Kultur : Der musische Diplomat

SYBILL MAHLKE

Ein Leben ohne Philharmonikerkonzerte konnte Wolfgang Stresemann, zweifacher Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters, Musensohn, Politiker-Sohn, Diplomat, sich nicht vorstellen.So sah man den hochgewachsenen, schmalen Mann auch nach dem 90.Geburtstag, wie regelmäßig es eben noch ging, auf der linken Seite des Blocks A im Haus am Kemperplatz, wenn "sein" Orchester spielte.Denn sein Lebensmotto hieß wie eine seiner zahlreichen Schriften " ...und abends in die Philharmonie", und dazu gehörte, daß dieser Ausgang so gut wie nie ohne seine Frau angetreten wurde, die amerikanische Pianistin Jean Athay, die er 1953 in München geheiratet hatte.Bei der Verabschiedung aus dem Amt des Intendanten 1986 im Rahmen eines philharmonischen Konzerts spielte sich dann auch eine rührende Szene ab: Der mit standing ovations Geehrte warf seiner im Publikum sitzenden Frau einen Handkuß zu.

Idol in der Musik war ihm Bruno Walter, ein weiterer enger Dirigentenfreund Kurt Masur, erstes Vorbild des Heranwachsenden aber der eigene Vater: als Reichskanzler und Außenminister hatte Gustav Stresemann seinen Sohn Wolfgang zunächst mit dem "Bazillus politicus" geimpft.Vertrauter des Vaters, war der junge Stresemann anwesend beim Einzug Deutschlands in den Völkerbund, begleitete er ihn zur Haager Konferenz, schrieb er erste politische Aufsätze.Das Erinnerungsbuch "Mein Vater Gustav Stresemann", con amore, aber ohne Glorifizierung geschrieben und 1979 herausgebracht, trägt als schönes Motto das Wort aus Goethes "Iphigenie": "Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt."

Zwar zerschlug sich die ursprüngliche Absicht des jungen Mannes, dem bewunderten Vater in die Politik zu folgen.Aber als schwacher Nachkomme eines Großen mußte er sich dank seiner eigenen Biographie und Mehrfachbegabung niemals fühlen.Am 20.Juli 1904 in Dresden geboren, studierte er zunächst Rechtswissenschaften und promovierte zum Dr.jur.Er fand seinen Weg mit der Richtung seiner Studien: Jura und Musik.Schon zur Zeit der Ministertätigkeit seines Vaters trat er als Dirigent im Konzertsaal auf.Den staatsmännischen Redner Aristide Briand verglich Stresemann, der Ohrenmensch, mit der Stimme eines Cellos.Als jugendlicher Enthusiast begegnete er Bruno Walter, dem Generalmusikdirektor der Städtischen Oper in Berlin, und er blieb seinem Mentor bis zu dessen Tod 1962 verbunden.Bruno Walter verdankte er viel von seinem Bruckner- und Mahler-Verständnis, auch die wahlverwandte Auffassung von Musik als einer moralischen Kraft.

So war es gerade Bruno Walter, der ihn in den Vereinigten Staaten sehr gefördert hat.Denn die unruhige Zeit hatte auch dem Lebensweg Wolfgang Stresemanns ihre Zeichen eingebrannt.Sein Schicksal schließt ein, daß er mit seiner jüdischen Mutter 1939 in die USA emigrierte, amerikanischer Staatsbürger wurde und dort vor allem als Dirigent wirkte.Mit diesem Beruf kehrte er auch nach Deutschland zurück, um im Titania-Palast alsbald die großen Berliner Orchester zu dirigieren, von denen zuerst das Radio-Symphonie-Orchester ihn sich als Intendanten (von 1956 bis 1959) holte.

Der Musikmanager in Stresemann wurde schließlich stärker als der praktische Musiker.Nicht nur, daß er die Geschicke des Berliner Philharmonischen Orchesters von 1959 bis 1978 als Intendant lenkte und zahlreiche Gastdirigenten der internationalen Spitzenklasse an das Orchester band, von Sir John Barbirolli bis zu Daniel Barenboim.Kritik an seiner Programmplanung wurde laut und verstummte, als sich die Suche nach einem Nachfolger erschwerte.Aus heutiger Sicht stand damals nicht wenig zeitgenössische Musik auf den philharmonischen Programmen.Mit der "Gesellschaft der Freunde der Philharmonie" war er ein unermüdlicher Streiter für den von Hans Scharoun, dem Philharmonie-Architekten, vorgedachten und von Edgar Wisniewski konzipierten Kammermusiksaal, der 1987 eröffnet werden konnte.Als Helfer in der Not holte man Stresemann 1984 noch einmal in das Amt zurück, weil sich zugespitzt hatte, was als "Karajan-Krise" in die Geschichte der Stadt eingegangen ist.Und der Interimsintendant versuchte, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Philharmonikern und ihrem Chefdirigenten, für beide Seiten gerecht zu kämpfen.Es gelang ihm, die zerstrittenen Parteien noch einmal auf Zeit für ein paar große Konzerte zusammenzubringen.Dem Maestro widmete er später ein kritisches Buch: "Ein seltsamer Mann ...Erinnerungen an Herbert von Karajan".

Den Umstand, daß der ehemalige Emigrant jahrzehntelang einem weltberühmten Dirigenten diente, den der Staat Israel nicht einreisen ließ, hatte Gustav Stresemanns Sohn in seinem Herzen verschlossen, obwohl ihn jedes ungeschickte Wort über Karajan und den jüdischen Staat schmerzte.Der musische Diplomat titelte seine Autobiographie (1994) "Zeiten und Klänge / Ein Leben zwischen Musik und Politik".Als er 1978 die Ernst-Reuter-Plakette, die ihm neben vielen anderen Ehrungen zuteil gewordene höchste Auszeichnung der Stadt Berlin, in Händen hielt, nannte er seine Position des Philharmoniker-Intendanten "die vielleicht schönste auf der Welt".Am Freitag ist Wolfgang Stresemann in Berlin im Alter von 94 Jahren gestorben.

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