Kultur : Der Nagel-Künstler Günther Uecker wird 70

Ronald Berg

Der Nagel wurde sein Markenzeichen: Ob in die geweißte Leinwand geschlagen, ob in kinetische Drehscheiben, ob in Tische, Stühle, Klaviere oder Nähmaschinen gehämmert, ob als großer Lichtnagel oder als Barriere auf die Straße verbracht, der Nagel machte Uecker weltberühmt. Dabei ging es dem Künstler nie um den Nagel an sich. Der Metallstift war für ihn einerseits Material wie die Farbe für den Maler, andererseits aber auch ein Konkretum, das dem Tafelbild seine illusionistische Funktion nimmt.

Das dem Nagel zugrunde liegende Thema des Ritzens, Verletzens oder Furchenziehens, das später auch in anderer Form in Ueckers Arbeiten auftaucht, hat seinen Ursprung in der Kindheit. Heute vor 70 Jahren in mecklenburgischen Wendorf geboren und auf der Ostseehalbinsel Wustrow aufgewachsen, hatte Uecker schon früh auf dem Feld helfen müssen und "die Egge oder die Sämaschine mit den Pferden bis zum Horizont zu führen, ohne dass die Furchen Kurven zogen". Schon während der Schulzeit und später beim Studium zum Reklamegestalter habe er beim Zeichnen den Bleistift ins Papier geschlagen, wie dann folgend die Nägel ins Bild, erinnerte er sich später. Der Vater jedenfalls betrachtete die musischen Ambitionen seines Sohnes zunächst als "dekadent und schwul" und versuchte, sie ihm mit Schlägen auszutreiben. 1953 folgte Uecker seinen Gefühlen und verließ die DDR. In der Folgezeit hat sich Uecker immer als "Ostmenschen" begriffen: "Emotional und besessen. Die Obsession steht im Mittelpunkt meines künstlerischen Handelns."

Über West-Berlin, wo er sich als Hausbesetzer im ehemaligen Reichsgericht einquartierte, geht Uecker 1955 an die Düsseldorfer Kunstakademie zu Otto Pankok, den er wegen seiner antifaschistischen Haltung schätzt. Künstlerisch prägender war wohl die Bekanntschaft mit Yves Klein, der später Ueckers Schwester heiraten sollte. Uecker beschäftigt sich in seinen ersten Düsseldorfer Jahren - neben Anthroposophie und japanischem Bogenschießen - mit erdbraunen Dreckbildern, denen er mit selbstgebastelten Harken, Bürsten und Kämmen zuleibe rückt. In einem dieser mit Nägeln bestückten Instrumente entdeckt Uecker plötzlich einen eigenen Ausdruck: Die Benagelungen nehmen ihren Lauf.

Das Jahr 1959 bringt eine einschneidende Begegnung: Uecker wird mit einer Einladung zur siebten Abendausstellung im Atelier von Heinz Mack und Otto Piene in die Gruppe "Zero" eingeführt. Mit "Zero" wurde Uecker zum Star, auch wenn er sich später von den Licht-, Luft- und Feuerkünstlern distanzierte. "Zero" war nicht nur eine Haltung gegen die damals grassierende Mode des Informellen, "Zero" bedeutete einen ganzheitlichen Aufbruch: "Zero ist eine Lebensformel, ein geistige Zone", definierte Piene. Und Uecker entwickelte dazu die passenden Ideen zur Veränderung der Städte: "Lufttransport von ganzen Orten und Wohnstrukturen in vegetativ günstige Gebiete, Aufforstung der Städte, weiche beheizte Wege zum Barfußlaufen, Luststätten zur sinnlichen Befriedigung".

Schon 1973 antwortete Uecker auf die Frage, ob ihm Klassiker noch etwas sagen würden: "Ich bin ein Klassiker". Ein Jahr später wird er Professor an der Düsseldorfer Akademie. Da hatte der nicht endenwollende Reigen von Ausstellungen in allen großen Museen der Welt bereits eingesetzt. 1970 vertrat er die Bundesrepublik auf der Biennale in Venedig, und 1988 sollte er als erster privat eingeladener Künstler in Moskau ausstellen. Bereits früh im Künstler-Olymp angekommen, versucht sich Uecker 1966 nach seinem Ausstieg bei "Zero" durch monatelanges Reisen in die entlegensten Erdwinkel neu zu inspirieren. Man kann sagen, dass Ueckers gesamtes Werk seit "Zero" sich der Begegnung mit dem Anderen verdankt: Indianern, den versunkenen Kulturen Südamerikas oder der Naturgewalt Islands. Doch sucht Uecker dort nicht eigentlich das Fremde, sondern das Existenzielle: Oft bringt er sich leichtsinnig in Gefahr, droht durch afrikanische Krieger erschlagen, von Piranhas aufgefressen, unter Eis oder Lava begraben zu werden. Endlich begreift Uecker beim Tanz irgendeines Stammes in Afrika die innere Verwandtschaft dieses ekstatisch-rhythmischen Tuns mit seiner eigenen Kunst: "Ich glaube, dass sich Gott in einer Wechselwirkung mit mir befindet." Aus diesem mystischen Urgrunde heraus lebt Ueckers Werk.

Aus Anlass des 70. Geburtstages von Günther Uecker zeigt die Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte auf Schloss Rheinsberg bis 1. Mai eine Ausstellung, in der unter anderem Modelle und Skizzen für seinen im Berliner Reichstag gestalteten Meditationsraum sowie die Inszenierung der "Matthäuspassion" in der Deutschen Oper Berlin zu sehen sind.

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