Kultur : Der Orlando des Theaters

Kritiker, Intendant, Zeuge vieler Zeiten: Günther Rühle zum 80. Geburtstag / Von Moritz Rinke

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Unsere erste wirkliche Begegnung fand 1992 statt. Er war nicht etwa leise, flink, ausweichend oder dozierend und dabei Erkenntnis vermittelnd, wie man es von ihm kennt, nein, er brüllte. Ich war zum ersten Mal im Auftrag Günther Rühles für den Tagesspiegel unterwegs gewesen und hatte über eine kleinere Aufführung berichtet, die in Rühles Abwesenheit im Blatt erschien. Meine Kritik umfasste zehn ManuskriptSeiten, und ich sagte dem diensthabenden Redakteur auf dessen Frage, ob das denn nicht ein bisschen zu lang geraten wäre: „Nein, Rühle hat gesagt, ich soll so lang.“ Das war natürlich gelogen, und wunderbarerweise erschien tatsächlich eine volle Seite mit meiner Kritik. Rühle, aus der Sommerfrische, die er stets im Schatten absaß, zurückkehrt, traute bei der Durchsicht der Zeitungen seinen Augen nicht.

Rühle agierte am Telefon, wie ich es bisher nur von Kurt Hübner kannte: „Frechheit, Sauerei! Schande! Eine Seite, so viel hätte ja nicht mal Theodor Fontane im Tagesspiegel gekriegt! Heißen Sie Theodor Fontane?! Und haben Sie sich mal die zweite Kulturseite angeguckt? Da steht jetzt völlig eingedampft die Piscator-Ausstellung, und warum?! Weil ein Student auf der Seite 1 seine Thesen zum Theater darlegt in 960 Zeilen, ich glaube, ich träume, oder telefoniere ich etwa mit Joachim Kaiser? Sind Sie Joachim Kaiser?!“

Ich saß wie gelähmt in meiner Gießener Studierstube, das Einzige, was mich jetzt noch mit Rühle verband, war Gießen, seine Geburtsstadt 1924. Auch Günther Rühle saß einmal wie ich in Gießen, studierte die Geschichte des Theaters und beobachtete die Praxis, nur dass er bündelte und Erkenntnis vermittelte, und ich plapperte und Erwin Piscator auf die Seite 2 verbannte. Nach 30 Minuten klingelte das Telefon noch einmal: „Rühle hier! Wissen Sie, was ich die letzten vollen 30 Minuten gemacht habe: Ich habe Ihre Ausführungen noch einmal gelesen und bin der Meinung, dass Sie jetzt mal nach Mailand fahren und den gesamten ,Faust’ rezensieren, Regie: Giorgio Strehler, aber etwas knapper, wenn ich bitten darf. Ja? Hmh? Wiederhören!“

Ich las noch am Nachmittag folgende Standardwerke: „Theater in unserer Zeit“ von Günther Rühle und „Anarchie in der Regie“, auch von Rühle. „Alle Begriffe, die wir finden, wirken, sofern sie ordnen und klären, auch produktiv. Sie konturieren.“ Ja, was für ein gebündelter, wassersparender, erkenntnisverbreitender und dennoch rhythmisch und sprachlich lebender Satz! Das ist rühlisch. Ich fuhr nach Mailand und wandte genau die ordnenden Kriterien an, die Rühle 1969 auf Steins Tasso-Inszenierung angewendet hatte: ästhetische Voraussetzungen, zeitgeschichtliche, dramaturgische, darstellerische, fertig. Dazu einen Absatz ein bisschen einen auf Alfred Kerr („Mit Schleuder und Harfe“, hg. von Günther Rühle, hatte ich auch noch gelesen) – insgesamt eine sehr gebündelte Angelegenheit, die immer nur unterbrochen wurde von merkwürdigen Anrufen des Nachtportiers, da Rühles Sekretärin Frau Dörrast mich versehentlich in einem Mailänder Bordell mit Frühstück untergebracht hatte. Kurz und gut: Der Faust-Darsteller hatte sich den ganzen Abend wie in der Shampoo-Werbung durch die Frisur gestrichen, ich schrieb einfach „Vom Himmel durch das Haar zur Hölle“, Rühle war begeistert, und er schlug mich in der Potsdamer Straße zum Ritter, das hieß Tagesspiegel-Volontär.

Rühle durfte ich in den nächsten Jahren beobachten. Er arbeitete in einem kaum eingerichteten, nur mit Bücherstapeln und Manuskriptbergen ausgefüllten Zimmer, in dem er zwischen Buchstaben und Wortwänden saß wie in einem Tal. Wenn man die Jahre seiner, nach der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, zweiten Feuilletonleitung beschreiben würde, dann vielleicht als Versuch, vom Tal aus Ordnung in die Dinge zu bringen. Ich erinnere mich an Konferenzen in seinem Zimmer, wo dieser kleine Mann mit den roten Wangen und den wachen Augen in seiner Schlucht aus bedrucktem Papier saß und uns immer fragte, was das Wesen der Dinge sei, wohin wir den Leser führen wollen.

„Die Zeit darf nicht ausschließlich uns gestalten, sondern wir müssen Zeit mitgestalten“, sagte er immer montags, wenn es mal wieder darum ging, ob man auf den gerade fahrenden Zug aufspringt wie alle anderen oder ob man gegenüber Moden standhaft bleibt. Eigene Setzung, das geistige Ordnen der politischen Ereignisse plus klassische Sparten-Kritik. „Die Pointe immer nur kurz andeuten oder ganz weglassen und dann zum Wesen hin“, den Rühle-Satz habe ich noch im Ohr. Ich weiß sogar, dass ihn einmal Rolf Hochhuth anrief und in einem Akt der Selbstentfesselung ins Telefon schrie, er sei nicht Friedrich Schiller, und nun mal Schluss mit moralischer Anstalt.

Vielleicht ist diese Sehnsucht nach jener Anstalt auch das Deutsche in Rühle, weil irgendetwas sehr Deutsches hat er nun mal, das verbindet ihn mit Kurt Hübner. Vielleicht ist es dieser Drang zur Wesensschau, zum Sich-Abmühen am Vorgefundenen und dem Hin-und Her-Wenden desselben und, wenn´s gut läuft, zur Kristallisation von Wahrheit. Schließlich war Rühle auch einmal ein mutiger Intendant (Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“! Schleef!), in den Achtzigerjahren am Schauspiel Frankfurt.

Als ich noch einmal in seinen Werken las, fand ich den Satz: „Als Jeßner 1924 Wallenstein inszenierte, wurde es ein Spiel unter tragischen Schatten. Das Lager in grünlicher Düsternis. Später: große Säle in einfacher Architektur. Im Spiel ist alles konzentriert auf den wunderbaren Werner Krauß, der um so reiner hervortritt, je mehr er sinkt.“ Meines Erachtens war Rühle zu diesem Zeitpunkt nicht mal zwei Jahre alt. Überhaupt berichtet er über Jeßner, Max Reinhardt oder Otto Brahm genauso wie über Grüber oder Peter Stein oder eine aktuelle Aufführung. Als ich ihn neulich beim Berliner Theatertreffen traf und wir uns über eine Jürgen-Gosch-Inszenierung unterhielten – sein Urteil überraschend positiv und Gorki für die Gegenwart auslotend, – da dachte ich, Mensch, dieser Rühle, das ist doch der Orlando der Theaterkritk, also dieser Orlando von Virginia Woolf, der drei Jahrhunderte lebt, aber nur 20 Jahre altert und am Hof bei Elisabeth I. zugegen ist genauso wie zu Zeiten der Regierung Major, außer dass sich Rühle nicht in ein weibliches Wesen verwandeln wird.

Heute feiert dieser Pendler zwischen Früher und Heute seinen Achtzigsten. Ich erinnere mich gern an seinen Siebzigsten daheim in Bad-Soden-Altenhein. Ich erinnere mich, wie Bernhard Minetti und Einar Schleef auf seiner Hollywoodschaukel im Garten saßen: Minetti immer irgendwas vor sich hin redend und andere korrigierend; Schleef unentwegt in einer Plastiktüte wühlend, ja, er hatte schon sehr deutsche Sinnsucher als Freunde auf der Schaukel. Genies im Insistieren und in der Fähigkeit, hartnäckig, tief und sehr gut zu sein. Wie er.

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