Kultur : Der Nussknacker

Fünfzig Jahre für das deutsche Volkslied: Heino geht auf Abschiedstournee

Christian Schröder

Hol-dri-o, ju-vi-du-vi-di, ha ha ha! Zwei Stunden haben die Menschen in der Frankfurter Jahrhunderthalle nun schon gejubelt, geschunkelt und gesungen, aber jetzt erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Vorne, hinter den Mikrofonen am Bühnenrand, steht das Golden Gate Quartet, vier ältere Herren in eleganten Anzügen. Sie haben Gospels gesungen, „Down By The Riverside“, „When The Saints“, „Swing Low, Sweet Chariot“, doch nun bringen sie den Titel, auf den die Halle schon den ganzen Abend wartet: „Schwaarzbrown is dä Haselnuss.“ Der Akzent ist unüberhörbar, in der Interpretation der afroamerikanischen Gesangsvirtuosen klingt das deutsche Volkslied überraschend jazzig.

Kaum ist die zweite Strophe erreicht, tritt die Hauptperson des Abends aus den Kulissen, schreitet gravitätisch die Stufen des an eine Samstagabend-Fernsehshow der Siebzigerjahre erinnernden Bühnenbilds hinab und stellt sich neben die Sänger. Heino trägt eine schwarze Bügelfaltenhose und ein rotes Samtjackett, sein Bariton klingt so dunkel und kernig wie immer: „Schwarzbraun muss mein Mädel sein, gerade so wie ich.“ Der Auftritt endet im Jubel der Fans und in minutenlangem Händeschütteln, Schulterklopfen und Umarmen zwischen Heino und dem Golden Gate Quartet, seinen vier Freunden aus San Francisco. Hol-dri-o, ju-vi-du-vi-di, ha ha ha!

Heino hört auf. Die Tournee, die ihn noch einmal vier Wochen lang durch zwei Dutzend deutsche Städte und Städtchen, durch Ransbach-Baumbach, Hitzacker, Hoyerswerda und Tuttlingen führt, ist seine Abschiedstournee. Heino ist jetzt 66, ein Alter, in dem es anstrengend wird, tagsüber im Reisebus auf der Autobahn unterwegs zu sein und jede Nacht in einem anderen Hotel zu schlafen. Fünfzig Jahre steht er nun auf der Bühne, 50 Millionen Platten hat er verkauft: eine stolze Bilanz. Platten wird er auch weiterhin aufnehmen, sein Vertrag läuft lebenslänglich. Auch aus dem Fernsehen wird er nicht verschwinden, nur Konzerte will er nach dem 19. November, wenn in Chemnitz zum letzten Mal der Vorhang für „Heino – Die Show“ fällt, nicht mehr geben. Stattdessen möchte Heino sich mehr um seine Frau Hannelore kümmern, die vor einem Jahr einen Herzinfarkt überstand.

„Ich wollte mich nicht einfach so wegschleichen“, sagt er in Frankfurt zu Beginn des Konzerts. „Ich wollte mich bedanken für die jahrzehntelange Treue.“ So singt er, begleitet von einer neunköpfigen Mini-Bigband, zum letzten Mal seine Hits, „Schwarze Barbara“, „Ännchen von Tharau“, „La Montanara“, „In einem kühlen Grunde“ und das „Alpenrosenlied“. Abgesehen davon, dass die Klavierakkorde nun aus einem Syntheziser kommen, klingen die Lieder noch genauso wie vor dreißig, vierzig Jahren, als mit ihnen die Karriere des Sängers begann. Die Welt mochte sich rasend schnell verändern, aber Heino blieb immer Heino. Darauf war Verlass.

Der Stoizismus, mit dem der Barde dem Wechsel der Zeiten und Moden trotzte, war der Garant seines Erfolges. Standfestigkeit gehört zu seinen Stärken, auf der Bühne ist es zu seinem Markenzeichen geworden, sich möglichst wenig zu bewegen. Sein Rücken bleibt stets durchgedrückt, eine Hand hält das Mikrofon, die andere liegt an der Hosennaht. Nur manchmal, dann wird es pathetisch, hebt Heino beim Singen eine Hand an die Brust. „Wahre Freundschaft ist das Einzige, was zählt auf der Welt“, sagt er, bevor er den Schützenfest-Gassenhauer „Alte Kameraden“ anstimmt.

