Kultur : Der neue Jetset

Flugreisen waren etwas Besonderes, aber das ist lange her. Sechs Menschen erzählen, wie die Billiglinien ihr Leben verändert haben

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DER BRÄUTIGAM

Die Liebe, heißt es, verlangt nach Opfern. Und wenn ein deutscher Mann in eine finnische Landhochzeit einwilligt, beweist er Opferbereitschaft. Schließlich glaubt er zu wissen, was ihn erwartet: eine Feier in der Fremde, unter Fremden. Wer, außer einer kleinen Schar finanzstarker Abenteurer, würde sich mitten im August schon zu einer Finnlandreise aufmachen? Ohne Illusionen sandten wir 70 Einladungen in die Heimat, baten um zügige Rückmeldung und hatten uns die entsprechenden Floskeln im Geiste bereits zurechtgelegt („Unheimlich schade, aber natürlich verstehen wir das ...“). Damals wussten wir noch nichts von der Verbindung HHN nach TMP, sprich FrankfurtHahn nach Tampere. Zu buchen ab 9,95 Euro aufwärts. Je eher, desto günstiger. Ein geladener Betriebswirt aus Essen entdeckte das Angebot als Erster, schlug im Freundeskreis sogleich Schnäppchenalarm. Die frohe Kunde erreichte bald die Verwandtschaft, so dass wir uns Ende März mit der Tatsache von lediglich vier Absagen konfrontiert sahen. 45 der Feierwilligen buchten billig. Ankunft Freitag, Abflug Montag.

Panik ergriff das junge Paar. Was als intime Feier geplant und kalkuliert war, trat als deutsch-finnisches Volksfest vor unsere Augen. Die Örtlichkeit schien nun zu klein, der Gottesdienst bedurfte einer zweisprachigen Leitung, die einzufliegenden Alkoholmengen einer deutlichen Korrektur, nicht zuletzt waren sämtliche Holzhütten des Waldnestes umgehend anzumieten. Als wir uns letzten Samstag auf Nachfrage der eigens eingeflogenen deutsch-finnischen Pfarrerin das „Jawort“ bzw. das „Tahdon“ gaben, füllte der deutsche Billigflugfreundeskreis tatsächlich die Hälfte der örtlichen Holzkirche. Es war wundervoll.

Bleibt noch von dem einen Gast zu berichten, der sich aus ökologischen Gewissensgründen gegen das Billigflugangebot entschied. Er reiste per Zug nach Finnland, war 36 Stunden unterwegs und bezahlte dafür das Sechzigfache des möglichen Flugpreises. Weshalb wir es ihm auch nicht verübeln wollen, dass er zu später Stunde noch eine Diskussion über die möglicherweise nicht vollends ausgewogene Besteuerung des Flugbenzins vom Zaun brach.

Wolfram Eilenberger, 31

DIE TOCHTER

Ich verachte die Bahn, und ich liebe V-Bird. Das ist eine holländische Fluggesellschaft, die von Berlin-Schönefeld aus den Flughafen Niederrhein anfliegt. Meine Eltern wohnen 20 Autominuten von Niederrhein entfernt – zwischen dem Abschließen meiner Wohnungstür in Berlin-Friedrichshain und dem Willkommens-Spargelsalat meiner Mutter (nach „Laufpapst“ Dr. Strunz) liegen knapp zweieinhalb Stunden. Rekord! Früher musste ich mit dem ICE nach Duisburg schleichen und dort auch noch in einen Regionalexpress umsteigen. Reisedauer: fünf Stunden, 39 Minuten. Andere Leute lesen ja im Zug, ich kann das nicht, höchstens „Bunte“. Mir ist einfach nur langweilig, und ich schlafe schlecht gelaunt im Rauchergroßraumwagen ein.

