Kultur : Der Negativist

Das Ultraschall-Festival porträtiert Giacinto Scelsi

Ulrich Pollmann

Was macht man bloß mit so einem Komponisten? Einerseits stellt das Ultraschall-Festival den bekennenden Spiritualisten Giacinto Scelsi ganz offen als musikgeschichtlich schwer verdauliche Erscheinung dar – und unternimmt andererseits einiges, um ihn uns näher zu bringen. Natürlich wird auf dem von Christine Anderson geleiteten Symposium im Radialsystem heftig über die legendenreiche Lebensführung des italienischen Aristokraten spekuliert. Auch die Frage, welchen Anteil Scelsis Assistenten an seinen Werken hatten (die der Komponist ihnen bekanntlich als Tonbandaufzeichnungen zur Niederschrift anvertraute), bewegt weiterhin die Gemüter. Inwieweit das den Konzerthörer interessieren muss, blieb in der (sehr späten und sehr langen) Scelsi-Nacht dahingestellt. Ganz bewusst operiert das Programm mit dem Gefühl der Zwiespältigkeit. In den Stücken aus ganz unterschiedlichen Schaffensperioden Scelsis jedenfalls wird das Aufspüren eines roten Fadens zur Herausforderung.

Das frühe Klavierduo „Rotativa“ beispielsweise arbeitet noch ganz unverhohlen mit spätromantischen Allusionen, die allerdings schon in typischer Manier und also ohne formbildende Ambitionen präsentiert werden: Der ritualhaft in sich kreisende Charakter, der für den in östlichen Religionen und Philosophien bewanderten Scelsi so typisch ist, scheint bereits gegenwärtig, allerdings noch im Gewand scheinbar vertrauter Klangästhetik. In den „Tre canti sacri“ für achtstimmigen Chor, fast 30 Jahre später komponiert, 1958, tritt dem Hörer dann ein von aller klassischen Tradition gereinigter Stil entgegen. Man hört völlig freie und erstaunlich schlüssige atonale Klänge, die sich wie von selbst um einige lose verankerte Zentraltöne winden. Das fabelhafte Stück wirkt ungleich entspannter als vieles, was damals von der Darmstädter Schule komponiert wurde. Auch die fast gleichzeitig entstandenen „quattro pezzi“ für Orchester, die das Festival eröffneten, atmen diesen Geist.

Hört man hingegen das umfangreiche Flötensolo „Tetraktys“ (von Roberto Fabbriciani im Schweiße seines Angesichts bewältigt), kann man verstehen, warum Scelsi von vielen Kollegen als Dilettant verspottet wurde. Auch die Werke für Schlagzeugensemble oder für Kontrabass solo erschöpfen sich schnell, wirken nach Schema F gestrickt. Kurzum: Der Meister (der übrigens unter keinen Umständen fotographiert werden wollte), ist auch 20 Jahre nach seinem Tod nicht zu fassen. Die Komponisten, die für Ultraschall Werke mit Scelsi-Bezug verfasst haben, nutzen wahlweise seine Mikrotonalität oder auch seinen Hang zum Archaisch-Bruitistischen. Aber der Versuch, Musik als klangliche Tiefenerfahrung und als Antwort auf den Verlust von Spiritualität zu präsentieren, trägt offensichtlich nicht. Viele Stücke Scelsis funktionieren in gemischten Programmen ganz wunderbar, weil sie uns lehren, auf das Innere des Klangs zu hören. Aber ein Abend nur mit Scelsi macht auch schmerzlich bewusst, dass seine Musik von der Reaktion auf seine Zeitgenossen lebt: als ein vitales Negativ der Avantgarde. Ulrich Pollmann

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