Kultur : Der Mutige

Dem türkischen Romancier Yasar Kemal zum 90.

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Er hat für die Kurden die Stimme erhoben, für die Armenier, die Aleviten, die Turkmenen, für Freiheit und Menschenrechte in der Türkei. Yasar Kemal einen rebellischen Dichter zu nennen ist untertrieben, ihn als dichtenden Rebell zu bezeichnen, würde wiederum seine Wortgewalt zum bloßen Handwerkszeug reduzieren.

Mit 17 wird er erstmals festgenommen, in den 50er Jahren sitzt er hinter Gittern, wird gefoltert, nennt das Gefängnis die „Schule der türkischen Gegenwartsliteratur“. Schon sein früher, bald weltberühmter Roman „Memed, mein Falke“ (1955) handelt von einem, der gegen Ausbeutung zu Felde zieht. Ein Bauernjunge als Räuber und Rächer seiner Landsleute, eine Legende: In der Türkei las man sich die Geschichte in Kaffeehäusern vor, bis sie politische Sprengkraft entfaltete. Zuletzt hat Kemal übrigens die türkische Protestbewegung auf dem Istanbuler Taksim-Platz mit seinem Namen unter einer Solidaritätserklärung unterstützt, in jüngeren Jahren hätte er gewiss mitdemonstriert.

Wobei schon sein Geburtsdatum reine Erfindung ist, aus der Not geborene Dichtkunst. Zur Welt kommt er in einem südanatolischen Bergdorf, sehr wahrscheinlich 1923, die Eltern müssen fliehen, wie so viele, erst Jahre später wird ein mutmaßliches Geburtsdatum in einer Amtsstube registriert. Er verliert bei einem Unfall ein Auge, ist dabei, als der Vater ermordet wird, schlägt sich durch, als Hirtenjunge, Traktorfahrer, Arbeiter. Lernt lesen, verfasst Schriftstücke für die Bauern und Reportagen über den Hunger, die Armut, Angst und Ungerechtigkeit – die verdrängten Wahrheiten seines Landes. Und der Stoff, aus dem seine Romane sind, der Memed-Zyklus, die anatolische Trilogie, die Insel-Romane oder „Der Vogel mit einem Flügel“, eine 60er-Jahre-Anatolien-Geschichte, wie alles von Kemal auf Deutsch gerade im Unions-Verlag erschienen.

Ein unermüdlicher, inzwischen vielfach ausgezeichneter Geschichtenerzähler. Die Laudatio zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1997 hielt Günter Grass, auch der türkische Staat ehrte ihn inzwischen mit seinem Kulturpreis. Der armenische Orden, den er kürzlich erhielt, ist ihm vermutlich mehr wert. Datum hin oder her: Am heutigen Sonntag feiert Yasar Kemal, neben Orhan Pamuk der bedeutendste türkische Romancier unserer Zeit, seinen 90. Geburtstag.chp

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