Das ist schlimm: Meinen Eltern, die sowieso ständig denken, dass Berlin mich fertig macht, will ich knitterfrei und frisch gewaschen in die Arme fallen. Heute, wo ich meine persönliche Fluglinie und meinen persönlichen Flughafen habe, geht das. Mit einem Wrigley’s Extra im Mund und einer wichtigen deutschen Zeitung unter dem Arm komme ich duftend und entspannt in Niederrhein an. Meine Mutter hat mir vergangenes Jahr zu Weihnachten (vereiste Landebahn, Zwischenlandung in Köln, gerade noch rechtzeitig zur Bescherung dagewesen) einen schicken Rollkoffer geschenkt, der mein Frequent-V-Bird-Flyer-Dasein irgendwie apostrophiert. Und sie sagt immer zur Begrüßung: „Nä! Schönefeld, Regen, Niederrhein, Nebel, aber die Frisur sitzt. Ich hab’ Spargelsalat gemacht.“

Den Flughafen Niederrhein gibt es erst seit Mai 2003. „Mit seinem neuen Passagierterminal, einem hoch motivierten Team und professionellen Partnern verbindet der Flughafen die Vorteile eines überschaubaren und stressfreien Regionalflugfhafens mit dem Komfort und Service eines internationalen Airports“, heißt es in der Werbung. In Wirklichkeit sieht das Flughafengebäude so aus, als würde es in Einzelteile zerlegt und in braune Pappkartons verpackt locker auf einen Ikea-Einkaufswagen passen. Aber stressfrei stimmt: Am Wochenende kommen viele Leute von den umliegenden Dörfern, um ihren Kaffee im Flughafencafé zu trinken. Für die Kinder gibt es ein Karussell mit Jumbo-Elefanten. Am Flughafen Niederrhein ist meistens Kirmes.

Nur einmal war ich sauer. Es war Papas Geburtstag, und ich reiste zusammen mit dem Geschenk, einem Kätzchen. Das Katzen-Ticket war wesentlich teurer als meines. Dafür musste Kuweitilein den ganzen Flug auf einer geblockten Bordtoilette verbringen. Sogar der Lärm der Turbinen konnte sein Miauen nicht überdecken. Der Korb hatte nicht unter meinen Sitz gepasst. Es war furchtbar.

Aber das Fell saß.

Esther Kogelboom, 29

DER ARZT

Ganz klar. Ohne Billigflieger gäbe es meine Agentur gar nicht. „Medical Transfer Services“ vermittelt seit dem vergangenen Jahr deutsche Ärzte nach England, manche für immer, die meisten aber nur für Wochenenddienste. Jedes Wochenende sind etwa 20 unserer Ärzte in Großbritannien im Einsatz. In der Kartei stehen insgesamt 50. Deutsche Allgemeinmediziner können in den Notfallzentren hier an einem Wochenende bis zu 3000 Euro verdienen und sind immer noch billiger als ihre britischen Kollegen. Selbst wenn die Preise steigen sollten, das Ticket plötzlich nicht mehr 100, sondern 200 Euro kostet, würde es sich immer noch lohnen, zum Arbeiten nach England zu fliegen.

Ich bin jetzt, mit Unterbrechungen, seit sieben Jahren in England, weil ich es irgendwann nicht mehr eingesehen habe, in Deutschland als Arzt im Praktikum für 800 Mark im Monat zu arbeiten. Junge Ärzte gehen schon seit den 80er Jahren nach England. Im Moment stürzen sich die Medien auf uns. Das kann auch viel kaputtmachen. Zum Glück machen die Kollegen, die ich vermittelt habe, im Schnitt gute Arbeit. Wenn es dennoch mal öffentlich werden sollte, dass einer nicht ganz so sauber arbeitet, finden die bestimmt einen Weg, das zu blockieren, die Einfuhrbestimmungen zu verschärfen – wenn man so will. Vielleicht bin ich da auch ein bisschen übervorsichtig, aber einige Gemeinden fangen jetzt schon mit Sprachtests an, die eigentlich innerhalb der EU gar nicht mehr üblich sind.

