Kultur : Der Narbenmann

Bild unseres Jahrhunderts: zum 70. Geburtstag von Roman Polanski

Jan Schulz-Ojala

Angefangen hat er mit Kammerspielen, Dunkelkammerspielen, Psychofolterkammerspielen in nur scheinbar großzügigen Wohnwelten oder unter bleiernem Himmel. Angefangen hat er mit dem „Messer im Wasser“, mit „Ekel“, mit „Wenn Katelbach kommt“ und weitergemacht, in Farbe, was für farbmatter Farbe, mit „Rosemaries Baby“, dem „Mieter“ und, ziemlich spät, mit „Der Tod und das Mädchen“: erst leisen, dann immer schreienderen Höllenfahrten durch so etwas Ähnliches wie Realität. Es gibt Leute, die gerade diesen finsteren, abgründigen, minimalistischen Polanski lieben.

Durchgesetzt aber hat er sich mit dem so genannten großen Kino, knallbunt, mit Gefühlen in Cinemascope, aber was für Gefühlen, mal finster kichernd und genreparodistisch wie im „Tanz der Vampire“, mal bloß grinsend wie in der High-Society-Klamotte „Was?“, mal mit sardonischer Kälte wie in „Chinatown“. Und mit den einen Hits gelandet und mit anderen Flops, mit „Piraten“ etwa und, fast zuletzt, „Neun Pforten“ – na und? Es gibt Leute, die gerade diesen detail- und ausstattungsverliebten Polanski lieben, den Regisseur, der das Filmedrehen mit der Lust am Spielzeugeisenbahnbewegen vergleicht, das ewige Kinderspiel eines irgendwie nicht älter werdenden Clowns.

Und dann kam „Der Pianist“ – sein spätes Meisterwerk, und es führte die Leute, die den einen Polanski lieben, mit den Leuten zusammen, die den anderen Polanski lieben. Den Flüchtling, den Außenseiter, der mit der gewaltigen und überliefert wahren Geschichte des Pianisten Wladyslaw Szpilman plötzlich und endlich in ihrer Mitte war. Großes, episches Kino, kaum übertreffbare Gefühle - und ein jahrelanges Einzelzellenkammerfolterspiel zugleich: Für die Geschichte des im Warschauer Versteck wundersam überlebenden jüdischen Musikers gab es die Goldene Palme von Cannes (von denen, die den einen Polanski lieben) und drei Oscars (von den anderen).

Es ist, fast, seine eigene Geschichte. Und von ihr muss reden, wer von ihm redet, auch wenn er selbst von ihr am liebsten nie reden will. Und an ihr egomanisch und oft krachlachend vorbeigefilmt hat, fast sein Leben lang. Vom jüdischen Kind in Krakau, das die Mutter an die Öfen von Auschwitz verliert und den Vater erst nach dem Krieg wiedersieht, vom Tarnkappenkind, untergebracht bei katholischen Bauern auf dem Land. Vom kleinen polnischen „Christenjungen“, den deutsche Soldaten zum schwarzen Spaß aufs Korn nehmen, und er japst und jagt vor den Kugeln davon. Zwangsluftikus, Fastkaputtgeschlagener, Ausweicher, Abtaucher, Flüchtling wieder und immer wieder.

Und es gibt noch andere Leute, die eine Art Verhältnis zu Roman Polanski haben. Bei seinem Namen denken sie an Sharon Tate, seine von den Charles-Manson-Irren ermordete hochschwangere zweite Frau, da war er Mitte dreißig; oder an den Polanski, der auf der Höhe seines amerikanischen Ruhms, da war er Mitte vierzig, nachts in Jack Nicholsons Villa mit einer 13-Jährigen namens Samantha Geimer schlief, weshalb er aus Amerika floh – die Sache ist inzwischen privat-, aber nicht strafrechtlich ausgestanden, und so konnte er sogar 25 Jahre später den Regie-Oscar für den „Pianisten“ nicht selber in Los Angeles entgegennehmen. Es gibt Leute, die seine Blutbäder in „Macbeth“ zwei Jahre nach dem Tate-Mord und seine Jungmädchenträume in „Tess“ zwei Jahre nach der Geimer-Geschichte nur mit dem retrospektiven Schauder des „fait divers“ betrachten – ja, auch sie lieben Polanski, auf ihre Weise.

Doch wenn wir ehrlich sind: Es gruselt uns beim Gedanken an diesen ganz Großen des Kinos, diesen unheimisch Unheimlichen, es gruselte uns von Anfang an. Und es ist ein gutes Gruseln. Es gruselt uns, weil Polanski die Narben eines kaum vergangenen Jahrhunderts herumträgt; weil er geschlagen ist mit dem großen und dem kleineren Wahn, mit der Qual und der Lust, und weil er alles das immer wieder in Filme getan hat, die mal lärmen und mal eisesstill sind, lange Zeit kalt und erst zuletzt auch – sehr vorsichtig – warm. Heute wird Roman Polanski 70 Jahre alt: Lieben wir ihn, weil er uns den Frieden mit sich verweigert, anders gesagt, den Frieden mit uns selber.

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