Kultur : Der neue Kanon

Zwischen Sensationen und Ladenhütern: 2004 war ein Kunstmarktjahr der Widersprüche

Matthias Thibaut

Der Kunstmarkt boomt – und ist gleichzeitig in der Krise. Lange nicht war Kunst so teuer, selten machten die Kunsthändler so lange Gesichter. 2004 war das Jahr eines beschleunigten Geschmackswandels und spürbarer Marktverwerfungen. Die Listen der Auktionshäuser mit den Millionenpreisen sind noch einmal länger geworden. Aber während die Preise für das paar Dutzend international gesuchter Stars der Gegenwartskunst und Moderne steigen – etwa für amerikanische Pop Art, die sich nach der Statistik von Artprice.Com seit 1990 um 123 Prozent verteuerte – stagniert der Rest. Die Spekulationsblase der Contemporary Art geht spürbar auf Kosten der Liebe zur alten Kunst. Für Altmeister, Skulpturen, Möbel und Kunsthandwerk war 2004 ein mageres Jahr. Jedenfalls bei der europäischen Kunst. In den aufsteigenden Ländern des Ostens dagegen – Russland, Indien, China – stürzen sich die neuen Reichen auf die alte Kunst und kaufen ihr nationales Kulturerbe zurück. Hier kletterten die Preise weiter in die Höhe.

„Eine Kluft tut sich zwischen dem Alten und dem Modernen auf“, fürchtet der Kunsthändler Richard Philp, „wenn wir zwischen den beiden Welten keine Brücken bauen, fallen sie bald vollends auseinander“. Der Boom der Contemporary Art zeigt, dass die Bewertung von Kunst immer mehr eine Frage der Mode wird und immer weniger mit gesicherten Geschmackskriterien zu tun hat. Wir geben uns individualistisch verfeinert und rennen wie die Lemminge den gleichen Verführungen nach. Das beste Beispiel dafür war der Kaufrausch, den die „Pharmacy“-Auktion mit Werken von Damien Hirst auslöste. Am Ende konnte Sotheby’s einen Gesamterlös von 11,11 Millionen Pfund verbuchen.

Natürlich gab es 2004 auch bei der alten Kunst schlagzeilenträchtige Preise, vor allem, wenn große Namen dahinter standen: Sotheby’s verkaufte einen Vermeer für umgerechnet 23 Millionen Euro. Die Londoner Nationalgalerie bezahlte erstaunliche 46 Millionen Euro für ein umstrittenes Raffael-Gemälde. Das New Yorker Metropolitan Museum erwarb eine Goldgrundmadonna des sienesischen Urvaters der Tafelmalerei, Duccio di Buoninsegna, für 35 Millionen Euro aus einer belgischen Privatsammlung.

Und wenn Sotheby’s Rekordverkauf des Picassos für 104 Millionen Dollar im Mai das Ergebnis kühler Marktkalkulation und geschickten Marketings war, darf Christie’s Verkauf des „Badminton Kabinetts“ im Dezember für 19 Millionen Pfund (27,4 Millionen Euro) als echte Sensation gelten. Es war sogar ein Europäer, der sich diese fürstliche Wunderkammerarbeit sicherte: Prinz Hans Adam II von Liechtenstein ersteigerte den fast vier Meter hohen Prunkschrank für sein neues Wiener Liechtenstein-Museum. Vor 14 Jahren hatte das Kabinett 8,5 Millionen Pfund gekostet. Die Steigerung ist weniger einer gestiegenen Wertschätzung für alte Kunst zuzuschreiben, als der Teuerung für alles, was unwiederholbar an der Spitze des Marktes liegt. Ansonsten wird alte Kunst auch für gehobene Sammler billiger. Die Folge sind weniger Auktionen, dünnere Kataloge, niedrigere Preise. Im mittleren und unteren Bereich liegen die Erlöse für Möbel, Porzellan bis hinauf zum Meißner, Silber, Glas und alte Teppiche oft nur noch bei der Hälfte von dem, was vor zehn Jahren dafür bezahlt wurde. Auch Altmeistergemälde oder Malerei des 19. Jahrhunderts sinken breiter Basis im Preis. Rund 15 Prozent der englischen Händler haben in den letzten zwei Jahren ganz aufgegeben, junge Händler kommen kaum noch nach.

Ganz anders ist die Stimmung in den jungen Nationen: Bei den Auktionen russischer Kunst setzten Christie’s und Sotheby’s im November über 20 Millionen Pfund um. Auch beim Kunsthandwerk stiegen die Preise. Ein Signal war der Rückkauf der Fabergé Ostereier der Zaren aus der Sammlung Forbes gleich Anfang des Jahres durch den russischen Industriellen Viktor Vekselberg – für an die 100 Millionen Dollar. Als Christie’s im Frühjahr fünf indische Schmuckobjekte aus dem Nachlass des britischen Abenteurers „Clive of India“ verkaufte, schossen die Preise in die Höhe. Eine auf 8000 Pfund geschätzte Fliegenklatsche brachte über 900000 Pfund. Die Sammler der boomenden Nation Indien stürzten sich auf ihr Erbe.

Doch niemand kauft seine Kultur mit so konsequentem Einsatz wie die Chinesen zurück. Ob bei Nagel in Stuttgart, Lempertz in Köln, in den Londoner oder amerikanischen Auktionen – überall sind Chinesen zur Stelle, wenn westliche Sammlungen aufgelöst werden. Eine seltene kupferrote Mingschale, auf der eine amerikanische Familie jahrzehntelang Krabbensalat servierte, ging für 5,7 Millionen Dollar an den Londoner Händler Eskenazi – der sie nun, wie seine ganze millionenschwere Ausstellung mit Mingporzellan bei der Asian Art Week in London nach China weiterverkauft.

Auch bei uns wird aller Wahrscheinlichkeit nach das aktuelle Geschmacksdiktat der Zeitgenossenschaft nicht ewig Bestand haben. Der letzte mit unseren Tagen vergleichbare Boom der Zeitgenossen war im späten 19. Jahrhundert die Gründerzeit und der Viktorianismus. Die Engländer ließen damals El Greco, Tizian und Leonardo billig ins Ausland wandern und kauften stattdessen Gemälde von Holman Hunt oder William Frith – die kaum einer noch kennt. Heute kann, wer will, für den Preis eines durchschnittlichen Warhols ein überdurchschnittliches Barockgemälde kaufen und es über eine Barockkommode hängen, die vielleicht billiger ist, als das teuere Art Deco Möbel, das der Trend vorschreibt. Die Marktlage bietet Chance für Individualisten.

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