Kultur : Der neue Liszt

Christine Lemke-Matwey

„Ein neuer Liszt ist geboren!“ – rief Alfred Cortot, als Arturo Benedetti Michelangeli im zarten Alter von 18 Jahren den Genfer Klavierwettbewerb gewann. Dies ist insofern bedeutsam, als Michelangelis kristalline Perfektion Cortots eigenem Spiel – auratisch, aber technisch unberechenbar – in keiner Weise entsprach.

Was sich am Samstag im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie zutrug, war ebenfalls alles andere als unberechenbar, aber ist der 22-jährige chinesischer Wunderpianist Lang Lang deswegen ein neuer Liszt? Ja, er ist’s, ist Virtuose alter Schule, Tastenteufelsbraten, Kamikaze-Künstler – und wenn er nicht Mecki trüge, sein rabenschwarzes Haupthaar würde so weit fliegen wie seine Hände, diese Pfingstwunderlinge. Wühlen in Rachmaninows b- Moll Sonate wie in den schlachtfrischen Eingeweiden eines Elefanten, treiben in Liszts „Don Giovanni“-Reminiszenzen wilden rhetorisch-erotischen Schabernack und wirken in Haydns „englischer“ C-Dur Sonate geradezu kläglich unterbeschäftigt. Alles eine Frage des manuellen Überschusses respektive des Ventils? Dieses verschaffte sich Lang Lang – der bei allem Feuer doch denkwürdig fragil wirkte – im Duo mit seinem Vater, der zu einer chinesischen Geige griff und mal eben demonstrierte, dass die Finger in der Familie liegen. Danach legte Lang Lang, der Weltenwechsler, den Schalter flugs wieder um: letzte Zugabe, Brahms, op. 118,2. Man soll im Leben nichts wollen, sagt dieses späte, weise Stück. Das wird unser „neuer Liszt“ bestimmt auch noch lernen.

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