Kultur : Der Musen-Küsser

Schatzgräber des Kabaretts: Volker Kühn wird 70

Thomas Thiel

Die Geschichte des Kabaretts kämpft immer mit ihrem inneren Widerspruch: Was für den Tag geschrieben ist, will nicht nach einem halben Jahrhundert noch Wirkung haben. Volker Kühn, Deutschlands bedeutendster Kabaretthistoriker, weiß das. Trotzdem hat er das deutsche Kabarett fürs Archiv gerettet. Er ist der Pionier der deutschen Kabarettgeschichte. Kühn kam über den Journalismus zum Kabarett. Als Redakteur des Hessischen Rundfunks langweilte den gebürtigen Osnabrücker das Programm seines eigenen Senders. Kurzentschlossen lud er sich Brettl-Größen von Wolfgang Neuss bis Hanns Dieter Hüsch ins Studio. Und schritt bald selbst zur Praxis: als Autor unzähliger Revuen, Features, Fernsehdokumentationen. Seine „Pol(h)itparade“, eine auf Schallplatte gepresste Parodie deutscher Bundestagsreden, stürmte 1969 die Hitparaden.

Kühn war Produzent, Texter, Regisseur, Impresario, auf die Bühne wollte er nie. Im Alltagsgeschäft des Kabaretts fehlte ihm die theoretische und historische Referenz. Also begann er, die Geschichte des „ungezogenen Musenkinds“ zu schreiben. Seine fünfbändige Geschichte des deutschen Kabaretts („Kleinkunststücke“), 1987 begonnen und im Quadriga-Verlag sowie bei Zweitausendeins erschienen, ist längst ein Standardwerk. In Berlin war Kühn schon immer zu Hause, seit zehn Jahren hat er hier auch seinen Hauptwohnsitz. Regelmäßig hebt er die Schätze ans Licht, die die Akademie der Künste in den Nachlässen ihres Archivs verwahrt. Fürs Theater des Westens schrieb er Musicals („EinsZweiDrei“, „Bombenstimmung“), der Deutschen Oper lieferte er eine Neufassung des „Freischütz“, mit Gründgens („G wie Gustav. Mit F.“) beschäftigte er sich ebenso wie mit der Dietrich (die deutsche Fassung von Pam Gems’ Stück „Marlene“ stammt von ihm).

Volker Kühn begreift Kabarett als Aufklärungsinstrument. Mit dem Comedy-Boom hat er Probleme. „Es fehlt jemand, der den Mut hat, den einfachen, geraden und klaren Satz zu sagen: Die Welt ist nicht perfekt, so wie sie ist. Sie könnte anders und besser sein.“ Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Tusch und Trommelwirbel!

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