Die Hürden für Ausländer sind sowieso schon ziemlich hoch, obwohl in Großbritannien Ärztemangel herrscht. Der ganze Papierkram – viele Formulare, die gleich aussehen, sich aber doch in Feinheiten unterscheiden. Da ist es unser großes Plus gegenüber den englischen Agenturen, dass wir Deutsch sprechen und deswegen besser helfen können. Das kostet uns viel Zeit und Geld. Wir verdienen nämlich erst nach erfolgreicher Vermittlung. Die lokalen Gesundheitsbehörden zahlen uns zwischen acht und 20 Prozent Provision. Alles Verhandlungssache. Wir müssen damit leben, dass manche Ärzte nach einer gewissen Zeit in England ihre Verträge selbst neu verhandeln. Ich will damit jetzt noch ein bisschen Geld verdienen, bis das Geschäft ein Selbstläufer ist, und ich es beruhigt an einen Nachfolger übergeben kann.

Winfried Brenneis, 39

DIE NEUROTIKERIN

Wir haben eine neue Diktatur im Land und keiner merkt es. Keiner wehrt sich. Es ist die Diktatur der Billigflieger.Ist diese Diktatur etwa harmloser als andere Diktaturen? Und gibt es nicht ein Menschenrecht, auf dem Teppich zu bleiben?

Jede Diktatur reagiert aggressiv auf Minderheiten. Die neue Flieger-Herrschaft beginnt schon in der eigenen Familie. Dabei hast du nur gesagt: Wir könnten ja auch mit dem Zug fahren. Ganz leise hast du es gesagt. Denn jede Diktatur schafft Sklavensprachen. Und weggeguckt hast du auch dabei. Die Flieger machen das nie. Sie schauen dir mitten ins Gesicht und dann sagen sie diesen Satz, der dein Nervensystem schon Wochen vor dem Ernstfall ruiniert: Wir fliegen! Du fällst in ein Luftloch nach dem anderen, genau wie damals auf dem Hinflug nach Bulgarien.

Den Rückflug, das war klar, würde es nicht mehr geben. Warum nicht Bulgare werden? Oder eben mit dem Zug fahren. Überhaupt wäre das doch … Aber die Blicke derer, die deine Nächsten sein sollten, verhindern das Ende des Satzes. In ihren Augen steht nur ein Wort: Mehdorn!

Wir fahren immer an den Comer See, weil es schwer ist, woanders hinzufahren. Im letzten Jahr, als es diese Billigfluglinie Lübeck – Bergamo gab, ging noch einmal alles gut. Bergamo liegt unglücklicherweise fast neben Como. Und Lübeck fast neben Berlin. Aber eben nur fast. Da fahren wir einfach, überlegte das Politbüro der Flieger, mit dem Regionalexpress über Rostock nach Lübeck, dann suchen wir den Flughafen, der irgendwo bei Lübeck …

Am Tag, als das Reisebüro zum ersten Mal „Supergünstig! Berlin – Bergamo ab 29 Euro“ versprach, war alles vorbei. Vielleicht merken die nichts, hast du noch gedacht. Sie haben es gemerkt. Wer weiß, wozu es gut ist. Das Leben ist auch nur eine Party. Man soll auf keiner Party bis zum Schluss bleiben. Warum die Sache unnötig ausdehnen? Wenn die Flieger nur nicht so ironisch gucken würden gerade in dem Augenblick, wenn wir verlieren, was der Mensch niemals verlieren sollte: die Bodenhaftung.

Kerstin Decker, 41

DER SPOTTER

Leute wie mich trifft man auf den Aussichtsterrassen der Flughäfen, wo wir stundenlang stehen und Flugzeuge beobachten und fotografieren. Zum Beispiel das Design der Vietnam Airlines: Die Maschinen sind komplett dunkelgrün lackiert und mit Lotusblüten verziert. Das sieht einfach super aus. Außerdem neigen wir „Spotter“ dazu, Flugzeugen einen Charakter anzudichten: Das alte Schätzchen, 30 Jahre auf dem Buckel und fliegt immer noch!

Bevor die Billigflieger aufkamen, habe ich mit einem Freund regelmäßig Touren mit dem Wochenendticket gemacht, zum Frankfurter Flughafen. Zum Glück gab es plötzlich die Möglichkeit, für wenig Geld nach Genf, Mailand, Venedig, Belfast, Glasgow, Malmö oder Montpellier zu fliegen. Da war ich schon überall. Und wäre wahrscheinlich ohne eine billige Flugverbindung nie hingekommen.

