Kultur : Der Ostwestdieb

Wie man eine Börse rettet und selber zum Gejagten wird / Eine Berlin-Groteske von Peter Esterházy

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Der junge Mann mit der Geldbörse in der Hand war eben dabei, aus dem 129er-Bus zu steigen. (Ich liebe die Berliner Busse, sie verkehren mit ungewöhnlicher Pünktlichkeit, wirken wie Matchboxautos, wie Spielzeug, wenn möglich, steige ich zum oberen Stock hinauf, setze mich ganz vorne hin und tue, als würde ich den Bus fahren, ich schnurre sogar ein bißchen; in Berlin sind die Busse das Schönste.)

Der Mann ist mir nur aufgefallen, weil er die Börse mit zwei Fingern hielt, geziert hielt er sie in Kopfhöhe, als würde er schwimmen und nicht wollen, daß sie naß wird. Neben mir sagte eine junge Frau leise: Ein Dieb – und sie zeigte auf den Mann. Irgendwie war das unglaubwürdig, im Verhalten des Mannes sah ich nichts Verdächtiges, auch die Börse war nicht verdächtig, sondern interessant oder höchstens eigenartig. Das heißt, daß jemand ein Dieb sein könnte und etwas wegnehmen könnte, was nicht ihm gehört, ist nicht zu glauben. Sobald wir jemanden aus der Nähe betrachten, können wir uns nicht vorstellen, daß er ein Dieb ist. Der Dieb ist etwas Abstraktes. Das Opfer sah aus wie eine Studentin älteren Semesters, und sie trug ein Kind auf dem Rücken. Sie hatte Ähnlichkeiten mit der ungarischen Schauspielerin Mari Csomós, nur war sie nicht so schön (die Mari Csomós war in ihr nicht vorhanden).

Ein Dieb, wiederholte sie. Ich zuckte nicht mal die Wimper. Ein Fremder zu sein ist nämlich schön. Faschistische Halbwüchsige in den Außenbezirken? Sollen das Problem doch die Berliner selbst lösen. Aber bei der gleichen Szene in Budapest bekäme ich Magenkrämpfe. Das Problem war nur, daß ich zu nah am Gesicht der Mari Csomós war. Zum besseren Verständnis könnten wir auch Edith Clever sagen. Also Edith Clever stand neben mir, man hatte sie beraubt, und ich spielte einfach Busfahrer?

Wer, rief ich, und damit versetzte ich mich in Aktion (wie man sieht, bestehen meine Aktionen aus Wörtern). Die Frau schnappte nur mehr nach Luft, und mit dem Zeigefinger verfolgte sie ihre Geldbörse. Da wollte die Bustür gerade zugehen, auf diese Bewegung hin rannte ich los, schon war ich unten bei der Tür, sprang hinaus, die Frau hinter mir her.

Der Mann blickte zurück; sein Gesicht war ruhig, als würde er nicht losrennen wollen. Aber er schien seinen Schritt zu beschleunigen. Dieb, rief ich da, stehenbleiben! Welch ein Wunder, der Mann blieb nicht stehen. Ich ging ihm nach, er war etwa zehn Meter von mir entfernt, ich lief nicht, ich dachte, daß man ihn nicht erschrecken sollte. Daher wiederholte ich etwas verhaltener: Dieb. Stehenbleiben.

Aber nicht nur, daß er selbst nicht stehenblieb, auch die Umherstehenden rührten sich nicht, was heißt, rührten sich nicht, keine Miene verzogen sie. Als wäre ich nicht vorhanden. Der Satz hatte mich unsichtbar gemacht. Je verhaltener ich rief, desto schneller ging ich. Und nun sagte ich: Dieb, bleiben Sie stehen!

Wahr ist, daß auch in meinem Gesicht weder Schreck noch Entrüstung lag, nur Verwunderung, die sich in den mich umgebenden Gesichtern spiegelte. Nun schrie ich aber richtig los.

Bleiben Sie doch endlich stehen!

Wie in einem Western, wumm, begannen wir plötzlich zu laufen, vorne der Dieb, ich hinter ihm her, und ich brüllte. Ich glaube, da hatte ich bereits Angst. Höflich gaben die Leute den Weg frei. Wir kamen an immer neuen Zuschauern vorbei, und ich bemühte mich, sie mit Informationen und Anweisungen zu versehen, namentlich mit der Aussage, daß dort ein Dieb sei, den man fangen sollte. Bittä schön.

