Kultur : Der neidische Schöpfer

Schreiben ober Leben: Ernst-Wilhelm Händler lässt sich in „Die Frau des Schriftstellers“ in die Karten schauen

Meike Fessmann

Auf einer Party herumstehen und Smalltalk halten, das ist für die meisten Menschen kein großes Problem. Das Gespräch am Laufen halten, um mehr geht es nicht. Was machen Sie? Woher kennen Sie den Gastgeber? Simple Fragen, einfache Antworten – und schon gleicht man biografische Daten ab, tauscht Berufserfahrungen aus, erzählt von den Kindern und dem letzten Urlaub. Für schreibende Menschen aber sind solche Situationen der reinste Horror, ganz besonders, wenn es sich um Schriftsteller mit Ambition handelt. Kennt der andere mein Werk oder wenigstens das letzte Buch? Oder hält er mich womöglich für einen, der an Geist und Sprache so ungelenk ist, wie er gerade redet? Es sind Fragen, die sich im Inneren abspielen. Sie kennen kein Außen, denn sie können nicht gestellt werden. Und schon hat sich der Schriftsteller verstrickt. Der ideale Gesprächspartner wäre ein Leser, der alle Bücher im Kopf hat, und das simultan. Ein Unding. Bleibt nur: Schweigen?

Dass die Literatur der Moderne mit einer Pathetisierung des Schweigens einhergeht – Becketts hoch aufgeschossene Giacometti-Gestalt ist gewissermaßen ihr Emblem –, hat damit zu tun. Das Schweigen ist aber auch ein Klischee, das zwischen den Geschlechtern in Umlauf ist. Männer schweigen, Frauen sprechen. Wie an allen Klischees ist auch an diesem etwas Wahres dran. Wer aber tiefer bohrt, findet etwas anderes. Ernst-Wilhelm Händler hat das mit seinem neuen Roman getan, der nicht umsonst „Die Frau des Schriftstellers“ heißt.

Dort gibt es eine Schriftstellerin – neben der Psychohistorikerin Beatrice die zweite weibliche Hauptfigur (der Erzähler schläft mit beiden) –, die davon träumt, endlich einen Mann zu treffen, der wirklich schweigt. Der mit seinem „Nichtssagen“ tatsächlich nichts ausdrücken will. Händler ist ein kluger Autor, er weiß, dass man das Klischee ohne weiteres auf den Kopf stellen kann. Männer reden, vornehmlich von sich, Frauen hören zu und therapieren ein bisschen an ihnen herum, meistens ohne Erfolg. „Ich habe alle Persönlichkeitsstörungen der Welt“, sagt der Ich-Erzähler, „und ich bin stolz darauf.“ Er ist ebenfalls Schriftsteller.

„Die Frau des Schriftstellers“ ist nicht in erster Linie ein Roman über die Geschlechterfrage. Dennoch führt sie ins Zentrum. Denn er handelt vom Schreiben in all seinen Aspekten. Also auch vom Verhältnis zwischen Literatur und Leben sowie von der Macht, die ein Autor über seine Figuren hat, mehr noch: auch über die Personen, mit denen er verkehrt. Denn er kann sie jederzeit in literarisches Personal verwandeln und, Verfremdung vorausgesetzt, mit ihnen schalten und walten, wie er will. Das Omnipotenzgefühl gehört zur Autorschaft, seit es sie gibt, also seit dem 18. Jahrhundert. Von Jean Paul bis Paul Wühr wird es in literarischen Werken reflektiert, als Fluch und Segen gleichermaßen. Schreiben im modernen Sinne – davor war der Schreibende Kopist oder Glied einer Traditionskette – ist ein Schöpfungsakt und tritt automatisch zu zwei anderen Schöpfungsformen in Konkurrenz: dem göttlichen Vermögen, aus dem Nichts etwas zu schaffen, und der weiblichen Gebärfähigkeit.

Laura, die Schriftstellerin – wir behandeln die Figuren der Einfachheit halber etwas realistischer, als sie konzipiert sind –, wird schwanger. Nur der Erzähler könnte sie von einer Abtreibung abhalten. Er tut es nicht. „Damit ich ein Buch über alles schreiben kann.“ Ist das verwerflich? Gewiss nicht, es ist ja Literatur, zudem eine, die so wahrhaftig wie möglich Auskunft darüber gibt, was es heißt, sich ihr auf Gedeih und Verderb zu verschreiben.

