Kultur : Der Ort, an dem man keine Zeit verliert

Wie funktioniert ein Aufstand gegen die Massenvernichtung? Claude Lanzmanns Dokumentarfim über das Lager Sobibor

Thomas Lackmann

Manchmal lächelt Yehuda Lerner beim Erzählen. „Nein, ich hatte noch niemanden getötet, ich hatte keiner Fliege etwas zu Leide getan,“ sagt er. „Wir erkannten, dass niemand aus Sobibor lebend herauskommen würde. Wir beschlossen, dass man an diesem Ort keine Zeit verlieren durfte.“ Manchmal wird Yehuda Lerner blass, während er lächelt. „Ich empfand es wirklich als Ehre, dass sie mich wählten, einen Deutschen zu töten,“ sagt er. „Wir hatten keine Wahl, wir würden umkommen, aber wir wollten wie Menschen sterben.“ Manchmal überlegt Yehuda Lerner, als müsse er etwas nüchtern formulieren, was er oft oder noch nie formuliert hat. „Die Deutschen fühlten sich so sicher, nachdem sie hundertausende Juden getötet hatten,“ sagt er. „Ich kann behaupten, dass ich ihm den Schädel spaltete, als hätte ich im Leben nichts anderes getan. So einen Deutschen, der hundertausende... Natürlich spürt man dann Freude im Herzen.“

Claude Lanzmann, der strenge Dokumentarist („Shoah“ 1985), hat einen strengen Film über einen Aufstand gedreht. „Sobibor, 14.Octobre 1943, 16 heures“ beschreibt nicht etwa, wie eine Todesfabrik arbeitet. Der Regisseur hat keineswegs die über 60 noch lebenden Sobibor-Häftlinge, Zeugen der einzigen gelungenen Revolte in einem deutschen Vernichtungslager, befragt und dann ihre Aussagen zu einem Mosaik der obszönen Logistik zusammengesetzt. Ihn interessiert hier, auf diese Konsequenz muss man sich einlassen, ausschließlich der Akt der Rebellion. Anfangs erscheint der Film als Resteverwertung seines 1979, für das Neunstundenwerk „Shoah“, mit einem Aktivisten des Sobibor-Aufstandes geführten Interviews. Dann zieht die formale Radikalität des Films mit dem Pathos der Fakten den Zuschauer in den Bann der Geschichte.

Lange Einstellungen. Das Gesicht des Zeitzeugen Lerner. Nahaufnahme. Halbtotale. Dann die Totalen: polnische und weißrussische Landschaft, aufgenommen bei einer zweiten Ortsbesichtigung 2001. Übersetzt wird aus dem Hebräischen ins Französische. Deutsche Untertitel. Übersetzungspausen dehnen die Passage der Zeitreise. Lanzmann redet den Gesprächspartner in der dritten Person an. Keine Vertraulichkeit. Kühle Genauigkeit. „Wie sah das Beil aus?“ fragt er. Begonnen hat der Film mit einem Foto, seinem einzigen historischen Bild: ein Hitlergruß der SS-Männer am Sarg ihres beim Aufstand ermordeten Kameraden. Der Film endet in reiner Abstraktion: Zehn Minuten lang flimmern Listen der aus ganz Europa nach Sobibor rollenden Menschentransporte über die Leinwand. Datum, Herkunftsort, Personenzahl. 21 April 43 / Berlin / 938. Zwischen diesen Zuspitzungen historischer Darstellungsmöglichkeit – dem Foto am Sarg des SS-Mannes und der buchhalterischen Verwaltung 250000 ermordeter Passagiere – erzählt Yehuda Lerner, was in den Wochen vor dem Aufstand und am 14. Oktober 1943 geschah.

Lanzmanns Film handelt davon, wie die Rebellion gegen ein totalitäres System funktionieren könnte; wie ein Mensch, der keiner Fliege was antun mag, befähigt wird, anderen den Kopf zu spalten. Für den Regisseur dient sein Film als Beleg gegen das Klischee, Juden seien wie Schafe zur Schlachtbank gegangen. In den Vernichtungslagern wurden Gänseherden gezüchtet, die während der Vergasung aufzuscheuchen waren: Das Gänsegeschrei übertönte die Schreie der Menschen. Lanzmann filmt kreischende Gänseherden des Jahres 2001. Lässt sie im Kreis marschieren. Dreht ihnen den Ton weg. Der grausamste Moment des Films.

Zwei Revolten waren in Sobibor gescheitert. Die erfolgreiche Erhebung beginnt mit der Ankunft sowjetischer Kriegsgefangener, die sich noch nicht als Teil des Systems und seiner Überlebensregeln begreifen. „Lauft weg, sie bringen euch nach Sobibor, um euch zu verbrennen,“ hatte man ihnen unterwegs zugerufen. Das KZ ist klein, ein Tor ins Nichts; die wenigen, die hier zum Arbeiten selektiert werden, klammern sich an ihre Funktion. Die Neuen haben noch Kräfte und den distanzierten Blick, über die Funktionen des Überlebens hinaus zu planen. Beim Barackenbau organisieren sie Äxte. Alle 16 Deutschen, die am 14. Oktober im Lager sind, werden auf die Minute in Werkstätten bestellt, zu Besprechungen oder Anproben. Kurz vor 16 Uhr wird der Strom abgedreht. Der Plan setzt auf deutsche Pünktlichkeit. Die Deutschen sind superpünktlich. Yehuda Lerner wartet mit einer Axt unterm Mantel in der Schneiderei. Eigentlich sollte der andere Häftling den ersten Streich führen. Der SS-Mann kommt, um den Ledermantel mit Pelzkragen anzuprobieren. Plötzlich dreht er sich um. Yehuda Lerner haut zu.

Seine Erzählung endet, als über dem Massenausbruch der Todgeweihten sanfter Regen fällt. Unter Minenexplosionen und Schüssen ukrainischer Wächter gelingt der Hälfte der Häftlinge die Flucht; das Lager wird aufgelöst. Yehuda Lerner läuft in den Wald, fällt nieder, schläft ein – ein Traumbild der Freiheit, das durch die Zahlenkolonnen der Transportlisten aufgehoben wird. Der Sobibor-Aufstand symbolisiere die „Wiederaneignung von Kraft und Gewalt durch die Juden“, sagt Lanzmann, der den weiteren Prozess dieser Wiederaneignung bereits in seinem kritischen Film über Israels Armee („Tsahal“, 1995) verfolgt hat. „Museen und Gedenkstätten dienen dem Vergessen ebenso wie der Erinnerung,“ sagt der Regisseur. „Hören wir die lebendige Stimme von Yehuda Lerner.“ 1943, 1979 und 2001 spielt Lanzmanns Film; so führt er uns vor, wie Ge–schichten der Überlieferung funktionieren. Er zeigt, dass zwischen dem Pazifismus wohlbehüteter Generationen und der archaischen Bereitschaft, meinem potentiellen Mörder präventiv das Haupt zu spalten, ein „Ich-oder-Du“-Schock steht, existenzielle Erfahrung: die Schule der Todesangst.

Ab 3. April im fsk am Oranienplatz

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