Kultur : Der Name der Hose

FINALE DER BERLINALE : Bei der Preisverleihung wurde zum letzten Mal der rote Teppich ausgerollt

Andreas Conrad

Sein besonderer Berlinale-Moment in diesem Jahr? Zum Glück fiel Festivalchef Dieter Kosslick die Frage noch mal ein, die vorhin im heftigen Beifall für Arthur Penn untergegangen war. Also, diesen Moment erlebte er mit Lauren Bacall, als sie in einem Restaurant plötzlich um Kaviar bat. Pflichtschuldig, wenngleich nicht sehr optimistisch, gab er die Bestellung auf, nach einer Viertelstunde kam der Ober betreten zurück: Kabeljau hätten sie leider nicht.

Ja, das ist Berlin, die Stadt, die trotz allen Glitzers und Glamours auf dem Boden bleibt, auch wenn der mit roten Teppich bedeckt ist und die berühmtesten Männer, die tollsten Frauen darüber hinwegschreiten wie gestern Abend zur Bärenverleihung im Berlinale-Palast. Die Stadt, die immer wieder für Überraschungen gut ist, gerade bei Feiern wie dieser. Denn ist je schon zu Beginn solch einer Zeremonie ein blonder Engel namens Mieze aus dem Bühnenhimmel geschwebt und fing auch noch zu singen an? Nein, kein Halleluja, sondern Deutschpop made in Berlin, Mamma Mia! Und hat je eine Moderatorin, bei ihrer kurzen Tour de Force durch die Filmwelt der letzten Tage, in knapper Geste angedeutet, wie Irina Palm zu ihrem Penisarm kam? Charlotte Roche hat damit keine Probleme. Und auch die Auflösung von Eheproblemen erlebt man nicht häufig auf offener Bühne. Seine Frau sei mit seinem Beruf sehr unzufrieden, weil er oft wochenlang weg sei, bekannte Park Chan-wook, Regisseur von „Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts“. Mit dem Alfred-Bauer-Preis in der Hand, so freute er sich, sehe das anders aus, jetzt werde seine Frau hoffentlich sagen: „Mein Mann ist Filmregisseur, aber ok.“

Ja, es war wieder ein unterhaltsamer Abend, besonders auch, da endlich die Choreografie des Programms geändert, der Unterhaltungswert erhöht wurde – mit Pop von Mia eben, und mit diszipliniert, also erfreulich knapp sich bedankenden Preisträgern sowie der diesmal Längen vermeidenden Moderatorin Charlotte Roche. Und vor allem wurden die Preise gemischt, erst die Silberbären, dann die Nebentrophäen, zuletzt Gold. Bisher war eine langsame, oft zähe Steigerung üblich – von den Kleinpreisen über die Silbernen hin zum Goldenen Bären. So mussten Martina Gedeck und Nina Hoss gestern nicht lange bangen, durften schon sehr früh zur Bären-Vergabe auf die Bühne. „Ich rechne mit gar nichts“, hatte Nina Hoss noch vor der Show gesagt, und sie war dann auch sichtlich überwältigt. Nein, damit habe sie nicht gerechnet, sie habe eher an Marianne Faithfull als Kandidatin gedacht.

Pünktlich um 19 Uhr war die Gala eröffnet worden, wieder mit viel Prominenz, darunter Bundestagpräsident Norbert Lammert, Außenminister Frank Walter Steinmeier, der Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger, Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, dazu Hannelore Elsner, Wolfgang Petersen, Eva Mattes und Detlev Buck.

Sie alle haben von dem Abend profitiert, wissen sie doch nun, dass man sich nicht aufregen soll, wenn man vor solch einer Feier die dafür vorgesehene Hose verlegt hat. Denn glaubt man dem chinesischen Regisseur Wang Quan’an, bringt das Glück – und er ist ja der beste Beweis: Nach der Hose des Abends musste er lange suchen, aber nun hat er den Goldenen Bären. Doch auch ohne verlegte Kleidungsstücke durfte jeder Anwesende auf eine glückliche Zukunft hoffen, gab es doch mehrfach fernöstliche Neujahrsgrüße von der Bühne. Heute nämlich beginnt das Jahr des Schweins.

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