Kultur : Der One-Dollar-Man

Er malte Washington: Gilbert Stuart im New Yorker Metropolitan Museum

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Milliardenfach ging und geht sein Bildnis durch alle Hände: George Washington, erster Präsident der Vereinigten Staaten. Sein Konterfei ziert die EinDollar-Note. Der Gründervater der Union wurde schon zu Lebzeiten zum Mythos entrückt. Gemeinsam mit dem Auge Gottes wacht Washington nunmehr über den alltäglichen Zahlungsverkehr.

Darüber geriet der Maler des Washington-Porträts naturgemäß in den Hintergrund. Für gebildete Amerikaner ist er gleichwohl ein household name: Gilbert Stuart (1755-1828). Im alten Europa kennt man ihn kaum.

Nach über vierzig Jahren hat sich jetzt das New Yorker Metropolitan Museum erstmals wieder daran gemacht, den Mythos des Präsidenten und das Werk des Malers voneinander zu lösen und Gilbert Stuart eine 100 Werke umfassende Retrospektive einzurichten. Sie ist überaus gelungen. Ein Porträtist ersteht wieder, der zu Unrecht stets allein mit seinen Washington-likenesses erinnert wird, und der doch im Rang jedenfalls der Bildnismalerei seinem englischen Kollegen und eine Generation älteren Zeitgenossen Sir Joshua Reynolds nicht nachsteht.

Damit ist der Bezugsrahmen für die Malerei Stuarts genannt. Er selbst ist schottischer Abkunft, Sohn eines Einwanderers und geboren in der quirligen Hafenstadt Newport. Sein künstlerisches Talent verband er früh mit Geschäftstüchtigkeit, und bereits als 20-Jähriger hatte er eine Klientel unter den Geschäftsleuten seiner Heimatstadt.

1777 ging er nach London, wo ein Landsmann – Benjamin West – zum Historienmaler König Georgs III. aufgestiegen war, also die nobelste Gattung der Malerei vertrat. Mit ihm kam Stuart in engen Kontakt, wie auch mit Reynolds, dem Präsidenten der Akademie. Auf deren Jahresausstellung zeigte Stuart 1782 sein Ganzfigurenbildnis „Der Eisläufer“, das enormes Aufsehen erregte.

Im Metropolitan Museum hängt der „Eisläufer“ an prominenter Stelle. Das Bildnis eines mit dem Maler befreundeten Anwalts verursachte ungeheures Aufsehen. Zum einen war ein derart anspruchsvolles Werk einer Person von Stand vorbehalten, nicht jedoch einem bürgerlichen Juristen gestattet; zum anderen handelt es sich beim Eislauf um ein Alltagsvergnügen, das in scharfem Gegensatz zu noblen – und allegorisch darzustellenden – Beschäftigungen wie jenen des Redners oder Feldherrn steht – Beschäftigungen, die Stuart später umso wirkungsvoller mit Washington zu verbildlichen wusste.

Ihn traf er 1793 nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten. Zahlreiche Aufträge für Washington-Porträts brachte er bereits aus Europa mit. Drei Sitzungen gestattete der Präsident. Daraus resultierten zunächst eine Reihe von Bildnissen mit Blick nach rechts, dann das so genannte „Athenäum-Portrait“ von 1796, bei dem Washington (1732- 1797) nach links blickt. Stuart vollendete die Erstfassung nie; sie ist jetzt zusammen mit dem gleichfalls unvollendeten Bildnis von Washingtons Frau Martha, der Auftraggeberin des Bilderpaares, in New York zu sehen. Stuart, der einen eigenwilligen und gelegentlich aufbrausenden Charakter besaß, nutzte die Erstfassungen als Urbild unzähliger weiterer Auftragsporträts – nunmehr stets nach links blickend. In der grafischen Reproduktion schaut er von der Dollarnote wiederum nach rechts.

Im Metropolitan Museum hat Ausstellungskuratorin Carrie Rebora Barratt 14 Versionen in einem Raum versammelt. Das hohe malerische Können Stuarts bewirkt, dass die Reihung mitnichten langweilig und repetitiv wirkt. Seine flüssige, bisweilen lakonische und nervöse Handschrift lässt jedes Gemälde erscheinen, als habe der Maler sein Sujet nur dieses eine Mal bearbeitet.

Das gilt weniger für die Ganzfigurenporträts im folgenden Saal. Drei Mal ist Washington hier in der Pose des Vaters der Nation zu sehen, dessen geöffnete rechte Hand seine Staatsschöpfung andeutet. Das vierte Mal – erst 1800 entstanden – hat ihn Stuart jedoch als Redner dargestellt, gestützt auf ein Manuskript. In der als Herrscherattribut geläufigen antiken Säule hinter ihm wie auch dem wehenden Vorhang knüpft Stuart an das herkömmliche Fürstenbildnis an.

Zahlreiche weitere Staatsmänner der jungen Republik hat Gilbert Stuart gemalt, ohne – wie bei Washington – auf eine nunmehr problematisch gewordene, tradierte Ikonografie zurückgreifen zu müssen. Erst in der Abfolge dieser Bildnisse wird die überragende Fähigkeit des Malers zur Gänze deutlich, den Charakter seines Gegenüber zu erfassen. Die vorzügliche Ausstellung schließt mit dem 1824 vollendeten Altersbildnis des 89-jährigen Ex-Präsidenten John Adams. Es ist ein anrührendes Porträt, voller Wahrheit und Würde. Was für ein Maler!

New York, Metropolitan Museum of Art, bis 16. Januar. Katalog 45 $.

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