Kultur : Der Musterknabe

Das teuerste Gemälde der Welt: Picassos „Garçon à la pipe“ wurde in New York zum Rekordpreis versteigert

Katrin Wittneven

Was für eine Summe: Stolze 93 Millionen Dollar bewilligte am vergangenen Mittwoch in New York ein Sammler für Picassos „Garçon à la pipe“ und macht es damit zum teuersten Gemälde, das je bei einer Auktion verkauft worden ist. Erstmals wurde damit auch die magische Grenze von 100000 Millionen Dollar überschritten, denn mit dem Aufgeld liegt der Preis für das Bild bei 104168000 Dollar, umgerechnet 87,5 Millionen Euro. Ein Erfolg, der für das Auktionshaus nicht unerwartet kam. Schließlich stammt das 1905 entstandene, gerademal ein Meter mal 80 Zentimeter große Gemälde aus der raren „Rosa Periode“ des damals 25-jährigen spanischen Meisters. Zu sehen ist ein melancholischer, mit Blumen umrankter Jüngling, der als Zeichen der Adoleszenz eine Pfeife in den Händen hält. Selten kommen die romantischen Frühwerke Picassos in dieser Qualität überhaupt auf den Markt. Und Charles Moffet, Sotheby’s-Spezialist für Moderne Kunst, behauptet sogar, es handle sich „ohne Frage um (...) eines der wichtigsten frühen Werke von Pablo Picasso“. Picasso-Biograf John Richardson äußerte dagegen, das Gemälde wäre zwar „sehr schön, sehr angenehm, sehr poetisch und lyrisch“, aber es gehöre nicht zu seinen zwanzig Picasso-Favoriten.

An der Herkunftsgeschichte der Arbeit gibt es dagegen nichts zu mäkeln: Erstbesitzer war der Berliner Bankier Paul Mendelssohn-Bartholdy, zuletzt gehörte es den inzwischen verstorbenen amerikanischen Kunstliebhabern Betsey und John Hay Whitney, die es im Jahr 1950 für 30000 Dollar erworben hatten. Wie andere Gemälde ihrer legendären Kollektion hinterließen die Sammler auch „Garçon à la pipe“ ihrer gemeinnützigen Greentree Foundation. Insgesamt ließ die Stiftung 34 Gemälde bei Sotheby’s versteigern, darunter auch Werke von Manet und Degas. Schon in der Vergangenheit haben Arbeiten mit Whitney-Provenienz bei den Auktionen die Käufer zu Rekorden angestachelt. So erzielte Pierre-Auguste Renoirs „Au Moulin de la Galette“ im Mai 1990 stolze 71 Millionen Dollar, im Mai 1999 war einem Sammler Paul Cézannes „Rideau, cruchon et compotier“ 55 Millionen Dollar wert, und Georges Seurats „Paysage, ile de La Grande Jatte“ brachte in derselben Auktion 32 Millionen Dollar.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen: Hatte man bei Sotheby’s zunächst im Katalog noch zurückhaltend ein „Schätzpreis auf Anfrage“ abgedruckt, wurde dann doch öffentlich, dass für den „Jungen mit Pfeife“ ein Erlös von 70 Millionen Dollar erwartet würde. Gespannt folgten die rund tausend Kaufinteressierten und Gäste im überfüllten Saal der gerade einmal sieben Minuten dauernden Versteigerung des Bildes. Vier Bieter hielten bis zur 75-Millionen-Dollar-Marke durch. Danach bot der New Yorker Kunsthändler Larry Gagosian bis 80 Millionen, während er sich am Mobiltelefon mit seinem Kunden verständigte. Den Zuschlag bei 93 Millionen aber bekam ein Unbekannter, der sich durch den Sotheby’s-Vorsitzenden Warren Weitman vertreten ließ. Sogleich begann das Rätselraten über den verborgenen Picasso-Liebhaber. Laut „New York Times“ könnten sechs Kandidaten dahinter stecken: Lily Safra, die Witwe des milliardenschweren Bankiers Edmond Safra, der New Yorker Börsenmakler Stephen Cohen, einer der engagiertesten Käufer der letzten Jahre, der Kasino- und Privatmuseumsbesitzer Stephen Wynn, das J. Paul Getty Museum in Los Angeles, der Finanzier Henry Kravis oder Microsoft-Mitbegründer Paul Allen. Andere Marktkenner bringen Leonard oder Ronald S. Lauder oder gar Bill Gates ins Gespräch.

Unwahrscheinlich ist dagegen, dass es sich um einen japanischen Sammler handelt, der die Nachfolge des Geschäftsmanns Ryohei Saito antreten würde. Dieser hatte 1990 Meisterwerke wie Pierre Auguste Renoirs „Au Moulin de la Galette“ oder Vincent van Goghs „Porträt du Docteur Gachet“ innerhalb weniger Tage zu Rekordpreisen ersteigert. Für das Bildnis des Arztes van Goghs zahlte er 82,5 Millionen Dollar – was bis zur Versteigerung des „Garçon à la pipe“ für 14 Jahre der Höchstpreis für ein Gemälde bleiben sollte. Den Rekord hält der 1881 in Malaga geborene Künstler auch in der Quantität der Spitzenpreise: Gleich viermal stehen seine Gemälde auf den ersten zehn Plätzen, wobei die zwischen 1901 und 1902 entstandene „Femme aux bras croisés“ an siebter Stelle mit 55 Millionen Euro den bisherigen Picasso-Rekord markiert. Mit „Les noces de Pierrette“ aus dem Jahre 1905 steht ein weiteres Frühwerk auf Platz neun. Auf dem zehnten Platz folgt die 1938 gemalte „Femme assise dans un jardin“, die beide rund 50 Millionen Dollar erzielten.

Glück haben dem japanischen Industriellen seine Schätze übrigens nicht gebracht: Drei Jahre später geriet Saito in Finanznot, dann in einen Bestechungsskandal. Zeitweise drohte er, den van Gogh vor seinem Tod zu verbrennen, um seinen Erben die gewaltige Erbschaftssteuer zu ersparen. Tatsächlich galt das Bild nach seinem Tod 1996 einige Jahre als verschollen. Dabei lagerte es nur im Tresor einer der Gläubigerbanken, bevor es mit großen Verlusten von Sotheby’s stillschweigend verkauft wurde – angeblich blieb der Preis unter 50 Millionen Euro.

Bei Christie’s verliefen die Frühjahrsauktionen für Moderne und Impressionismus in der vergangenen Woche eher schleppend, obwohl am Ende auch hier drei Rekordpreise standen: Giorgio de Chiricos Gemälde „Il grande metafisico“ aus dem Bestand des Museum of Modern Art erzielte 6,4 Millionen Dollar, Tamara de Lempickas „Portrait Mrs. Bush“ brachte 4,1 Millionen Dollar, und Odilon Redons Pastell „Vase au guerrier Japonais“ stieg auf 3,1 Millionen Dollar. Der Gesamterlös lag bei 56,6 Millionen Dollar. Bei Sotheby’s hat allein die Whitney-Auktion – mit nur zwei Rückgängen, einem Weltrekord und vier Auktionsrekorden – insgesamt 189894400 Dollar für eine gute Sache gebracht: Die Greentree Foundation will den Frieden und die internationale Zusammenarbeit stärken.

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