Der neue Roman von Brigitte Kronauer : Schützt den Wildwuchs!

In „Gewäsch und Gewimmel“ erzählt Brigitte Kronauer auf über 600 Seiten vom Altern, der Angst vor dem Tod - und wie man sich davor in Deckung bringt.

von
Brigitte Kronauer
Brigitte KronauerFoto: Markus Scholz/dpa

Zwei Frauen machen die Welt dieses Romans bewohnbar, das Gewimmel und Gewusel, das Gerede und Geraune. Sie lockern Zungen, massieren Gliedmaßen und bringen Ordnung in das Gepurzel der Figuren: die schöne Krankengymnastin Elsa Gundlach und Luise Wäns, ihre Lieblingspatientin, längst nicht mehr jung, aber heimlich verliebt in einen gewissen Hans Scheffer, der sich die Renaturierung eines von der Eiszeit geformten Landstrichs westlich von Hamburg zur Aufgabe gemacht hat.

Wer den neuen Roman von Brigitte Kronauer, Büchner-Preisträgerin des Jahres 2005, zu lesen beginnt, der sollte erst einmal die eigenen Schultern lockern, den Kopf im Lehnsessel verstauen und den 600-Seiten-Wälzer so lagern, dass sein Gewicht nicht zu Verkrampfungen führt. Denn er braucht Geduld und Muße. Und eine Geisteshaltung wie beim Betrachten eines Breughel-Bildes: Freude am Detail, langsames Vortasten in einen Binnenraum, der sofort da ist, aber seine Geschichte nur preisgibt, wenn man allen Fingerzeigen gleichermaßen folgt, den Menschen, den Tieren, der Landschaft, dem Wetter.

„Gewäsch und Gewimmel“ ist das Sittengemälde einer Menschenschar, die wie zusammengewürfelt wirkt und doch fein verknüpft ist. Wird die Welt nicht genau so zusammengehalten: von Klatsch und Tratsch, von Überlegungen, die man über andere anstellt und im Stillen über sich selbst? Die rothaarige Elsa ist eine begnadete Empathikerin. Tagsüber massiert sie, schenkt ihren Patienten Wohltaten und spornt sie zu therapeutischem Turnen an, nachts formt sie aus den Lebensschnipseln, die ihr zugetragen werden, kleine Geschichten. Oft rauben sie ihr den Schlaf. Dann raunt sie ihre Menschenporträts dem schlafenden Freund zu, dem geduldigen Henri, der sein lauschendes Ohr ohne Klagen zur Verfügung stellt, obwohl er früh aus den Federn muss.

Wie lange Henri das noch mitmacht, werden wir nie erfahren. Aber wir merken, dass er damit eine kleine Meisterleistung vollbringt. Der Roman wimmelt von solchen Kunststücken unauffälliger zwischenmenschlicher Äquilibristik. In einer der zahlreichen Anekdoten erfahren wir etwa, wie oft sich Anita die kulturpessimistischen Tiraden ihres Mannes anhört, oder wie sich Frau Gadow von ihrem Gatten, einem pensionierten Biochemiker, über technische Raffinessen belehren lässt (und sei es nur das Funktionieren seines neuen Rasierapparats).

Auch die im Leipziger Zoo ehrenamtlich tätige Herta pflegt mit ihrer in Hamburg lebenden Freundin Ruth fürsorglichen Umgang. Sie schreiben sich regelmäßig Briefe. Als sie eines Tages bemerkt, dass die Freundin, nachdem sie ihren Beruf als Kulturbeauftragte aufgegeben hat, langsam in eine Depression rutscht, setzt sie sich postwendend in den Zug, um sie in bewährter Manier aufzuheitern: mit gemeinsamen Geschirrspülorgien, bei denen es sich wunderbar lästern und tratschen lässt, bevorzugt über Paare. „Aufstampfend vor Entschiedenheit“ skandieren die beiden allein lebenden Frauen: „Wir aber freuen uns unseres Lebens, und es geht uns passabel!“

Der Roman ist gebaut wie ein Triptychon. Im ersten und letzten Teil purzeln die Figuren wild durcheinander. Oft sind die einzelnen Passagen nicht einmal eine halbe Seite lang, manchmal sind es ganze Szenen oder Anekdoten. Auch Zeitungsschnipsel, Fernsehnachrichten, Rätselfragen werden dargeboten (und manchmal wird der Leser geprüft, ob er richtig aufgepasst hat). Die wichtigsten Figuren tauchen immer wieder auf: etwa der vom Avantgardisten zum „Plothuber“ gewordene Schriftsteller Egon Pratz, dessen Schaffenskraft im selben Maße schwindet, wie sein Zynismus zunimmt, der Pastor Clemens Dillburg, die vereinsamte Frau Fendel, der muntere Bergwanderer Herbert Wind, der sich mit Billiglohnjobs durchschlagende Alex, die kleine Ilse, eine unentschlossene junge Frau namens Eva Wilkens, die Studentin Katja, das liebende Ehepaar Sykowa, der Hundebesitzer Brück, die Fotografin Babs Roeland. Eine weitere Gruppe von Figuren, etwa die boshafte Galeristin Iris Steinert, der an Krebs erkrankte Ökometzger Wilhelm und seine schwangere Freundin Ilona, der Fotograf Jörg Finnland, der Frauenarzt Herzer und seine Frau Jeanette, werden erst im Mittelteil eingeführt, um im dritten Teil das Gewimmel der anderen Figuren zu bereichern.

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