Der Erzähler ist ein Schriftsteller mit unbedingtem Anspruch. „Handle so, daß das Prinzip deines Wollens und deines Strebens darin besteht, daß du dein Buch schreibst“, lautet sein kategorischer Imperativ. Aber er gerät in eine Krise. Seit er Laura kennt, denkt er immer öfter daran, das Schreiben dem Leben zurückzugeben. Die Arbeit an seinem Manuskript ist gerade abgeschlossen. In dieser Situation erhält er ein so beängstigendes wie verlockendes Angebot. Sein taubstummer Agent übermittelt ihm den Vorschlag des Verlegers Guggeis – eine weitere Siegfried-Unseld-Figur in der an literarischen Inkarnationen des 2002 verstorbenen Verlegers nur so wimmelnden Gegenwartsprosa –, er solle inkognito den Roman des Erfolgsautors Pototschnig zu Ende schreiben. Pototschnig, ein echter Kraftprotz des Literaturbetriebs und überdies Lebensgefährte Lauras – ja, es geht auch um Vitalität und Virilität –, hat sich beim Fußballspielen an der rechten Schulter verletzt. Da er mit der Hand schreibt, kann er nicht weiter arbeiten. Und Guggeis’ Verlag braucht dringend einen Bestseller. Der Erzähler zeigt sich interessiert, nicht zuletzt aus Interesse an Laura, aber es ist ihm unvorstellbar, im Namen eines anderen zu schreiben.Was nützt einem Autor der Ruhm, wenn er auf das Konto eines Rivalen geht?

„Die Frau des Schriftstellers“ spielt in München, Wien und Berlin, bevorzugt an noblen Orten. So kommt es zu einer Begegnung im Four Seasons, wo ihm Pototschnig den ersten Teil seines Romans vorliest, der dem Leser nicht vorenthalten wird. Schnell erkennt man, dass es sich um eine Variation auf Thomas Bernhards „Auslöschung“ handelt. Dessen Figuren exilieren auch sonst recht munter aus der Romanvorlage und treiben sich in Händlers eigenem Roman herum. Doch für den Erzähler ist das nicht das Problem. Er meint nämlich, in der vorgelesenen Geschichte sein eigenes Leben zu erkennen. Der Bestseller-Autor hat ihm seine Kindheit im oberösterreichischen St. Pankraz gestohlen. Er ist empört wegen des Diebstahls, aber auch, weil der Konkurrent genau das Buch geschrieben hat, das er selbst schreiben wollte. Was gibt es Schlimmeres!

Das Verhältnis zwischen Literatur und Leben wird also in mehrfachen Spiegelungen verhandelt. Immer geht es dabei auch um Macht. Wer als Erster schreibt, hat gewonnen. Jedes Buch konkurriert mit allen anderen Büchern. Und jeder Autor mit allen anderen Autoren. Das Reich der Literatur, in das man nur mit Kampfgeist, Mut und Fleiß aufgenommen wird, ist ein einziges Schlachtfeld. Kein Wunder, dass der Erzähler unter Angststörungen leidet und Fredd Culbertsons Liste mit den Namen von 424 klinischen Ängsten zitiert, von „Cherophobie: Angst vor Freude“, über „Rhytiphobie: Angst davor, Pickel zu bekommen“, bis „Thalassophobie: Angst vor dem Meer“. Auch sonst hat der Autor ein Faible für Ordnungssysteme. Sein Schreiben lebt davon, Ordnungen zu errichten und dann klammheimlich die Axiome zu verschieben, um den Prozess des Vernetzens und Fließens so lange am Laufen zu halten, wie es irgendwie geht.

Das hat Methode. Denn Ernst-Wilhelm Händler, der als Schriftsteller und Unternehmer in München und Regensburg lebt, ist ein großer Bekenner. Wie die meisten Autoren dieser Gattung hat er eine Strategie entwickelt, sich im Bekennen gleichzeitig zu verbergen. Anders als Martin Walser versteckt er sich nicht hinter seinen Figuren, sondern hinter Sätzen. Es gibt in diesem Roman eine Menge Sätze, denen man anmerkt, dass der Autor sie dringend aussprechen wollte, aber gleichwohl unbedingt verhindern musste, dass man sie ihm zuschreibt. Das geht am besten mit widersprüchlichen Aussagen. So entsteht eine Prosa, die unablässig nach Eindeutigkeit ruft und gleichzeitig einen enormen Raum der Unbestimmtheit erzeugt. Durch diesen Raum muss sich der Leser seine Bresche schlagen, so energisch und gewalttätig wie der Autor.

Händlers Romane sind grandiose Zumutungen, denen man nur begegnen kann, indem man sich wehrt. Man sollte ihnen getrost das Wort abschneiden und im Mund herumdrehen, Einspruch erheben und Widerspruch einlegen. Nur so bleiben sie in Bewegung, damit sie beidem dienen: der Literatur und dem Leben.

Ernst-Wilhelm

Händler: Die Frau

des Schriftstellers.

Roman. Frankfurter Verlagsanstalt,

Frankfurt am Main.

640 Seiten, 25 €.

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