Kultur : Der Name des Trolls

Berlinale-Wettbewerb: Jacob Thuesens „Anklaget“

Christina Tilmann

Die Schulpsychologin macht sich Sorgen um Stine. Zur Erklärung erzählt sie den Eltern das Märchen vom Troll. Der hat ein Kind in seiner Gewalt und gibt es erst frei, wenn es seinen Namen errät. Das Mädchen rät und rät, vergebens. Doch irgendwann verrät sich der Troll im Schlaf. „Was ist denn sein Name?“, fragt der Vater. „Habe ich vergessen.“

Später wird der Vater seiner Tochter selbst von einem Tier ohne Namen erzählen. Ein Hund ist der Familie im Urlaub zugelaufen. Die Tochter wollte ihm einen Namen geben, doch ihr fiel keiner ein. Irgendwann war der Hund weg. Und der Vater hat sie getröstet. Nur getröstet?

Am Ende wird Henrik selbst auf allen Vieren auf der Straße kriechen, wie ein Hund. Da haben ihn Tochter und Frau schon längst verlassen. Und Henrik muss buchstäblich zu Kreuze kriechen.

In der Reihe der düsteren dänischen Psychodramen ist Jacob Thuesens „Angeklagt“ ein monolithischer Höhepunkt der der Berlinale – vergleichbar mit Annette K. Olesens „In Your Hands“ im vergangenen Jahr. Wieder sind die Bilder dunkel und körnig, die Gesichter bleich und übernächtigt. Und wieder geht es um Schuld und Sühne, Beichte und Erlösung. Konsequenter als die dogmageschulten dänischen Regisseure ist kein Land derzeit auf dieser Filmwelt.

Im Raum steht ein furchtbarer Verdacht. Stine hat ihren Vater angezeigt: Er habe sie sexuell missbraucht, zwei Jahre lang. Es folgt: Verhaftung, Untersuchungshaft, Gespräche mit dem Verteidiger, Prozess. Henrik wird freigesprochen, aus Mangel an Beweisen. Doch der Verdacht bleibt.

Der Verdacht war da, von Anfang an. Es habe da wieder eine Beschwerde gegeben, ein Junge will nicht mehr in den Schwimmunterricht kommen, erklärt Henriks Chef. Henrik schweigt, verteidigt sich nicht. Nachher stellt sich heraus, er hat den Jungen ins Wasser gestoßen. Doch der Zuschauer hat sich längst Schlimmeres gedacht.

Das Problem: Henrik ist unsympathisch. Troels Lyby spielt einen verdrucksten, jähzornigen Typen, der selten die Augen aufschlägt, und wenn, dann mit einem kalten Blick. Auch wenn juristisch für ihn die Unschuldsvermutung gilt – der Zuschauer hat von Anfang an die Schuldvermutung. Und nicht nur er: „Zu so einer Sache gehören immer zwei“, baut ihm ein Gefängniswärter eine Verteidigungsbrücke. Und ein anderer sagt: „Jeder sagt, er ist unschuldig. Aber es gibt einfach Menschen, die so etwas tun.“

Die Perfidie: Gegen eine Schuldvermutung gibt es keine Verteidigung. Auf die Frage „Haben Sie aufgehört, mit Ihrer Tochter zu schlafen?“, gibt es keine entlastende Antwort, erklärt Henrik dem Vernehmungsrichter: Ja oder nein, beides ist ein Schuldeingeständnis. So reagiert auch die Umwelt mit Distanzierungen, Verdächtigungen, Angriffen. Der blinde Glaube der Ehefrau (Sofie Grabol), die Treue des Freunds (Paw Henriksen) und der Aufopferungswille der Tochter (Kristine Rosenkrands Mikkelsen) – alles bricht irgendwann weg.

Und doch kommt die Enthüllung wie ein Schlag. Weil der Täter die Rechtfertigung bemüht: „Sie hat es selbst gewollt.“ Das Opfer zum Mittäter machen: auch das eine Perfidie. Und jede Entschuldigung danach eine Lüge. Es gibt keine Verzeihung, kein Mitgefühl und kein Verständnis. Nur Strafe, und die wird Henrik bekommen.

Was sagt er kurz vor dem Geständnis zu seiner Frau: „Schade, dass wir den Namen des Trolls nicht wissen.“ Dafür hat man ihn auf der Leinwand gesehen. Heute, 15 und 23.30 Uhr (Urania), 20 Uhr (International)

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