Das hört sich hölzern an, aber stimmt es etwa nicht? Treue, Dankbarkeit, wahre Freundschaft: Es sind Begriffe aus einer lange versunkenen Ära, die Heino beschwört. „Guten Abend, meine Damen und Herren“, singt er gleich im Begrüßungslied. „Willkommen aus nah und fern / Heute Abend wollen wir fröhlich sein / Schütt’ die Sorgen in ein Gläschen Wein / Verlässt uns manchmal auch der Mut / Mit Musik wird fast alles gut.“ Ein Aufruf zum gemütlichen Beisammensein, das volksmusikalische Gegenstück zum Sex-, Drugs- und Rock’n’Roll-Credo des Pop. Die Drogen beschränken sich bei einem Heino-Konzert auf das Bier und „das Gläschen Wein“, das die Zuhörer in der Pause trinken, den Sex-Faktor vertritt das MDR-Fernsehballett, das den Sänger in knappen Kostümen auf der Bühne umtanzt. Im Prinzip ist Heino der deutsche Johnny Cash, nur steckt in seinen Traditionals wenig Rhythm & Blues.

„Sagen Sie ruhig Heino, auf Herr Kramm höre ich selten.“ Zum Interview empfängt der Star vor dem Konzert in seiner Garderobe. Kunstfigur und Privatmensch sind längst untrennbar ineinander verschmolzen. Geboren wurde er 1938 als Heinz-Georg Kramm in Düsseldorf, Heino nennt er sich, seitdem 1966 seine erste Single „Jenseits des Tales“ erschien. Der Produzent Ralf Bendix hatte den gelernten Bäcker, der mit seinem „Comedian Terzett“ als Stimmungssänger durch die Provinz tingelte, bei einer Modenschau entdeckt und ihm geraten: „Du musst einsam aussehen.“

Bendix verbot seinem Schützling, auf Fotos zu lächeln, und steckte ihn in einen Rollkragenpullover. Die Sonnenbrille kam später dazu, als eine Krankheit das rechte Auge des Sängers aus seiner Höhle hervortreten ließ. Anfangs imitierte Heino den Fernweh-Spezialisten Freddy Quinn, bald fand er seine eigene Nische: das deutsche Volkslied. Heino hat eine Mission, er sieht sich als Retter solcher Weisen wie „Im grünen Wald, da wo die Drossel singt“ oder „Es blies ein Jäger wohl in sein Horn“, die ohne seinen Einsatz, davon ist er fest überzeugt, vergessen wären. Vor kurzem hat er einige Schulen besucht, „was die Kinder da noch von diesen schönen alten Liedern wissen, ist traurig“. Der Verein „Stimme der Heimat“, den Heino gerade gründete, wirbt deshalb dafür, dass „volkstümliche Musik wieder einen festen Platz in unserem Bildungssystem haben muss“.

Als die Beatles und die Rolling Stones Deutschland eroberten, setzte Heino einheimische Folklore dagegen. Das machte ihn verdächtig, die Linken und die Intellektuellen haben ihn von Anfang an verachtet. Er galt als Reaktionär und Antimodernist, der „Spiegel“ höhnte über sein „blank geputztes, völkisches Image“. Ein Missverständnis, wie Heino beteuert. „Ich wollte nicht so sein wie alle anderen, deshalb wurde ich angegriffen.“ Der Sänger stammt aus kleinen Verhältnissen und wuchs im Düsseldorfer Arbeiterviertel Oberbilk auf. „In meiner Jugend war dort jeder Kommunist.“ Heinos Vater fiel im Krieg, seine Mutter brachte die Familie als Putzfrau durch. Willy Brandt war mit dem Sänger befreundet, brach aber mit ihm, als er 1977 eine Platte mit allen drei Strophen des Deutschlandlieds aufgenommen hatte. „Aber das war eine Auftragsproduktion des Landes Baden-Württemberg“, verteidigt sich Heino. „Und natürlich gehören alle drei Strophen zu der Hymne.“ Seiner Autobiografie gab der Sänger den trotzigen Titel „Und sie lieben mich doch“.

Sie lieben ihn tatsächlich: die Fans, die ihn ein letztes Mal in den Stadt- und Mehrzweckhallen von Trier, Pforzheim oder Wetzlar bejubeln. Selbst Mick Jagger liebt ihn. „Hi Heino, alter Junge“, schreibt der Kollege in einem Glückwunsch zur Abschiedstour. „Mach gut weiter, ich hoffe, dich bald wiederzusehen.“

Heino singt am Donnerstag im Berliner ICC, 20 Uhr.

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