Der neue Knausgård : In der Landschaft seiner Kindheit

Die kleinen und großen Ausschläge des Daseins: Jetzt ist auch der vierte Teil von Karl Ove Knausgårds grandiosem autobiografischen Romanzyklus "Min Kamp" auf Deutsch erschienen, "Leben"

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Könnte Hafjörd sein: Ein Dorf auf den Lofoten, in Nord-Norwegen
Könnte Hafjörd sein: Ein Dorf auf den Lofoten, in Nord-NorwegenFoto: Imago

Es ist der Jahreswechsel 1985/86, und der junge Karl Ove hat zunächst Probleme, sich im neuen Jahr einzurichten. Dann aber stellt der 17-Jährige erleichtert fest, dass das Leben mit „seinen kleinen Ausschlägen in die eine oder andere Richtung“ seinen gewohnten Gang nimmt, mit den für jedes Leben so typischen, nicht zuletzt unvorhergesehenen Ereignissen, „von denen manche an eine verschlossene Tür oder in einen leeren Raum führen, während andere Konsequenzen haben, die möglicherweise erst viele Jahre später ihre volle Wirkung zeigen.“

Es sind keine besonders spektakulären Sätze, die der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård da irgendwann im Verlauf des vierten Teils seiner sechsteiligen „Min-Kamp“-Saga zwischen die Beschreibung des jugendlichen Knausgård-Alltags streut (der Bruder ist gerade wieder nach Bergen gereist, Karl Ove fängt an, bei einem lokalen Radiosender zu arbeiten etc); und doch merkt man auf bei diesen Sätzen, sind sie anders, reflektierender, summarischer, enthalten sie eins der Leitmotive von Knausgårds Erzählprogramm: Um kleine Lebensausschläge geht es, auch um solche, die sich erst in der Erinnerung als wirkungsvolle erwiesen haben. Kurzum: um den von außen betrachtet nicht so aufregenden Alltag eines heranwachsenden Norwegers aus durchschnittlich bürgerlicher Familie, allerdings aus einer zerfallenden. Dieser Alltag wiederum stellt sich aus der Warte des Betroffenen natürlich spektakulärer, drängender dar: Trennung der Eltern, erster Sex, vorzeitige Ejakulationen, viel Alkohol, die Frage nach der Zukunft.

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård
Der norwegische Schriftsteller Karl Ove KnausgårdFoto: Jimmy Kets/Verlag

Wer die anderen, bisher auf Deutsch veröffentlichten Bände mit den schlichten, aber treffenden Titeln „Sterben“, „Lieben“ und „Spielen“ kennt, der weiß, welche Lebensausschläge enormen Einfluss auf Knausgård hatten: der Tod des Vaters, nicht zuletzt bedingt durch dessen Alkoholkrankeit; das Gründen einer eigenen Familie mit all den damit verbundenen Unvorhersehbarkeiten, Glücksmomenten und Nervereien; das Dasein als Schriftsteller; und der sich beim Schreiben bald in den Vordergrund drängende Wille, „das Markante in Thematik und Stil“ niederzureißen, damit Literatur entstehen kann, wie es in „Sterben“ heißt: „Dieses Niederreißen ist es, was man Schreiben nennt.“

"Leben" ist der Coming-Of-Age-Roman in Knausgårds sechsteiligen Zyklus

Knausgård erzählt zwar alles aus seinem Leben, so macht es den Eindruck, er schildert geradezu aufdringlich seinen Lebenskampf, der eben auch ein Kampf ums Schreiben ist. Das aber macht er nicht chronologisch, sondern durchaus kreuz und quer. Zuerst kam der Vaterroman, dann der Beziehungs- und Familienroman, schließlich der Kindheitsroman, wenn man die bisherigen Bände oberflächlich kategorisieren will. „Leben“, wie dieser vierte Teil auf Deutsch heißt (im Norwegischen sind sie alle bloß nummeriert, „Min kamp“ wäre hierzulande aber noch provokativer als in Norwegen ohnehin schon), ist dieser Einordnung nach der Coming-of-Age-, der Entwicklungsroman. Der beginnt damit, dass Knausgård nach dem Abitur eine Stelle als Aushilfslehrer einer Dorfschule in einem Kaff in Nord-Norwegen antritt, in Håfjord. Das, um Geld zu verdienen, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Vor allem jedoch: um zu schreíben: „Aber ich war nicht gekommen, um neue Menschen kennenzulernen“, macht er sich gleich bei seiner Ankunft klar, als er registriert, wie einsam es hier ist, „ich war gekommen, um Ruhe beim Schreiben zu finden. Beim Gedanken daran durchfuhr mich Freude. Ich war auf dem Weg, ich war auf dem Weg.“

Der aber führt über die Eingewöhnung an die neue Umgebung, an die Menschen hier, die Arbeit, den Umgang mit den zum Teil nur wenig jüngeren Schülern und Schülerinnen, inklusive der Verirrungen der Gefühle, der Beziehungen zum anderen Geschlecht, die primär sexuell motiviert sind, dem Kampf mit dem Ich, mit einem Wort: der Selbstwerdung. Das klingt jetzt, wie gesagt zunächst nicht besonders spektakulär; auch wie Knausgård das alles erzählt, ist betont schlicht, schmucklos und nicht einmal detailliert ausgepinselt, sondern bloß ausufernd. Von einer Ethnologie des Alltags, einer kunstvollen Betrachtung der Dinge oder der Oberflächen kann hier keine Rede sein. Viele Ausschläge des Lebens führen nun einmal ins Leere.

