Kultur : Der neue Stil heiß Tempo: Zwölf Premieren hat sich das "Traum-Team" vorgenommen

R.S.

Der Tanz zuerst: Sasha Waltz wird am 22. Januar 2000 die neue Schaubühne eröffnen. Sie nennt ihr Stück vorläufig noch mit einfachem Arbeitstitel "Körper". Sasha Waltz kam gestern auf der lange erwarteten Pressekonferenz auch als Erste zu Wort. "Wir sind ein Team", sagte die Choreographin und hob die experimentelle Gleichberechtigung von Schauspiel und Tanz hervor, was sich in Workshops und Projekten zeigen soll. Mit Thomas Ostermeier und den Dramaturgen Jens Hillje und Jochen Sandig hat Waltz Anfang September die Künstlerische Leitung am Lehniner Platz übernommen.

Ein heißer Tanz wird das in jedem Fall. Drei weitere Eröffnungspremieren folgen Schlag auf Schlag. Ostermeier inszeniert "Personenkreis 3.1" von Lars Norén (23. Januar), eine zeitgenössische Version des Gorkischen "Nachtasyls". Das Regieteam Tom Kühnel/Robert Schuster, das künftig eine Produktion pro Spielzeit an der Schaubühne erarbeitet, bringt am 31. Januar "Das Kontingent" des Autorenkollektivs Sören Voima heraus; ein Stück über die moralische Absurditätbei Blauhelm-Einsätzen. Am 1. Februar hat Alfred Jarrys "Ubu!" Premiere, der Klassiker des antibürgerlichen Fäkaltheaters. Regie führt Barbara Frey, die fest ans Haus engagiert wurde und später in der Spielzeit noch Ödön von Horvaths "Die Unbekannte aus der Seine" und die Uraufführung "Vor langer Zeit", ein Stück des Schaubühnen-Dramaturgen Roland Schimmelpfennig, inszenieren wird.

Das Pensum ist gewaltig. Der neue Stil heißt Tempo. Zwölf Neuproduktionen hat sich das Team um Thomas Ostermeier von Januar bis August 2000 vorgenommen. Ostermeier selbst stemmt nach "Personenkreis 3.1" noch drei Erst- und Uraufführungen: zunächst "Gier" (Crave), das letzte Stück von Sarah Kane in der Übersetzung von Marius von Mayenburg, der auch zum Club gehört, danach Mayenburgs "Gestank" und "Der Name" des norwegischen Dramatikers Jon Fosse (in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen). Peter Wittenberg inszeniert "Das Lied vom Sag-Sager" des Kanadiers Daniel Danis, der Autor Falk Richter setzt sein Stück "NATO" in Szene, und der Tanz hat im Mai 2000 mit "The Rest Of You" von Luc Dunberry seine zweite Premiere. Der Choreograph stammt aus der Truppe von Sasha Waltz.

Das neue Schaubühnen-Ensemble, im Durchschnitt unter Dreißig, umfaßt 32 Schauspieler und Tänzer. Die Schauspielschule "Ernst Busch" ist, wie schon in der Baracke, gut vertreten. Für Kontinutität hat man also gesorgt, es gibt vier Ostermeier-Übernahmen, "Unter der Gürtellinie", "Mann ist Mann", Disco Pigs" und natürlich das legendäre "Shoppen & Ficken". Sasha Waltz bringt "Na Zemlje", "Zweiland" und die "Allee der Kosmonauten" mit in die künstlerische Ehe. Zu den bewährten Bräuchen aus der Baracken-Zeit und Sandigs Sophiensälen gehört die Zusammenarbeit mit Autoren. Jens Hillje kündigte für das Frühjahr 2000 ein "Festival Neue Internationale Dramatik" und für den Sommer eine "Werkstatt Neue Deutsche Dramatik" an. Werner Fritsch und Alexej Schipenko arbeiten im Auftrag der Schaubühne an neuen Stücken.

Das Wort "Viererbande" und den Vergleich mit früheren Kollektiv-Leitungen am Schiller-Theater und Berliner Ensemble hören diese Vier hier nicht gern. Man kenne sich lange und verfolge eine Konzeption, die sich allmählich entwickelt habe, erklärte Direktor Jürgen Schitthelm, der die Schaubühne 1962 mitgegründet und sämtliche Höhen und Tiefen der vergangenen Jahrzehnte durchlebt hat.

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