Kultur : Der neue Gral

New Yorks Museum of Modern Art eröffnet sein vergrößertes Domizil - triumphale Heimkehr nach dem Berlin-Gastspiel

Bernhard Schulz

„Thank you, MoMA!“, riefen die letzten pinkfarbenen Plakate dem Gast aus Übersee hinterher. MoMA war innerhalb von sieben Monaten zum Berliner geworden, zum beispiellos gefeierten Gast. „Welcome home“, könnten die Plakate jetzt in New York lauten, denn das Museum of Modern Art ist zurückgekehrt. Es hält triumphalen Einzug in seine Heimatstadt. Nach dreieinhalbjähriger Schließung seines Domizils, das sich im Laufe von Jahrzehnten um den bahnbrechenden Bau von 1939 in der 53. Straße gelegt hatte, öffnen sich am Sonnabend zum 75. Geburtstag die Pforten eines gänzlich neuen Museums of Modern Art. Dass zur Vernissage auch die Repräsentanten von Stadt und Staat New York in dieser auf seinen strikt privaten Charakter so stolzen Institution auftraten, hat seinen Grund in den Finanzhilfen der öffentlichen Hand nach dem 11. September: 10 Millionen Dollar gab der Staat, 65 Millionen die Stadt.

Nun also strömen die Besucher in die lichten Säle. Die Fläche hat sich nahezu verdoppelt. Aus der Diskrepanz zwischen zu eng gewordener Hülle und berstender Sammlung hatte das alte MoMA immer seinen Charme gezogen – der allerdings an gut besuchten Wochenenden zum Alptraum werden konnte. Jetzt scheint alles perfekt abgestimmt: Eine großartige Sammlung hat ein großartiges Zuhause bekommen.

Ob es noch immer das bedeutendste Museum der Kunst der Moderne ist, und ob es das bedeutendste Museumsgebäude dafür erhalten hat, ist eine andere Frage. Sie weist mitten in den Entscheidungsprozess für den Neubau. Das MoMA, das unter Gründungsdirektor Alfred H. Barr zur Instanz geworden war – nicht nur der modernen Malerei und Skulptur, sondern auch von Architektur, Design und Film –, war seit den Siebzigern in eine Identitätskrise geraten, ungeachtet des zunehmenden Erfolgs. Je mehr Museen moderner Kunst in aller Welt aus dem Boden schossen, je mehr vor allem Häuser der Gegenwartskunst das MoMA in die Ecke des Traditionshüters rückten, desto schärfer stellte sich die Frage nach der Zukunft. Jetzt verkündet Glenn Lowry, der Manager-Direktor des Museums, die Zugehörigkeit zur „zeitgenössischen Szene“. Das MoMA will wieder dort sein, wo es 1929 schon einmal war: an der Spitze der Entwicklung, einerlei, ob das breite Publikum sie schon versteht oder noch nicht.

Das mag der Grund dafür sein, dass der japanische Architekt Yoshio Taniguchi, der 1997 mit dem Entwurf des Neubaus beauftragt wurde, die Galerien der zeitgenössischen Kunst gleich im ersten Geschoss angeordnet hat. Die beiden Stockwerke mit den Meisterwerken der Malerei und Skulptur befinden sich ganz oben. Der Besucher soll eben nicht den kurzen Weg zu van Gogh, Picasso, Matisse nehmen, sondern zunächst mit der Gegenwart konfrontiert werden.

Taniguchi bedient sich in seinem zurückhaltenden Bau einiger Kunstgriffe. Der größte ist der zentrale Lichthof, der erst im Obergeschoss beginnt, um die Besucherbewegungen zwischen Kasse, Garderobe, Café fernzuhalten. Er ist kein Lichthof im klassischen Sinne, sondern ein weitgehend von Mauern umschlossener quadratischer Schacht. In die Wände sind Fensterschlitze eingeschnitten, und am Lichthof führen Teile der Treppenanlagen und verbindenden Terrassen vorbei. So kommunizieren alle Gebäudeebenen miteinander, ohne – wie es Frank Gehry beim Guggenheim Museum in Bilbao im Extrem gemacht hat – das Kommunizieren als den Daseinszweck eines Museums umzudeuten.