Was aber wie in den anderen Bänden so ergreift und aufregt und nur so über die Seiten fliegen lässt, was Karl Ove Knausgård nicht nur in den USA zu einem Star-Autor gemacht hat, sondern auch hierzulande den Leserkreis von Buch zu Buch größer werden lässt, das ist seine Offenheit, dieses Ungeschützte, auch seinen unsympathischsten Regungen Nachspürende, dass sich dem Leser und sich selbst Ausliefernde.

Zumal das Stillose, das schlichte Nacherzählen nur die eine Seite dieser Literatur sind: Knausgård hat sich sehr genau überlegt, wie er seinen Lebensstoff arrangiert, wie er die Erinnerungen ineinander übergehen lässt; Erinnerungen, die ja die eines heute 40- bis 45-Jährigen, an seinem Schreibtisch in Malmö sitzenden Mannes (Knausgård wurde 1968 geboren).

Hat Karl Ove Knausgård seine Autobiografie überhaupt nur geschrieben, um den Vater loszuwerden?

Tatsächlich verlässt er nach einem Viertel dieses Buches den kleinen nordnorwegischen Ort wieder, um sich der jüngeren Vergangenheit zu widmen, den letzten Jahren in Kristiansand bis zum Abitur. Dabei dreht sich alles um Mädchen, neue Platten von Tuxedomoon bis Jesus & The Mary Chain, das Schreiben erster Plattenrezensionen. Und natürlich um die Beziehung zu den inzwischen getrennt lebenden Eltern. Insbesondere die zum Vater bleibt heikel, zumal dieser langsam dem Alkohohl verfällt. „Leben“ verbindet bezüglich des Vaterlebens den dritten Teil „Spielen“ mit dem ersten, „Sterben“, wobei sich der Eindruck verstärkt, als habe Knausgård seine Autobiografie überhaupt nur geschrieben, um den Vater loszuwerden, ihn von sich wegzuschreiben.

So berichtet er nun in "Leben" einerseits von seiner Erleichterung, den Vater nicht mehr sehen zu müssen, nach dem dieser mit seiner neuen Frau aus Kristiansand fortgezogen ist, dass dieser auf eine Art „Unbehagen“ reduziert worden ist, „mit dem ich hin und wieder konfrontiert wurde, wenn er rief oder wenn jemand mich an ihn erinnerte.“ Andererseits zitiert er Passagen aus später gefundenen Notizbüchern des Vaters von 1986, 1987 und 1988: „Und vielleicht ist die Lektüre deshalb so schmerzhaft für mich, weil ich erkennen musste, dass er nicht nur sehr viel mehr war als meine Gefühle für ihn, sondern unendlich viel mehr - ein ganz und gar lebendiger Mensch mitten im Leben.“ Nur gut, dass es die Literatur und das Schreiben gibt; Bücher wie Ingvar Ambjörnsens „Weiße Nigger“, Klas Östergrens „Gentlemen“ oder Charles Bukowskis „Der Mann mit der Ledertasche“, in denen sich seine große Sehnsucht nach dem anderen Leben, nach dem Überwinden von Routinen und Familienzwängen spiegeln. Und Knausgård erkennt beim Schreiben, dass er selbst Türen in die Kindheit und Vergangenheit zu öffnen vermag. Da sitzt er dann „in der Landschaft seiner Kindheit“ und muss sich gerade in diesen Momenten der unangenehm eindringenden Gegenwart erwehren.

Anders als in dem Vorgänger „Spielen“, der als reiner Kindheitsroman bisher vielleicht der geschlossenste Band des „Min-Kamp“-Zyklus ist, gibt es in „Leben“ – so wie in den ersten beiden Bänden zuhauf – zumindest andeutungsweise Reflexionen, essayistische Passagen: zum Beispiel über das Verhältnis des Großen zum Kleinen gerade im Alltag. Oder über das von Wirklichkeit und Fiktion in der Literatur. Und wie die Wirklichkeit in die Literatur überführt werden kann, mit all dem, was bei diesem Transfer verloren geht und womöglich auch fiktiv aufgefüllt werden muss, wie man aus dem bloßen Entlangschreiben am Leben große Erinnerungskunst macht, das demonstriert Karl Ove Knausgård gerade so radikal und anschaulich wie kaum ein anderer Schriftsteller auf der Welt.

Karl Ove Knausgård: Leben. Roman. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. Luchterhand Literaturverlag, München 2014. 652 Seiten, 22, 99 €

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