Kultur : "Der nächste Film wäre der reine Kannibalismus"

HELLMUTH KARASEK,STEPHAN LEBERT

HELMUT DIETL, 54, ist der erfolgreichste Regisseur des deutschen Films und Fernsehens.Dietls "Schtonk", der Spielfilm über die gefälschten Hitler-Tagebücher, wurde für den Oscar nominiert, "Rossini" bekam den Bayerischen Filmpreis und wurde mit drei Millionen Besuchern zum Kassenschlager.Dietls Fernsehserien wie "Monaco Franze" oder "Kir Royal" haben längst Kultcharakter.Nicht zuletzt wegen der (vermeintlichen, vielbeneideten) Nähe zu seinen Figuren gilt der Münchner, auch als Idol der weiß-blauen Schickeria.Das Gespräch führten Hellmuth Karasek und Stephan Lebert.

TAGESSPIEGEL: Ihr neuer Film handelt von der schaurigen Welt des Fernsehens.

DIETL: Ja, hinter den Kulissen ist diese Fernsehunterhaltungswelt schaurig, korrupt, schrecklich.In "Late Show" ist ja nur ein kleiner Teil der Wahrheit zu sehen, und dies auf eine Art und Weise, daß es noch konsumierbar und komisch ist.Die Wahrheit ist viel schlimmer.Das wäre dann so deprimierend - das möchte keiner mehr sehen.

TAGESSPIEGEL: So schlimm?

DIETL: Fahren Sie doch mal nach Köln in diese Außenbezirke, wo sich diese Fernsehstudios konzentrieren.Da wird Unterhaltungsfernsehen produziert.Dort entsteht eine Art flächendeckendes TV-Proletariat.Bei den Machern merkt man, wie dieses Wegwerffernsehen schon auf sie abgefärbt hat.Wie ihr Bewußtsein dadurch geprägt wurde.Man hat das Gefühl, den Menschen wird ihre Kreativität aus dem Körper gesogen.

TAGESSPIEGEL: Und warum haben Sie diese Blutsaugerei in einen Film gegossen?

DIETL: Für mich ist das eine Art Abschluß, das Thema Medien ist jetzt für mich erledigt.In "Schtonk" ging es um Print, "Rossini" drehte sich um das Kino.Und jetzt Fernsehen.Es war nie so angelegt, aber wer will, kann darin sowas wie eine Trilogie sehen.

TAGESSPIEGEL: Was war der Grund, die Hauptrollen mit Thomas Gottschalk und Harald Schmidt zu besetzen? Wollten Sie ein Medienereignis schaffen?

DIETL: Ich hätte es sicher auch anders machen können.Ich hätte staatlich geprüfte Großschauspieler nehmen können oder einen wie Detlev Buck.Aber ich glaube, das wäre nicht gut gewesen, weil sich der Film jetzt mit Schmidt und Gottschalk auf verschiedenen Ebenen bewegt.Was ist Realität, was ist fiktiv? Diese Vermischung hätten Schauspieler nie erreichen können.Außerdem fand ich es spannend, mit zwei Prototypen zu arbeiten: Der eine, Gottschalk, hat das Image des Guten, und Harald ...na ja.Das Engelchen und das Teufelchen, wann hat man zwei solche schon mal so nah beieinander.

TAGESSPIEGEL: Kommen wir zur Realität: Harald Schmidt spielt einen alerten Programmdirektor, der erfolglos ist, sich mit willfährigen Frauen einläßt und irgendwie am Ende ist.Kaum vorstellbar, daß beim Schreiben dieser Rolle nicht Fred Kogel, der angeschlagene Sat-1-Programmchef, Pate gestanden hat?

DIETL: Ich beteilige mich nicht an solchen Spekulationen.Mich hat schon bei "Rossini" das "Wer ist wer"-Ratespiel nicht interessiert.Sicher steht der Mann, den der Harald Schmidt spielt, für eine Reihe von Leuten, die einen Sender auf Biegen und Brechen nach oben bringen müssen und es nicht schaffen.Und es mag eine gewisse zusätzliche Komponente haben, daß dieser Film einen Beitrag leistet zur Vergeblichkeit solcher Aufgaben.Zur Person Fred Kogel möchte ich aber sagen, daß der in der Öffentlichkeit oft falsch dargestellt wird.Denn er war es, der in den schweren Anfangszeiten zum Harald Schmidt eisern gestanden ist.Ohne ihn würde es keine Schmidt-Show mehr geben.

TAGESSPIEGEL: Es gibt gegen Ende des Films eine Szene, da wird der Moderator, den Gottschalk spielt, erst mit Morphium runtergespritzt und dann mit Koks wieder aufgepeppt.Hat diese Szene möglicherweise eine Botschaft?