Taniguchi will optische inhaltliche Bezüge herstellen, die neugierig machen auf die Querverbindungen der Kunst. Denn diesen Wermutstropfen halten Lowry und sein Kuratorenteam für den auf eine radikale Erneuerung setzenden Besucher bereit: Die Abteilungen des Hauses bleiben getrennt. Man erahnt die Fürstentümer im Königreich der Moderne – die Architektur (mit hinreißenden Modellen), das Design (mit einer ein wenig zu schrill geratenen Auswahl), die noch am ehesten dem traditionellen Museum entsprechende Grafik und – die Fotografie. Die vielleicht bedeutendste Neuerung des 20. Jahrhunderts kommt zur Ansicht, als gelte es, die Schlachten um ihren künstlerischen Rang noch einmal zu schlagen. So wie die Fotografie hier präsentiert wird, ist sie Kunst – und natürlich nur vom Allerbesten.

Da reibt man sich die Augen: Wollte das MoMA einst nicht etwas anderes sein als das Ehrfurcht gebietende Museum? Allen Beteuerungen unbedingter Zeitgenossenschaft zum Trotz ist das MoMA ein Museum. Das war es längst, aber in seinem Neubau erscheint es nun wie ein „Metropolitan Museum der Moderne“, wie eine Institution, deren makellose Präsentation im Einklang steht mit ihrem unantastbaren wissenschaftlichen Rang. Die vor allem dies verkündet: was unsere kulturellen Werte sind. Die Moderne, spürt man hier, bildet die Basis, auf der alles Heutige steht, und ist zugleich das fortdauernde Charakteristikum.

Hier ist die Kunst, die als Westkunst zugleich Weltkunst ist; hier ist der Königsweg, der Kanon. Er hat sich gegenüber dem alten Haus zwar nicht grundlegend geändert, aber es gibt spannende Modifikationen. So schreiben Taniguchis Raumfolgen keinen Weg mehr vor, sondern stellen durch allseitige Durchblicke Bezüge her. An der fürs MoMA zentralen Rolle von Picasso und Matisse und mit ihnen der gesamten Pariser Moderne von 1880 bis 1940 ändert das nichts. Dafür erscheint die Kunst des deutschsprachigen Raumes akzentuierter, wobei deutsche und österreichische Kunst nahtlos zusammengehen. Lehmbruck und Kirchner besetzen jetzt hervorragende Plätze; umso mehr verwundert, dass Max Beckmanns „Abfahrts“-Triptychon, diesem Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, nun die Mexikaner zugeordnet sind, als ob Beckmann nicht stets die Herausforderung Picassos gesucht hätte.

Viel erstaunlicher ist die geringe Rolle, die das Haus der amerikanischen Kunst vor dem Zweiten Weltkrieg einräumt. Dafür triumphiert ein Stockwerk tiefer die amerikanische Nachkriegsmalerei. Jackson Pollocks großes Drip-Bild atmet jetzt die Freiheit, für die es steht. Vor allem die amerikanische Malerei profitiert von den großzügigen Räumen, und der Parcours von Pollock bis Jasper Johns sucht selbst im Mutterland seinesgleichen.

Viele Werke sind erstmals präsentiert. Die Formate hatten zuvor keinen Platz gefunden: Monets „Wasserlilien“ beispielsweise, die erstmals in Berlin in voller Breite zu sehen waren. Sie befinden sich im Lichthof, dessen Mitte Barnett Newmans „Broken Obelisk“ markiert. Von allen Seiten ist die Stahlskulptur zu sehen, in immer neuen Perspektiven. An solchen Einzelfällen erweist sich die Meisterschaft, mit der dieses Museum seine Schätze zelebriert.

Solche Meisterschaft hat ihren Preis: 425 Millionen Dollar haben Um- und Ausbau gekostet. Viel Geld, aber nicht für das MoMA, das sich eine Kapitalsammlung von 858 Millionen Dollar zum Ziel gesetzt hatte – 725 Millionen sind bereits eingeworben. Für diese Summe bekam das Museum eine Grundfläche von 58500 Quadratmetern. Dabei hat sich die Ausstellungsfläche von 7900 auf 11600 Quadratmeter gar nicht so sehr vergrößert. Zwei der fünf Ausstellungsetagen sind der klassischen Moderne gewidmet, die dritte – die in den renovierten Altbau von 1939 hinüberreicht – den anderen Abteilungen und die vierte der Gegenwartskunst. Unter dem Dach liegen die Wechselausstellungsräume. Die unsichtbaren Teile des Museums haben enorm gewonnen. Unter welchen Bedingungen die Museumsleute bislang gearbeitet haben – Schwamm drüber. In Deutschland wäre die Bauaufsicht dazwischen gegangen, in New York herrscht Enthusiasmus.

Dazu hat die Stadt allen Grund: Mit dem neuen Museum of Modern Art bekommt New York wieder das Maßstab setzende Haus der Moderne.

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