Kultur : Der Ort der Musik

ALBRECHT DÜMLING

Der neusachliche Rahmen durfte wohl symbolisch gedeutet werden.Anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Wolfgang Rihm lud der Fachbereich Altertumswissenschaften der Freien Universität in den Hörsaal des Instituts für Informatik.Das unvermittelte Aufeinandertreffen von Neuem und Altem deutete bevorstehende Veränderungen an, das Eingehen des Fachbereichs zu Jahresbeginn in die neue Fakultät für Geschichts- und Kulturwissenschaften.Dekan Hans Jörg Nissen nannte die akademische Feier einen Abgesang, ein "Denkmal für die Altertumswissenschaften".Obwohl Albrecht Riethmüller in seiner Laudatio auch Wanderungen und Fernsehabende mit dem Komponisten in Erinnerung rief, beschränkte er sich nicht auf wehmütige Rückblicke.Rihm, wie die FU ein "Kind der Bundesrepublik", gehöre keiner Richtung oder gar Bewegung an.Als Künstler sei er immer nur er selbst, "an vielen Besetzungsfronten tätig" und einer der meistaufgeführten Komponisten der Gegenwart.Schon in der Laudatio war Rihm wegen seiner facettenreichen Schriften und Gespräche als ein Gebildeter, als "vir doctus", gepriesen worden.Im lateinischen Text der Promotionsurkunde figurierte er gar superlativisch als "vir doctissimus".Nach der feierlichen Verlesung des Urkundentextes schritt der junge Ehrendoktor ans Pult.Unter der Überschrift "Komponieren als versuchtes Nichtwissen" brachte er glaubhaft zum Ausdruck, daß er sich weder als Denkmal der Tonkunst noch der Altertumswissenschaften eigne.Die Entschuldigungen seiner Vorredner, Musik werde in diesem Hörsaal an den Rand gedrängt, beantwortete er damit, sie sei ohnehin nicht lokalisierbar."Musik hat keinen Ort".Rihm äußerte große Scheu vor dem "Gespenst des Akademischen".Schon das Wort "früher" klinge für ihn akademisch.Selbst wenn das Unakademische schließlich akademisch kodifiziert wird, entstehe Wissen doch durch bewußtes Vergessen.Er selbst habe immer versucht, seinen Studenten etwas abzugewöhnen."Begabung ist die Fähigkeit zur Unsicherheit." Zu diesem Bekenntnis paßte sein 7.Streichquartett "Veränderungen", das das Vogler-Quartett mit packender Charakterisierungskunst aus tastendem Beginn über knirschende Einklänge in die zwanghaften Cellorepetitionen des Schlusses führte.

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