London-Stansted ist so was wie das Drehkreuz für Billigflieger in Europa. Trotzdem würde ich da nie hinfliegen, weil man auf dem Flughafen einfach nicht gescheit fotografieren kann. Auf einem guten Flughafen sieht man entweder viele Flugbewegungen oder wenige exklusive. Am besten allerdings nicht von der Besucherterrasse aus, die kosten Eintritt, sind verglast. Stattdessen suche ich mir am Zaun einen guten Platz.

Mein billigster Billigflug war der nach Montpellier für zwei Euro pro Strecke, mit Steuern insgesamt 40 Euro. Von der Stadt habe ich nichts gesehen. Wenn ich zum „Spotten“ irgendwohin fliege, dann mache ich kein Sightseeing. Ich bin ja gekommen, um mir den Flughafen und vor allem die Flugzeuge anzuschauen. Nicht alle meine Fotos sind gut geworden. Macht nichts.

Nils Siebert, 23

DER LAST-MINUTE-TYP

Der neue Jetset macht mich fertig. Woher wissen die das nur so schnell? Warum haben die als Erste raus, wohin man gerade am günstigsten fliegen kann? Und warum haben diese Menschen dann auch immer Zeit? Wahrscheinlich sitzen sie den ganzen Tag am Computer, tun so, als ob sie arbeiten, und googeln doch bloß eine Billigfluglinie nach der anderen. Auch meine Eltern sind mittlerweile so weit. Sie haben es jahrelang nicht geschafft, einen Browser auf ihrem steinalten Computer zu installieren. Plötzlich kennen sie die avanciertesten Suchmaschinen und fragen sich, ob ihre Tochter eigentlich noch ganz normal ist. Sicher, finden sie, ein Wochende an der Ostsee könne auch schön sein. Doch wie kommt man da hin? Mit dem Zug?! Wie anachronistisch.

Heute fliegt man ja, wie man früher Taxi fuhr und angeblich sogar zu vergleichbaren Tarifen. Für 19,99 Euro nach Sizilien, 14,50 Euro nach Klagenfurt, für 17 Euro nach Barcelona. Und es stimmt schon, für dieses Geld kommt man mit der Mehdorn-Bahn nicht bis Mecklenburg-Vorpommern. Doch wie um alles in der Welt bekommt man diese Flüge? Mir ist es, ehrlich gesagt, noch nie gelungen, weniger als 200 Euro für ein Ticket zu zahlen. Auch die so genannten Billiglinien verlangen so viel von mir. Mindestens.

Letzten Herbst, zum Beispiel, wollten wir nach Lissabon, wobei „wollen“ das falsche Wort ist. Wir hatten ein Angebot gesehen, das sehr günstig wirkte und dachten, warum nicht Lissabon? Doch das Angebot war nicht günstig, trotzdem gab es keine Zeitungen an Bord, das Wasser musste man bezahlen und in München hatten wir drei Stunden ungeplanten Aufenthalt. Pech gehabt, hieß es, für ein Schnäppchen seien wir einfach zu spät dran. Wer die richtig günstigen Tarife einstreichen wolle, müsse sich halt früher kümmern. Aber woher soll ich im Januar wissen, wohin ich im Oktober fliegen will?

Billigflieger, denke ich manchmal, wären die idealen Bahnkunden. Wer es schafft, fünf verschiedene Rabattsysteme gegeneinander zu verrechnen und dann noch nicht zu spät dran ist, um auch den Frühbucherrabatt zu bekommen, der fliegt auch für 2,99 Euro nach Mallorca. Ich kann so etwas nicht. Ich bin ein Last-Minute-Typ. Doch leider gibt es keine Last-Minute-Angebote mehr. Nirgendwo. Trotzdem heißt es, Deutschland müsse flexibler werden. Das verstehe, wer kann.

Stefanie Flamm, 33

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