Kultur : Der Müll, aus dem die Mythen sind

Großinstallateur Jonathan Meese stapelt in den Hamburger Deichtorhallen seine Kunstwelten

Christina Tilmann

Das Ganze liest sich wie ein Bewerbungsschreiben für Bayreuth. „Stalin erwache, Richard Wagner erscheine“ steht in großer weißer Schrift über dem Eingang zur Black Box. Des Weiteren sind zu bewundern: ein Parsifal-Kopf aus Gips, Hagen von Tronje als Schaufensterpuppe und Jonathan Meese selbst als Mama Parsifal. Vielleicht hätten sie ihn ja auch nach Bayreuth holen sollen, wie Christoph Schlingensief damals für „Parsifal“. Denn dass es gewaltig wagnert in den Bild- und Mythenwelten des „mit 36 Jahren jüngsten deutschen Großkünstlers“, wie der in Ahrensburg geborene Meese tituliert wird, ist nicht zu übersehen. Und man muss nicht erst die monströse Parsifal-Performance vor einem Jahr im Magazin der Berliner Staatsoper gesehen haben, um zu erkennen, dass es diesen Künstler unweigerlich auf die Bühne zieht. Frank Castorf hat Meese schon 2004 denn auch an die Berliner Volksbühne geholt, um das Bühnenbild für „Kokain“ zu entwerfen. Im Herbst wollen beide zusammen die „Meistersinger“ stemmen: in der Volksbühne.

„Kokain“ also: Jenes gewaltige begehbare eiserne Kreuz, das Meese für Castorfs Adaption von Pitigrillis Großstadt- Roman entwarf, steht im Zentrum der Hamburger Retrospektive, die mit über 300 Werken, Bildern, Skulpturen und Installationen die nördliche Deichtorhalle füllt, ach was: sprengt. Eine riesige Black Box aus schwarzer Plastikplane hat Meese hingestellt, eine Halle in der Halle, die ein ganzes Theater fasst, mit klassischen Zuschauerrängen, Drehbühne und Videoleinwand. Hier wurde, zum Auftakt der Ausstellung, „Kokain“ als Volksbühnen-Gastspiel noch einmal gegeben, bevor die in Avignon und Salzburg gefeierte Inszenierung in der Versenkung verschwindet. Jetzt bevölkern Skelette, Kinderpuppen und Schaufensterfiguren die Ränge, auf den Monitoren der Bühne laufen Videos von Meese-Performances.

Der Hang zur Großinstallation ist augenfällig. Bühne war Meeses Werk schon immer, auch als es noch nicht im Theater, sondern in Galerien oder Museen präsentiert wurde. „Ahoi the Angst. Die Räuber“ hieß der Prototyp, 1998 in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts und dann auf der ersten Berlin Biennale. Er machte Meese schlagartig berühmt: ein zugerümpelter Raum voller Plakate, Bilder, Skulpturen, zerbrochenes Spielzeug, Zeitschriften, Bücher, Notate. Ein unaufgeräumtes Kinderzimmer, ein Weltbild-Zettelkasten. Sie haben sich seitdem nicht viel weiterentwickelt, Meeses Heroen aus der Film-, Comic-, Groschenromanwelt wie aus der Welt- und Mythengeschichte. Alex de Large, der gewalttätige Dandy aus Stanley Kubricks „Clockwork Orange“, neben Hitler und Stalin, Hagen von Tronje, Nietzsche, Wagner. Frauen spielen eher selten eine Rolle, neben Romy Schneider und zuletzt auch Scarlett Johansson immer wieder: die Mutter.

Mutter Meese, die alleinerziehende Frau in Ahrensburg, bei der der Sohn noch heute wohnt, die über sein Werk und seine Finanzen wacht, auch das ist natürlich: Inszenierung. Man denkt an Fassbinder und seine Mutter, auch er ein Vorbild für Meese, man denkt an all die Künstler in Malerei und Literatur, die ihr besonders Verhältnis zur Mutter thematisieren, Mütter und Söhne, Mütter und Töchter wie Elfride Jelinek zum Beispiel. Unproblematisch ist das nie. Die Hamburger Ausstellung hat Meese ganz der Mutter gewidmet, „Mama Johnny“ lautet ihr Titel, und man sieht sie auf Fotografien einträchtig am Abendbrottisch, Mutter und Sohn, Schinkenbrot essend, sieht die Mutter als junge, hübsche Frau: eine berührende Hommage.

Das ist alles ernst gemeint, dieses alle Formate und Begriffe sprengende Künstleruniversum, die Fundgrube und Sperrmüllhalde. Humor oder Ironie sind Meese eher fremd, auch der kalte Witz, mit dem einer wie Heiner Müller sich auf die deutsche Geschichtskatastrophe warf. Einar Schleef passt schon eher. Ja, man mag sich ärgern über die Großmannssucht, das so deutsche Streben nach Drama und Drastik, Blut und Tränen, Genie und Wahnsinn. Kein Wunder, dass Meese, jener langhaarige, grundfreundliche Mensch in schwarzer Adidas-Jacke (er hat davon sieben) wie die Inkarnation des romantischen Künstlers erscheint und wie ein pubertärer Junge, dem es einerlei ist, ob es nun gerade um Gunther und Hagen oder Hitler und Stalin geht. Hauptsache groß. Hauptsache Pathos.

Und man muss doch eingestehen, dass das Ganze großartig ist in seinem Furor, seiner Kraft. Tausende von Seiten, ganze Bücher hat Meese gefüllt, mit unverständlichen Notaten, hat sich Türme und Schlösser und Grabkammern erträumt und irgendwann auch entworfen und gebaut, die jetzt alle in der Deichtorhalle stehen. Der „Maldoror-Turm“, das rosa Schloss „MOR“, die Galgen-Installation „Störtebecker“. Fruchtbare Künstlerfreundschaften sind entstanden, mit Jörg Immendorff, Albert Oehlen, Daniel Richter. Und geniale Wortschöpfungen wie „Unschuldslammeese“. Ja, alles ganz unschuldig: Der will doch nur spielen.

Am Ende bleibt man in der Black Box hängen, am Tresen der Kokain-Bar, auf der sich endlos drehenden Bühne, auf Monitoren vorn flimmert Meese vorbei, Meese als Parsifal, Meese mit Hitlergruß, Meese mit Stahlhelm, Meese, der sich mit Lippenstift ein Kreuz auf die Brust malt, Meese mit Mikrofon singend, und die Skelette von den Zuschauerrängen schauen zu. Darauf einen Drink, vielleicht einen Becher Blut oder eine Nase Kokain, jedem seine Droge, und immer so weiter in Ewigkeit. Es ist gemütlich in Meeses Hölle.

Jonathan Meese, Mama Johnny, Deichtorhallen Hamburg, bis 3. September. Katalog erscheint Ende Mai bei Walther König

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