Kultur : Der Osten ist Schrot

Blödeln mit Bedacht: „Max und Moritz reloaded“ wildert in den Gefilden des Krachmacherfilms

Jan Schulz-Ojala

Als der Regisseur kurz vor Mitternacht auf die Bühne tritt, sieht er nicht gerade wie ein Triumphator aus. Den mäßig freundlichen Applaus nimmt der Erstlingsfilmer Thomas Frydetzki mit den Worten entgegen, er freue sich, dass sein Werk „nun doch einigen Leuten“ gefallen habe. Darauf zischt, das Mikro transportiert den Hinweis unbestechlich, sein Produzent Laurenz Straub: „Sei nicht so bescheiden!“ Doch, doch, antwortet Frydetzki, so bescheiden sei er eben.

Töne, die so gar nicht zu denen passen wollen, womit der aus den Ruinen des Börsen-Crashs sehr gemächlich sich aufrappelnde Kinowelt-Verleih sein neuestes Opus bewirbt: „Max und Moritz reloaded“ sei ein „anarchistisches“ Stück Kino, „eine politisch ganz und gar unkorrekte Satire“. Nunja, Satire. Immerhin, besonders korrekt ist nicht geraten, was – mit Russ-Meyer-Fan Laurens Straub und Kinowelt-Mitbegründer Rainer Kölmel – zwei gereifte böse Buben des deutschen Films mit dem garstigsten Bubenstücks des deutschen Alltagssagenschatzes angerichtet haben. So frech sei man offenbar gewesen, bekannte Straub sichtlich stolz auf das Errungene, dass die öffentlichen Filmgeldgeber mit Ausnahme der Mitteldeutschen Medienförderung nach ersten Zusagen einen fetten Schrecken bekommen hätten.

Dass die Leipziger Geldgeber bei der Stange blieben, dürfte vor allem einer Tatsache geschuldet sein: So besonnt, ja, so von orgiastischen Farbfilter-Räuschen geradezu durchflutet sah der deutsche Osten im Kino selten aus. Das fiktive Thüringen jedenfalls, in dem der Film überwiegend siedelt, könnte locker als Nevada durchgehen, Geier und abgenagte Großtierknochen inklusive. Nur Las Vegas fehlt: Dessen Funktion als Sündenbabel muss ein dörfliches „Deutsches Mädelhaus“, in dem Ben Becker als Lude regiert, ganz alleine übernehmen.

Max und Moritz dieser Tage stellen sich die Macher so vor: Zwei spätpräpubertäre Hamburger Jungs (Willi Gerk und Kai Michael Müller) entwenden mit Vorliebe Limousinen, saufen darin lustvoll mit höheren Töchtern Alkopops, während sie mit ihnen übers Poppen philosophieren – und werden nach einem mutwilligen Crash in ein ostdeutsches Umerziehungslager verfrachtet. Selbiges führen zwei schwule Ex-NVA-Offizieren, denen City-Sänger Toni Krahl sowie Prinzen-Fettleibgardist Sebastian Krumbiegel Gesicht und vor allem Stimme leihen. Auch sonst gibt es retrogrades Ossi- Identifikationsmaterial satt: vom brünftigen Neid auf den Zuhälter-Ferrari bis hin zu FDJ-Leibesübungen im aufgerüsteten Persönlichkeitsertüchtigungscamp. Max und Moritz sind da allerdings längst im „Easy Rider“-Stil verendet, nicht ohne zuvor ihrerseits für Nachwuchs gesorgt zu haben: Die süße Sozialarbeiterin Paula (Franziska Petri) wird Mutter zweier strammer Jungs, die sie – fast schon konservativ – Max und Moritz nennt.

Ganz schön wild ist dieser Osten, wie ihn sich die Westler-Produzenten da vorstellen – doch zu welchem Zweck? Eindeutig peilen sie eine Kundschaft vor allem zwischen Zingst und Zittau an, die für Siebenzwergenfilme sowie allerlei Manitu-Schuhwerk ganz besonders empfänglich scheint. Ostalgisches Gefühlspotential wird, bis hin in die „Es war nicht alles schlecht“-Vergangenheitsversöhnungshymne Krumbiegels, breitest bedient. Nur: Warum muss das mit schleppenden Dialogen, oft ungelenkem Spiel und einem dauernd hakenden Drehbuch einhergehen?

Jaja, ist alles nur Trash und will nix als Trash sein. Und doch drängt sich der Verdacht auf, dass die Cleverles aus dem joldenen Westen nur einmal mehr bei den Dumpfbrüdern und -schwestern abzocken wollten. Was sich noch als schmerzhaftes Fehlkalkül erweisen könnte.

In zehn Berliner Kinozentren

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben