Kultur : Der Orkan und sein Auge

Das SWR-Orchester ehrt Gielen im Konzerthaus

Volker Hagedorn

Gegen diesen Korsaren ist Captain Sparrow ein Biedermann. Noch dem schrägsten Piraten ist „Le Corsaire“ von Hector Berlioz um Seemeilen voraus, wenn es um Autarkie und Abenteuerlust geht. Selten hat man die Modernität seines Stücks von 1855 so tiefenscharf und feurig gehört wie jetzt mit dem SWR-Orchester unter Sylvain Cambreling. Schon die aberwitzigen Geigenlinien des Anfangs bewegen sich um jene Spur neben dem Erwartbaren, die hellwach macht.

Berlioz ist eben nicht normal, dieser Autodidakt im besten Sinne, er kommt von außen, wie vom Mond, und doch arbeitet er realistisch, sein Wahnsinn ist vital, kein Wagner’sches Narkotikum. Mitunter erhebt sich Hectors Orchesterschiff über die Wogen, man spürt einen Kitzel im Bauch. Das war gleich nach Strawinskys durchtrieben knappem „Greeting Prelude“ der passende Start in ein Geburtstagskonzert für den anwesenden Michael Gielen im Berliner Konzerthaus. Der Dirigent wird Ende Juli 80, er hat selbst lange das Orchester des SWR geleitet, ist regelmäßiger Gast am Gendarmenmarkt – und vor allem einer, der in jeder Musik das Moderne sucht, die Ränder, das nicht Selbstverständliche, die Strukturen, in denen das Überlieferte sich verändert.

Mit dem sprühenden Berlioz wurden indessen Maßstäbe gesetzt, die allein schon des Konzertumfangs wegen nicht immer gehalten werden konnten – der ließ mit neun Werken in drei Stunden an das Festival von Donaueschingen denken. Tatsächlich wirkte der „Korsar“, ältestes Stück, radikaler, unverbrauchter, stringenter als die Uraufführung des Abends. Vinko Globokar hat „Mutation“ für diesen Anlass geschrieben. Er lässt Zitate aus Gielens Autobiografie vom Orchester sprechen, singen und rufen, zugleich entfalten die Instrumente die Bürgerschreckklänge jener 1960er Jahre, in denen Gielen und Globokar sich kennenlernten, Sirenengeheul, Getöse, Entgrenzung – das wirkte sympathisch, aber seltsam patiniert. Die Avantgarde von einst hat regressive Züge, wie man sie an diesem Abend selbst bei Bernd Alois Zimmermann fand. Der konzipierte 1965 seine „Roi Ubu“-Musik als hemdsärmelige Collage im Schatten seiner großen Werke. Wie hier Zitate von Renaissance über Bach bis Wagner zusammengebastelt werden, das hat was von buntem Abend, von angestrengtem deutschen Humor.

Destruktiven Steigerungen trieb Cambreling einen Klassiker der frühen Moderne entgegen, Ravels „La Valse“. Doch unterschlug er dabei die Nuancen, das Blattgold, in dem sich überhaupt erste Risse des Untergangs abzeichnen könnten. Und dem Ensemble, so lebendig es spielt, fehlte es manchmal an Präzision. Die Intonation der Holzbläser in Schrekers „Nachtstück“ von 1912 hätte ein Gielen nicht durchgehen lassen, und Messiaens „Réveil des oiseaux“ lässt sich im Orchester noch funkelnder und federnder denken. Nicht aber am Flügel: Roger Muraro spielte die Vogelrufe mit einer meditativen Sensibilität, der man ewig hätte lauschen mögen. Das war gleichsam das Auge des Orkans, in dem Berlioz segelt, eine stille Mitte von unendlicher Schönheit. Volker Hagedorn

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