Kultur : Der narrative Motor

Autorität der Fakten: Ilija Trojanows Antrittsvorlesung als FU-Gastprofessor

Gerrit Bartels

Es ist ein glücklicher Zufall, der zwei wahlverwandte Schriftsteller in diesem Semester als Gastprofessoren nach Berlin führt: den in Somalia geborenen Nurrudin Farah, der in Italien oder Nigeria genauso zu Hause ist wie in Australien oder den USA, und der vor kurzem seine Samuel-Fischer-Gastprofessur an der FU angetreten hat. Und den in Bulgarien geborenen Ilija Trojanow, der in Kenia zu Hause ist, in Indien oder Südafrika, und der am Donnerstag im Henry-Ford-Bau der FU seine Antrittsvorlesung als Heiner-Müller-Gastprofessor für deutschsprachige Poetik gehalten hat.

Bevor Trojanow beginnt, verweist er mit Freude auf diesen Zufall und begrüßt den in der ersten Reihe sitzenden Farah, dem ja auch sein Roman „Der Weltensammler“ gewidmet ist. Dann aber geht er sofort in medias res, in die „Recherche als poetologische Kategorie“, und da fällt auf, dass man beim Thema „ Ilija Trojanow und seine Poetik“ nicht ohne Ordnungssysteme auskommt. Gert Mattenklott stellte Trojanow bei seiner Einführungsrede mit drei charakterisierenden Beschreibungen vor: 1. Der Abenteurer. 2. Der Grenzgänger. 3. Der Freidenker. Den Kategorien fügte er Heiner-Müller-Zitate an, von denen „Optimismus ist nur ein Mangel an Information“ zwar das schönste, aber am wenigsten passende war.

Auch Trojanow unterteilt seine Vorlesung in Kapitel und Unterkapitel, zum Beispiel in „Fakten formen Form“ „Des Lesers Landebahn“ oder „Dem Autismus des Autors entkommen“. Schließlich will auch das Umherschweifen seine Form bekommen, genau wie das Reden darüber, das Recherchieren und Sammeln. Und das Nachempfinden des Lebens einer realen Figur wie dem Reisenden, Übersetzer und Erotomanen Richard Francis Burton, der in Trojanows preisgekröntem Roman „Der Weltensammler“ ist und dessen Motto war: Omne Solum Forte Partia, dem Starken ist jeder Ort Heimat.

Trojanow gelingt es, sehr farbig, lebensprall und keine Vergleiche mit der Esskultur scheuend (steht das nicht auf der Verbotsliste jeder Journalistenschule?) seine Poetik darzustellen. Mit James Joyce verweist er auf die Wichtigkeit gar einer einzelnen Hausnummer, darauf, wie wesentlich die Recherche ist, um den „narrativen Motor“ zu entzünden, danach aber wieder in den Hintergrund zu treten: „Wenn die Imagination erglüht ist, erweist sich die Information als redundant.“ Und trotzdem, der Leser braucht „die stabilisierende Autorität der Fakten“: Das Rezept für die Peking-Ente, das Trojanow einst als Leser eines Science-Fiction-Romans das Szenario einer weit entfernten Zukunft nahebrachte, dieses Rezept darf nicht falsch sein.

Trojanow schildert, wie er für „Der Weltensammler“ sich auch die Langsamkeit des damaligen Reisens aneignete, wie er seinen ganzen Körper einbrachte, im Gegensatz zu den in der Regel an ihren Schreibtischen kauernden Schriftstellern. Zum Beispiel in Tansania, das er drei Monate lang wie Burton durchwanderte: „Man sieht mit dem ganzen Körper anders als nur mit den Augen.“ Nicht zuletzt hätte er das Gefühl gehabt, das wegen bestimmter Erlebnisse in Tansansia sich die körperliche Erinnerung mit in den Text eingeschrieben hätte.

„Je mehr ich recherchiere, desto mehr interessiert mich die Wirklichkeit der Anderen“, schließt Trojanow, in bewusster Abgrenzung zu Handkes einst formulierten Credo, ihn interessiere nur die eigene Wirklichkeit. Dass Trojanow allerdings der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur noch einen einschenkt, deren Aufenthalt „im Hinterhof der eigenen Biografie“, deren Abstürze, so sie sich doch einmal in die Fremde begibt, und dazu noch, dann zumindest einmal Pessimist mit einem Zuviel an Information, „die Monokultur des Vorspulens und der „Drei–Minuten–Aussagen“ geißelt – das wäre nicht nötig gewesen, das hat ein Ilija Trojanow nicht nötig, schon gar nicht nach einer Vorlesung wie dieser. Bestätigt sie doch nur, dass er noch mehr ist als Abenteurer, Grenzgänger und Freidenker: nämlich auch ein großer Erzähler.

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