DIETL (grinst): Keine direkte jedenfalls, im Sinne des deutschen Betäubungsmittelgesetzes.Die Szene gefällt mir auch sehr gut.In weiten Strecken des Films sieht man Thomas Gottschalk, glaube ich, so, wie man ihn bisher noch nicht gesehen hat.Aber am Ende, gerade ist er noch vollgepumpt auf die Bühne getorkelt, geht das Scheinwerferlicht an, und in diesem Moment ist er zum ersten Mal der Thomas Gottschalk, den man aus dem Fernsehen kennt.Diese Wandlung wollte ich zeigen: Da ist am Anfang von "Late Show" ein alternativer Radiomoderator, der über das Fernsehen schimpft, und zum Schluß macht er selbst das, was er früher gehaßt hat.Jedenfalls geht es mir nicht um die Aussage, im Fernsehgeschäft werden Drogen konsumiert.Das ist erstens langweilig, und zweitens ist es mir wurscht.

TAGESSPIEGEL: Thomas Gottschalk war im wirklichen Leben auch erst Radio-, und dann Fernsehstar ...

DIETL: Im wirklichen Leben ist der Thomas ein Phänomen.Der muß sich nicht verstellen oder irgendwas vorspielen.Der ist einfach so.Ich halte es für eine Gnade: Der Thomas ist mit irgendeinem Segen geboren, der ihn befähigt, sich nicht wirklich abnutzen zu lassen.Jedenfalls ist es so, daß keinerlei Abnutzung zu sehen ist, keine Narben von irgendwelchen Wunden.Ich glaube ja fest, daß niemand, der sich auf diese Fernsehwelt einläßt, unbeschädigt sein kann.Aber ich muß zugeben, daß es beim Thomas so aussieht.

TAGESSPIEGEL: Wie beurteilen Sie denn jetzt die schauspielerischen Qualitäten Ihrer beiden Hauptfiguren?

DIETL: Die beiden können anscheinend bei der Arbeit ohne Ende belastet werden.So habe ich das noch bei keinem Schauspieler erlebt, da wären eine Menge außer Atem gekommen.Besonders schlimm war es beim Harald, wir mußten ja um seine Show herumdrehen.Aber es gab nicht eine Minute, egal ob am Tag oder in der Nacht, wo die nicht wußten, wo es langgeht.

TAGESSPIEGEL: Keine Grenzen gespürt?

DIETL: Bei Harald gab es ein bißchen Probleme, wenn er emotionale Nähe herstellen sollte.Ich glaube, das hat damit zu tun, daß er sich einen Panzer zugelegt hat, um überhaupt die Entrüstungsstürme auszuhalten, die anfangs über ihn hereingebrochen sind.Und wenn er jetzt Gefühle zeigen soll, geht das nicht so schnell.Das ist bei ihm sicher ein existentielles Problem.

TAGESSPIEGEL: In den USA lautet eine Faustregel des Kinos: Besetze nie eine Rolle mit einem Fernsehmann, weil die Leute sagen, für den stehe ich nicht aus dem Sessel auf, den sehe ich ja sowieso immer.Könnte das eine Gefahr sein?

DIETL: Klar ist es ein Risiko.Werden die Leute Geld bezahlen, für Schmidt und Gottschalk? Meine Hoffnung ist, daß die normalen Leute, die nicht wissen, was hinter einer Show so abläuft, neugierig sind.

TAGESSPIEGEL: Schon bei "Rossini" war Selbstmord ein großes Thema.Auch bei der "Late Show" bringt sich eine Frau um.Drückt sich da die Sehnsucht des Regisseurs aus, gegen die Scheinwelt der Medienleute die brutale Wirklichkeit zu setzen?

DIETL: Also, der Tod ist sicher eines der echteren Ereignisse im Leben, das ist wahr.

TAGESSPIEGEL: Sie blicken in der "Late Show" derart boshaft und gnadenlos auf Ihre Hauptfiguren, daß man fürchten muß, denen steht letztlich allen ein schreckliches Ende bevor.

DIETL: Bei "Rossini" waren die Klagen auch groß: Die Figuren sind ja keine Menschen mehr, das sind nur noch Monster, mit denen kann sich kein Zuschauer mehr identifizieren.Das halte ich für Quatsch, denn nur aus Masochismus wären nicht so viele Leute in den Film gegangen.Außerdem wollte ich ja nicht den großen deutschen Familiengefühlsfilm machen.

TAGESSPIEGEL: Früher haben Sie jedenfalls freundlicher auf das Leben geblickt, denken wir nur an Ihre Fernseherfolgsserien "Monaco Franze" oder "Münchner Geschichten".Woher kommt die zunehmende Depression?

