Kultur : Der Ohrenzeuge aus Wien

SYBILL MAHLKE

"Viel ist hingesunken uns zur Trauer / und das Schöne zeigt die kleinste Dauer": es geht um die "Strudlhofstiege" zu Wien, die durch Heimito von Doderers Roman berühmt geworden ist.Und zugleich um mehr: wie der Schauspieler Peter Mati¿c seine Literaturlesungen versteht, geben sie die Fülle österreichischen Bewußtseins in der knappsten Form wieder.Peter Altenberg zum Beispiel, den seine Zeitgenossen als dekadenten jüdischen Literaten abtun, während schon Hugo von Hofmannsthal ihn als "wirklich wienerisch" rühmt, kommt mit seiner Renaissance den Mati¿c-Soireen entgegen, weil Dichter und Rezitator sich in dem "Telegrammstil der Seele" trefflich begegnen.Und neben Landschaft ist Musik in der Poesie, "Sommerbekanntschaft".

Mit Musikern umgibt sich Peter Mati¿c gern: wo die Opernbühne einen Sprachkünstler verlangt, prägt er die Rolle, ob als Haushofmeister in der Salzburger "Ariadne", noch unter Karl Böhm, oder als Untersekretär Bürgel in der Berliner Uraufführung von Aribert Reimanns "Schloß".Und in Salzburg hat Mati¿c sich auch schon mit Berliner Philharmonikern zusammengetan, um jene spezielle Art antiphonischer Wien-Skizzierung zu entwickeln, die sich dem Festwochen-Motto paßgerecht einfügt.Damals wie hier sind Texte von Peter Altenberg dabei.

Im Renaissance-Theater tritt Mati¿c in der ersten Soiree mit dem Pianisten Holger Groschopp und dem Cellisten Bruno Weinmeister auf, so daß "Ton & Wort" einander in erquicklicher Raritätenfolge abwechseln können.Da sowohl Alexander Zemlinsky als auch Josef Matthias Hauer ihre Anregungen zu Klavierstücken aus Gedichten - von Richard Dehmel beziehungsweise Friedrich Hölderlin - geschöpft haben, empfehlen sie sich für den musikalischen Einstieg: Holger Groschopp spielt mit einer Klarheit, die der Stimme des Schauspielers entspricht.Hauer, der unglückliche Erfinder einer Zwölftontechnik vor Schönberg, breitet Skalen aus und setzt die Septime so, daß der Hörer sich die Folge tonal ergänzt.Wie der Pianist bei Zemlinsky der Harmonik nachlauscht und ein fesselndes Klavierstück (1958) von dem Komponisten Friedrich Cerha, dem sich die "Herstellung" des dritten Aktes von Alban Bergs Oper "Lulu" verdankt, durchhörbar macht, verdient Respekt.Mit Elan schlägt sich der Cellist durch ein Solo Opus 108 von Gottfried von Einem, das dankbare Melodiesätze mit Redseligkeit verbindet.Daß auch Weinmeister Stücke von Hauer zufallen, ist der Information um so dienlicher.

Wenn um des Reimes willen Mundart verlangt wird, wie im Fall Georg Kreislers, fällt auf, daß das Wienerische des Tonfalls bei Peter Mati¿c eher die Ausnahme bildet.Seine Worttreue und Sprachkultur klingen gleichsam entmaterialisiert, wie ein instrumentales Sprechen.Instrumental aber heißt, sich dem Rhythmus, den Strukturen der Texte anzuvertrauen, als wären sie Musik.So bei Ludwig Wittgensteins Philosophien über "Unbestechlichkeit ist alles".Oder bei Elias Canettis hintergründigen Charakterstudien "Der Ohrenzeuge" und "Der Größenforscher", wo Mati¿c mit Tempomodifikationen und Pointierung die surreale Rede in seine Kunstwahrheit holt.

Eine weitere Wien-Soiree mit Peter Mati¿c und den Musikern Kornelia Brandkamp, Sylvia Schmückle und Stefan Schweigert am 13.9., 16 Uhr, im Renaissance-Theater

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