Kultur : Der Musen-Stempel

Zwanzig Jahre Mauerfall: Das „Korrekturen“- Spektakel im Maxim Gorki Theater Berlin

Christine Wahl

Wer akuten Diktatur-Nachholbedarf hat oder schmerzlich die (innerdeutschen) Grenzposten vermisst, kann sich im Foyer Gorki Theaters erst mal ein drolliges Ersatzerlebnis verschaffen. Das Spektakel „Korrekturen“ thematisierte drei Abende lang in dreizehn größtenteils parallel laufenden Veranstaltungen die deutsch-deutsche Geschichte; von Heiner-Müller-Texten (Ost) über Fassbinder-Betrachtungen (West) bis zur gemeinsamen Hartz-IV-Gegenwart. Am Einlass durfte man sich für jede besuchte Veranstaltung einen neckischen Stempel ins eigens ausgehändigte Mitgliedsbuch drucken lassen.

Sobald man im Zuschauerraum sitzt, bleibt diese Kalte-Kriegs-Folklore zwar glücklicherweise draußen. Die Frage, warum Historie zunehmend als Kindergeburtstagseinlage verabreicht wird, hängt einem trotzdem lange nach. Zumal doch gleich „Grenzüberschreibungen“ – eine von Jan Bosse eingerichtete Lesung aus Briefen, die Ostler und Westler einander zwischen 1961 und 1989 schickten – daran erinnert, wie denkbar wenig Mauer und Realsozialismus mit Party-Ringelpiez zu tun hatten.

Vor einigen Wochen hatte das Gorki seine Zuschauer via Internet gebeten, in ihrem privaten Brief-Fundus zu wühlen. Herausgekommen ist ein höchst ungewöhnlicher Crashkurs deutsch-deutscher Alltagsgeschichte. Denn das Spektrum der eingesandten Briefe – von Care-Paket-Pragmatismus über die west-östlichen Gelegenheitsbriefmarkentauschpartnerschaft bis zum politisch ambitionierten Pinneberger Juso-Paar, das den Genossen drüben offenherzig Schwierigkeiten bei der Marcuse-Lektüre gesteht – ist erstaunlich breit.

Aus dem Off überfordert beispielsweise eine ausreisewillige junge Frau mit berechtigter Angst vor der Staatssicherheit ihre West-Tante immer wieder mit humanitären Hilfsbetteleien. Die Tante solle doch Kontakt zu Helmut Kohl aufnehmen, um ihr zur Ausreise zu verhelfen! Dass die Mauer manchmal auch zum wohligen Baden in projektionsverdächtigem Trennungsschmerz taugte, beweist der von Michael Klammer in vollendeter Larmoyanz gegebene Leipziger Theologiestudent. Dessen lose West-Bekanntschaft mausert sich in der Abwesenheit derart zur ultimativen Superfrau, dass der Student das Briefschreiben nach jedem dritten Satz für einen kleinen Heulanfall unterbrechen muss.

Zwei Stunden später, in Robert Thalheims angenehm minimalistischer Inszenierung von Uwe Johnsons „Zwei Ansichten“, begegnet man diesem Typus wieder. Hier sitzt der junge Mann zwar in einem westdeutschen Kaff und seine aufkeimende Liaison in Ostberlin. Aber die gigantische Projektion, die durch den Mauerbau aus dem Nichts in Gang gesetzt wird, wiederholt sich: Julischka Eichel und Ronald Kukulies graben sich ohne aktionistische Kinkerlitzchen in diesen 1965 in der Bundesrepublik erschienenen Text hinein. Ein erneuter Beweis, dass das unaufgeregte Einlassen auf Zeitdokumente nicht nur erkenntnismäßig, sondern selbst atmosphärisch wesentlich mehr bewirkt als die ärgerliche Stempel-Simulationsfolklore im Foyer.

Gleiches gilt für Armin Petras’ wunderbar beiläufige Mini-Open-Air-Inszenierung auf dem Parkplatz. Der Gorki-Intendant hat Inge und Heiner Müllers „Korrektur“, ein Auftragswerk über den Bau des Gaskombinats „Schwarze Pumpe“, das 1958 im Gorki-Theater uraufgeführt wurde, aus dem Fundus geholt. Der Brigadier und ehemalige KZ-Häftling Bremer, der nach einer anfänglichen sozialistischen Funktionärskarriere zur Bewährung in die Produktion geschickt wird, weil er einen Nazi verprügelt hat, kommt nicht damit klar, dass der Sozialismus – wie es im Stück heißt – nicht allein von Sozialisten aufgebaut wird. Mit einem offenbar unerschütterlichen, für Zeitgenossen schwer nachvollziehbaren Utopie-Überschuss steigt er die realsozialistische Karriereleiter deshalb weiter und weiter ab.

Heute sitzt der Ex-Brigadier Bremer zu Hause und spricht nur dann, wenn seine strenge Gattin länger aus dem Haus ist. Und zwar zu seiner Enkeltochter. Vom „Aufbau. Und Brigaden“. Und der „Liebe der Partei“. Dies zumindest behauptet der Jungdramatiker Thomas Freyer, der „Die Korrektur“ im Auftrag des Gorki-Theaters fortgeschrieben hat. Und genau an diesem Punkt, an dem die Historie in die Gegenwart übergeht, wird es in diesem Gorki-Projekt denn auch problematisch. Freyer stellt Bremers Enkeltochter ins Zentrum: Eine junge Frau, die weder mit ihrer pragmatischen Mutter noch mit ihrer DDR-treuen Großmutter klarkommt und ihrerseits ein Fach studiert, „das ich jedem erklären muss, der nicht mit mir zusammen im Vorlesungssaal sitzt“. Statt sozialistischer Aufbauarbeit ein Dienstleistungsjob in der Kneipe; statt Utopie bestenfalls die rückwärtsgewandte Frage: „Wenn’s das noch gäbe, das Land? Würd ich jetzt ... mit meiner Oma Kaffee trinken. Die alte und die junge Kämpferin.“

Wiewohl es Freyer in seiner bewussten Spiegelung der Müller-Motive Arbeit, Ideologie, Vision weniger um konkrete Figuren als um Positionen bzw. Stereotype geht, nimmt sich diese retrospektive Erwärmung an der DDR, die sich realiter bekanntlich äußerst utopiefern gestaltete, ziemlich naiv und irritierend aus. Einen (geistigen) Freiraum scheint der realsozialistische Zusammenbruch bei Freyer jedenfalls nicht zu öffnen; nur Frühresignation der Enkelin.

Das unterscheidet sie eindeutig vom Lebenskünstler Horst Freund, der seine kurze Hartz-IV-Karriere unter dem kollektivstiftenden Motto „Wir sind Hartz IV“ als Performance zum Besten gibt. Horst Freund – ein Dramatiker-Pseudonym, im Gorki-Foyer mit gebotener Unsicherheit an die Rampe gelächelt von Michael Klammer – erklärt in der Regie des Hausautors Philipp Löhle nützliches gesamtdeutsches Wissen. Zum Beispiel den Unterschied zwischen Arbeitsamt und Jobcenter.

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