DIETL: Die Antwort ist einfach: Ich werde jedes Jahr älter.Und ich habe meine Erfahrungen gemacht, und zwar, mal pauschal gesagt, eher negative Erfahrungen.Was für angenehme Erfahrungen macht der Mensch im Leben schon? Die positiven vergißt er, weil sie ihm so selbstverständlich erscheinen.Der Schmerz ist sowieso immer merkfähiger als der Nichtschmerz.Und natürlich trage ich die Jahre meines Lebens mit mir herum.Ich sehe schon die Gefahr, daß ich mich hüten muß, zunehmend düsterer und vielleicht zynischer zu werden.Deshalb möchte ich als nächstes keinen Film machen, der, grob gesagt, etwas Negatives zum Thema hat.Würde ich weitermachen auf dem Gebiet Medienbetrachtung, wäre mein nächster Film zwangsläufig der reine Kannibalismus.

TAGESSPIEGEL: Wollen Sie sozusagen den Monaco Franze wieder in sich entdecken?

DIETL: Nein, das wäre Kitsch.Ich könnte nicht zu dieser lächelnden Unvoreingenommenheit zurückkehren.Das wäre Verrat an meinen Lebenserfahrungen.Man muß das anders machen, man muß woanders hingehen.Zu den großen Regisseuren, die ich sehr verehre und die für mich immer maßgeblich waren, gehört Stanley Kubrick.Ich kann ihn heute sehr gut verstehen, daß er plötzlich einen historischen Stoff anpackte, anpacken mußte, "Barry Lyndon".

TAGESSPIEGEL: Und in welcher Richtung wollen Sie sich verändern?

DIETL: Es gibt bereits ein sehr konkretes Projekt.Ich mache jetzt als nächstes die Loreley.Das hat mich mein ganzes Leben beschäfigt.Jetzt ist es soweit.

TAGESSPIEGEL: Was reizt Sie daran? Das Klischeebild einer sinnlichen Frau?

DIETL: Zuerst reizte mich der Mythos, die zauberhafte Gestalt.Als älteres, frühpubertierendes Kind habe ich die Geschichte ursprünglich wohl erotisch empfunden.Und dann habe ich Bekanntschaft gemacht mit Heinrich Heine, den ich mehr und mehr verstehe.Seine ironische und durchaus harte Auseinandersetzung mit Deutschland, das hat mich fasziniert.Wie kann man sich mit dem Land, in dem man lebt, auseinandersetzen.Da gibt es viele Möglichkeiten, für mich ist die Loreley eine ziemlich gute.

TAGESSPIEGEL: Billy Wilder hat mal gesagt, er kann alles machen, nur keinen historischen Film.Weil er nicht weiß, wie die Menschen damals gedacht haben.

DIETL: Ich finde, das ist wurscht, so realistisch muß man das nicht sehen.Es geht ja nicht darum, einen historischen Dokumentarfilm zu drehen, sondern es geht darum, eine Meinung zu einem bestimmten historischen Abschnitt zu formulieren.Und wenn es mir gelingt, dann wird sich mein Blick auf die Menschen nicht verändert haben.

TAGESSPIEGEL: "Late Show" spielt in Köln, die Loreley ist nun auch nicht gerade ein typisch bayerischer Stoff.Sind Sie mit München fertig?

DIETL: Was soll man über München noch erzählen? Ich habe nichts mehr dazu zu sagen, und filmisch schon gar nicht.Für mich persönlich ist es sehr angenehm, mir gefällt München immer besser, weil mich da nichts stört.Ich werde hier nicht aufgeregt, weil München so fad ist.Meine Aufregung finde ich ganz alleine.Ich würde nicht mehr in Großstädten wie Berlin, New York oder Paris leben wollen.Früher hat mich Berlin immer fasziniert, das war die Stadt, die mir nach München am nächsten stand.Aber heute, fürchte ich, könnte ich so viel Großstadt auf einmal schlecht aushalten.Weil das mich ablenken würde.Es gibt ja Zeiten im Leben, da stimuliert das.Das brauchst du vorzugsweise, wenn du jung bist oder sehr viel älter.Also vielleicht in zehn Jahren.Könnte sein, daß ich dann als Frühgreis nach Berlin umsiedle.

TAGESSPIEGEL: Sie wollen eine Stadt, die Sie in Ruhe läßt?

DIETL: Ja, München läßt mich Gott sei Dank in Ruhe.Ich München auch.Wir lassen uns gegenseitig in Ruhe.Das ist uns beiden sehr angenehm.

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