Kultur : Der Narr spricht die Wahrheit

THEATER (1)

Jörg Königsdorf

Nicht eben viel bleibt von den großen Dramenstoffen der Weltliteratur, wenn Astrid Griesbach sie einmal ins Visier genommen hat: Ob Büchner, Schiller oder Shakespeare, so gut wie alle klassischen Theaterheroen hat sie in den letzten zwölf Jahren in die Ultrazentrifuge ihres „Theaters des Lachens“ geworfen und die Textbruchstücke mit assoziativer Ideenflut zu Erlebnissen eigener Art verschmolzen. Diesmal also „Troilus und Cressida“ , in knapp 90 Minuten im Theater unterm Dach (heute noch einmal und wieder vom 6. – 9. Mai), und gerechterweise taucht Shakespeare nicht einmal mit einem verschämten „nach“ in der Unterzeile auf.

Wie oft bei Griesbach, sind es auch diesmal die Narren, die die Wahrheit verkünden. Fünf seltsame Wesen, schillernde Sperrmüll-Pharaonen, die in alle möglichen Rollen schlüpfen: Mal sind sie archaische Vogelwesen, die aus ihrer Ewigkeitsperspektive das Geschehen vor den Mauern Trojas beäugen, mal Griechen, mal Troer, mal schalten sie vom antiken Kampfritual blitzartig auf virtuos dargebotene martial arts oder ein Kräftemessen prolliger Halbstarker um. Aus dem ziellosen Kriegsspiel, in dem Gefühle nur in körperlicher Aktion oder naiven Liedern ihren Ausdruck finden, stechen die verbliebenen Shakespeare-Zeilen merkwürdig heraus: Reste von Humanität, von Ideen und Idealen, wie heraufgespült aus einem kollektiven Unterbewusstsein. Ein guter Abend.

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