Offensichtlich ist er ein Ostdeutscher, dachte ich keuchend. Anscheinend rennt er sogar in Richtung Osten. In Berlin verkomme ich sofort zu einem blöden Wessi, als würde ich eine Reise durch die Zeit unternehmen. Die DDR habe ich sehr gehaßt. Und jetzt, in meiner neuen Unaufmerksamkeit, vergesse ich, daß auch ich ein Ossi bin, letztendlich ein DDRler.

Zwar kam ich ihm nicht näher, aber ich hielt mich gut. Wir rannten über eine Kreuzung hinweg, und plötzlich war da niemand mehr außer uns beiden. Er blieb stehen. Schnaufend erreichte ich ihn. Jetzt erst war klar, daß ich, der gealterte Fußballer, wirklich gealtert war; ich brachte kein Wort heraus. Auch jetzt sah er nicht wie ein Dieb aus, er war wie jemand von uns, nur kam er mit dem Laufen besser zurecht als ich. Mir hatten moralische Gründe Flügel verliehen.

Kannst die Hälfte haben, sagte er einnehmend. Nicht einmal lachen konnte ich, so beschäftigt war ich mit dem Luftholen. Mein Gott, wie martialisch mußte ich wirken, daß er mich beteiligen wollte. Mein Schweigen mochte ihn in der Annahme bestärkt haben, daß es besser sei, sich nicht mit mir anzulegen. Bist durchgeknallt, mach schon, Arschloch, sagte er, hier die Hälfte, und hauen wir ab!

Ich wußte wirklich nicht, was ich jetzt tun sollte. Es gab einfach keinen Satz, den ich hätte sagen können. Höchstens: Mein Herr, Ihr seid ein Schlingel. Ich riß ihm die Börse aus der Hand und begann zu laufen, zurück, er mir nach, über die Kreuzung, und da mußte ich dann hören:

Ein Dieb! Fangen Sie ihn!, das schrie mir der Dieb hinterher. Meine arme Mutter, wenn sie das noch erlebt hätte. Wieder gaben uns die Leute den Weg frei, jetzt erregten wir etwas mehr Aufmerksamkeit, ich näherte mich Edith Clever, das Kind heulte bereits, der Dieb näherte sich mir, offensichtlich spielte er sonst Rechtsaußen, die laufen traditionell am schnellsten.

Stehenbleiben konnte ich nicht, also rannte ich an der Besitzerin vorbei, die blickte mich entsetzt an, ihre Augen weiteten sich, etwas so Unglaubliches war für sie schier nicht möglich, hinter mir lief der Dieb, und er schrie, daß man mich fangen sollte. Na, was für ein Deutscher war ich nun? Was dachten sie über mich? Meine primitive und nostalgische Verbundenheit mit West-Berlin war mir nicht anzusehen. Meine Kleidung hätte eher die Ossi-Vermutung bestätigen können. Doch das war alles nichts im Vergleich zu meiner Aussprache! Alle waren offensichtlich überzeugt, daß ich ein Türke sei! Nach hundertfünfzig Jahren türkischer Unterdrückung würde ich nun so, als Ehrentürke enden! Das ist ungerecht.

Vor dem Bus sprang ich plötzlich zur anderen Straßenseite hinüber, ein Taxi kam gerade, ich warf mich hinein, schnell, fahren Sie! sagte ich, wie in einem Film, sogar synchronisiert. Der Taxifahrer nickte, betrachtete die Börse in meiner Hand, sagte nichts. Zwei Straßen weiter ließ ich ihn anhalten und stieg aus.

Vorsichtig habe ich mich dann zum Kurfürstendamm zurückgestohlen. Keine bekannten Gesichter. In der Geldbörse keine Papiere, nur zweihundertvierzig Mark. Was nun!

Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Band „Berlin meine Liebe. Schließen Sie bitte die Augen – Ungarische Autoren schreiben über Berlin“, hg. von Mónika Dózsai, Gabrielle Gönczy und Nina Hartl, der in Zusammenarbeit mit dem DAAD im Verlag Mattes & Seitz erscheint. Mit Beiträgen von u.a. Imre Kertész, Péter Nádas, István Eörsi. 254 S., 18,80 €. Aus dem Ungarischen von Zsuzsanna Gahse.

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