Kultur : Der Morgen ist die beste Zeit

KERSTIN DECKER

Es gibt genau zwei Dinge, sagte Cioran, die ihn mit metaphysischer Hysterie erfüllen - eine stehende Uhr und eine gehende Uhr.Manche Menschen führen Tagebücher, um das Stehen mit dem Gehen zu überlisten und umgekehrt.Kann auch ein Film ein Tagebuch sein?

Man notiert oder zeigt also das Wesentliche.Eine Hyazinthenblüte.Manchmal passiert einen ganzen Monat lang nichts weiter als diese eine Hyazinthe.Niemand filmt Hyazinthen wie die Französin Dominique Cabrera.Oder den ganz frühen Morgen.Er ist ohnehin die beste Zeit für schlaflose Menschen wie sie.Der neue Tag noch nicht viel mehr als eine uferlose Möglichkeit, unbewußt seiner selbst.Ein Zwischenreich von Leben und Tod.

Frauen wie Dominique Cabrera wohnen manchmal in diesen Reichen.Auch wenn sie nichts ausgesprochen hätte - ihre Bilder verraten sie.Die nächsten Dinge aus kosmischem Abstand heraus gesehen.Das unabgewaschene Geschirr in der Küche so, als fotografiere sie eine futuristische Installation.Diese Kälte und Überempfänglichkeit für Schönheit zugleich.Fremd geworden das Leben.Jetzt kann man es sehen.

Helle Tagmenschen nennen Frauen wie Cabrera depressiv.Vielleicht trifft der deutsche Ausdruck Schwermut die Sache besser.Nicht einfach gestört, sondern in ein anderes Weltverhältnis eingetreten zu sein.Seine einzige Rechtfertigung vielleicht: die Schwermut ist der ästhetische Zustand schlechthin.

Privates und Öffentliches nebeneinander, ineinander.Das ist der Reiz jeden Tagebuchs.Das eigene Kind, dessen Vater, der neue Freund, aber auch Mitterrand und Le Pen, alle werden zu Statisten in Cabreras Tagebuchfilm 1995.Aber gibt es ein größeres Risiko als diese Selbstentblößung vor der (eigenen) Kamera?

Am Anfang spürt man ihn wirklich, jenen leichten Widerwillen, sich zur Geisel einer fremden Selbsterfahrung machen zu lassen.Am Ende weiß man wieder, daß jedes Wesentlichwerden gegen stehende und laufende Uhren - Kunst also - zuletzt auf einem Selbstversuch beruht.

Im fsk am Oranienplatz

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