Kultur : Der neue Blick

Nadine Lange

Die Fotografin erhält am Sonnabend den zum vierten Mal vergebenen Preis des Landes BerlinNadine Lange

Sie trägt die Haare noch fast genau so wie mit zwanzig: Halblang und rechts gescheitelt. Inzwischen sind sie ergraut und Marianne Feilchenfeldt, geborene Breslauer, steht kurz vor ihrem neunzigsten Geburtstag. Ihre Augen sind immer noch flink. Mit diesen Augen hat sie zwischen 1927 und 1937 wundervolle Motive gefunden, die sie mit der Kamera festhielt. Für diese Bilder bekommt sie heute als erste Frau und als erste Fotografin den zum vierten Mal vergebenen Hannah-Höch Preis des Landes Berlin.

Die gebürtige Berlinerin beschloss, Fotografin zu werden, als sie eine Ausstellung von Hanna Riess gesehen hatte: "Sie machte Porträts, wie ich sie noch nie gesehen hatte." Da war Marianne Breslauer gerade einmal 16 Jahre alt. Ihre erste Kamera war aus Holz, später benutzte sie eine Spiegelreflexkamera mit 9x12-Format. Die Eltern - ihr Vater war ein vielbeschäftigter Villenarchitekt - unterstützten ihre Ambitionen, und so besuchte sie nach dem Schulabschluss die Fotografie-Klasse des Lette-Vereins. Dort lernten fast nur Frauen, denn Fotografie war während der Weimarer Republik ein ausgesprochener Frauenberuf. Allein in Berlin gab es 1931 über 100 Ateliers unter weiblicher Leitung. Fotografinnen galten als Verkörperung des neuen Frauentypus: selbstbewusst, technisch geschickt und dazu noch modisch gekleidet.

Nach der Gesellenprüfung ging Marianne Breslauer 1929 nach Paris, um bei Man Ray zu lernen. "Er fand, dass ich schon alles konnte und ermunterte mich, eigene Bilder zu machen. Er selber hat dann noch Porträts von mir aufgenommen, auf die ich sehr stolz bin", erzählt Breslauer. Sie streifte durch Paris und fotografierte Menschen am Seine-Ufer, im Jardin du Luxembourg und auf der Straße. Diese Schnapschüsse aus der Großstadt folgen mit ihren ungewöhnlichen Perspektiven und gewagten Diagonalstrukturen dem Stil der Zeit. Doch ihre Porträts wirken keineswegs neusachlich, sondern sehr persönlich und warmherzig. Und immer wieder "das Unscheinbare, das Nicht-Beachtete", das Breslauer so faszinierte: Ein Holzpferdchen, ein Zirkusjunge, zwei Angler.

Zurück in Berlin arbeitete Breslauer von 1930 bis 1932 im Ullstein-Fotoatelier, das von Elsbeth Heddenhausen geleitet wurde. "Dort habe ich die Technik erst richtig gelernt", erinnert sie sich. Ihre Mode,- Porträt- und Reportageaufnahmen erschienen in den Magazinen des Ullstein-Verlags und in der Frankfurter Zeitung. In dieser Zeit stieß Breslauer zu dem avangardistischen "Mädchenkreis" aus Schriftstellerinnen, Journalistinnen und Bildhauerinnen, den die Schweizer Autorin Annemarie Schwarzenbach um sich geschart hatte. Sie fotografierte die Künstlerinnen und ging 1933 mit Schwarzenbach auf eine Reportagereise durch Spanien. Dabei entstand auch das Bild eines "Schulmädchens aus Gerona". Es wurde von einer Pariser Zeitung zum Foto des Jahres gewählt und ist bis heute Breslauers liebste Aufnahme.

Als sie nach Deutschland zurück kam, war es für die Jüdin Breslauer fast unmöglich geworden, ihre Fotografien zu veröffentlichen. 1936 emigrierte sie nach Amsterdam, wo sie den Kunsthändler Werner Feilchenfeld heiratete. Das Paar ging in die Schweiz, bekam zwei Söhne und gründete nach dem Krieg eine Kunsthandlung in Zürich. Familie und neuer Beruf ließen Breslauer keine Zeit mehr für die Fotografie. Außerdem schien das Medium ausgereizt: "Wenn ich weiter in dem Bereich gearbeitet hätte, wäre ich zum Film gegangen. Mit dem Fotografieren war ich fertig." Ihre Aufnahmen wurden erst in den achtziger Jahren wiederentdeckt. In Berlin zeigte zuerst das Verborgene Museum eine Einzelausstellung, 1989 folgte die Nationalgalerie. Beim Besuch ihrer Geburtsstadt fühlt sich Marianne Breslauer, die nach langjähriger Staatenlosigkeit inzwischen Schweizerin geworden ist, immer noch "sehr zu Hause". Schmunzelnd fügt sie hinzu: "Berlin ist nicht wieder zu erkennen, aber doch erkennbar."Die Preisverleihung findet heute um 17 Uhr im Ephraim-Palais, Poststr. 16 (Mitte), statt. Dort sind auch vom 2. November bis zum 30. Januar Fotos von Marianne Breslauer zu sehen. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet
© 1999

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