Kultur : Der Mullah von Drosdanien

Theater als Denksport – deutsche Erstaufführung von David Edgars „Gefangenendilemma“ in Essen

Hans Christoph Buch

Die Schere zwischen dem, wovon die Literatur handelt, und dem, was die Menschen gerade bewegt, klafft in Deutschland oft weit auseinander. Die Kriege der Gegenwart – von Bosnien und Kosovo bis zum Golf – kommen in der deutschen Literatur nicht vor. Werden sie überhaupt erwähnt, dienen sie eher zum Munitionieren von Meinungen, wobei Schriftsteller sich genauso blamiert haben wie andere Stammtischstrategen. Zum Beispiel Peter Handke, dessen Absage an Nato- und Uno-Einsätze mit einer Parteinahme für das Milosevic-Regime gekoppelt war. Anders in England, wo die Grenze zwischen Kunst und Politik schon immer durchlässig ist und die Literatur sich nie scheut, die Reibung mit der Gegenwart zu suchen. Man denke nur an die Schilderung des Kalten Krieges bei John Le Carré oder an Afrika, Kuba und Vietnam im Werk von Graham Greene. Im britischen Theater gilt das gleiche auch für Autoren wie David Hare, Howard Brenton oder David Edgar.

David Edgar steht dabei in der Tradition einer zeitpolitischen Dramatik, die Anregungen von Brecht, Arthur Miller oder Peter Weiss aufgreift und das Dokumentartheater der 60er Jahre auf höherer Stufe fortführt. Edgars in England vielbeachtete Dramen sind Denkspiele, die um aktuelle Konflikte der Gegenwart kreisen, ohne deshalb zu Sprachrohren politischer Propaganda und ideologischer Parteinahme zu werden oder sich wie Peter Handkes Bosnien-Stück in Medienschelte zu erschöpfen. Das zeigt auch das von der Royal Shakespeare Company uraufgeführte und jetzt in Essen erstmals auf Deutsch inszenierte Drama „Das Gefangenendilemma“ (The Prisoner’s Dilemma).

Das Stück spielt in einem Phantasieland namens Drosdanien, das Züge Tschetscheniens trägt: Großrussischer Imperialismus prallt mit dem Unabhängigkeitsstreben eines kleinen Kaukasusvolkes zusammen, und der Konflikt wird durch Geiselnahmen und Massaker, islamischen Fanatismus und Terrorismus noch verschärft. Die Geschichte beginnt auf dem Campus einer kalifornischen Universität, wo zukünftige Diplomaten Strategien des Konfliktmanagements proben, und endet Jahre später mit der schlechtesten Lösung, der Teilung des Landes, die den Betroffenen in einem Verhandlungsmarathon an Bord eines amerikanischen Kriegsschiffes aufgezwungen wird, wobei ein telefonisch zugeschalteter US-Präsident als deus ex machina fungiert. Diese Wendung der Dinge passt weniger zu Tschetschenien, als zum Kosovokrieg, und wie dort resultiert sie aus der Unfähigkeit der Akteure, ohne massiven Druck von außen einen Modus vivendi zu finden – zum Leidwesen neutraler Vermittler in Gestalt einer blonden Finnin, deren Traum von multiethnischer Demokratie, Zivilgesellschaft und Toleranz Schiffbruch erleidet. In der Schlussszene wird das Machtvakuum von aggressivem Fundamentalismus gefüllt, dem die mühsam erkämpfte Gleichstellung der Frau als erstes zum Opfer fällt.

Diesen Stoff hat Essens Schauspieldirektor Jürgen Bosse präzise und schnörkellos inszeniert. Wolf Münzners minimalistische Ausstattung beschränkt sich dabei aufs Notwendigste: Ein Konferenztisch, eine Sitzgruppe oder eine Schiffsreling deuten wechselnde Schauplätze an, und die Amphitheaterbühne lässt die Zuschauer hautnah am Geschehen teilnehmen. Beim Massaker nach dem misslungenen Vermittlungsversuch fließt viel Theaterblut. Wenn die kaukasischen Delegierten in der Originalsprache reden, ohne dass eine Übersetzung nötig wäre, steigert das die Intensität des Stücks, das als aufklärerischer Denksport den Zuschauern höchste Aufmerksamkeit abverlangt. Zugleich aber gewinnt Edgars Text das Publikum auch immer wieder mit witzigen Pointen. Dank eines vorzüglichen Ensembles, in dem Katharina Hofmann als finnische Diplomatin, Isis Krüger als drosdanische Milizionärin und Hannes Fischer als verwestlichter Russe herausragen, wird das Stück zum eindrucksvollen Appell an die ästhetische und politische Urteilskraft.

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