckurts, Siemens-Manager, der zusammen mit seinem Fahrer Eckhart Groppler am 9. Juli 1986 in die Luft gesprengt wurde. Da ist Gerold von Braunmühl, Beamter im Auswärtigen Amt, der am 10. Oktober 1986 erschossen wurde. Und da ist schließlich Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der am 30. November 1989 in die Luft gesprengt wurde.

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