Kultur : Der Pakt der Extremisten - eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Pristina

Hans Christoph Buch

Das englische Wort "pristine" bedeutet soviel wie ursprünglich, rein und unbefleckt, aber keines dieser Adjektive passt auf Pristina, die Hauptstadt des Kosovo, neun Monate nach Ende des Völkermords. Es taut und tropft von den Dächern, unter den Füßenknirscht gefrorener Schlamm, und der geschmolzene Schnee legt die Hinterlassenschaften des Krieges frei, der Berge und Täler mit Müllhalden überzogenhat: Flussbetten voll verkohlter Autowracks, kaputte Kühlschränke und Fernseher, an denen die Strömung zerrt, und das Schmelzwasser schwemmt Minen in die mit Bierdosen verstopften Straßengräben.

Unter dem Schutz der KFOR-Soldaten blüht neues Leben zwischen den Ruinen, eine von keiner Statistik erfasste, informelle Ökonomie, eine Schattenwirtschaft, bei der Auto-Ersatzteile, Haushaltsgeräte und Computer, geschmuggelte Zigaretten und CDs am Straßenrand die Besitzer wechseln, für harte DM. Ganz Kosovo ist ein Eldorado für Schwarzhändler: Die Mitglieder der Mafia und / oder der UCK haben die Waffen versteckt und ihre Uniformen ausgezogen, um sich lukrativeren Geschäften zu widmen, was nachvollziehbar ist bei einer Arbeitslosenrate, die alle Rekorde schlägt.

Der Abzug der jugoslawischen Armee hat ein politisches und juristisches Vakuum geschaffen, das die Präsenz der KFOR-Truppen bisher nur symbolisch füllt. Zwar sind auf den wenigen im Winter befahrbaren Straßen ständig Militärkonvois unterwegs, und vor jeder Ortsdurchfahrt, vor jedem Verwaltungsgebäude sind Posten aufmarschiert. Aber der gewaltige Aufwand hat weder die Zerstörung orthodoxer Klöster noch Vertreibung, Mord und Totschlag verhindert.

Vor diesem düsteren Hintergrund trafen sich auf Einladung der Zeitung "Koha Ditore" und der Friedrich-Ebert-Stiftung Balkan-Experten, Journalisten und Historiker mit politischen Akteuren aus der Region, um ein knappes Jahr nach Kriegsausbruch Lehren zu ziehen aus dem Kosovo-Konflikt und Perspektiven zu entwerfen für den künftigen Status der Region. Das Grand Hotel Pristina, in dem die Tagung stattfand, ist legendär wie das Bagdad Hilton und das Sarajevo Holiday Inn, wo Kriegsreporter bei Kerzenlicht und Whisky serbischem Artilleriefeuer und Nato-Raketen trotzten. Wie damals sind Heizung, Wasser und Strom rar. Jedem wird klar, warum Albanerführer Rugova nie ohne Schal zu sehen ist, denn im Innern des Grand Hotels, das zu Unrecht so heißt, ist esnoch kälter als draußen.

Anstelle von Rugova, der der Tagung fernblieb, kamen sein Gegenspieler Taci vom politischen Flügel der UCK sowie der Zeitungsverleger Veton Surroi, zusammen mit Baton Haxhiu der führende Kopf einer Zivilgesellschaft, die sich im Kosovo erst langsam herauszubilden beginnt; Arben Xhaferi, Sprecher der albanischen Minderheit in Mazedonien; Daan Everts, UNO-Botschafter in Pristina und Freimut Duve von der OSZE; Menschenrechtsaktivisten und politische Beobachter aus den Nachbarstaaten Griechenland und Albanien; kritische Journalisten und Oppositionelle aus Belgrad und der jugoslawischen Diaspora; und Nato-Sprecher Jamie Shea.

"Am Anfang war das Wort", sagte der griechische Historiker Thanos Veremis, "aber in welcher Sprache war das Wort?" Das war mehr als nur ein Bonmot in einer Region, wo die Zugehörigkeit zu einer Sprachfamilie über Leben und Tod entscheiden kann. Aber auch im übertragenen Sinn hatte Veremis den Kosovo-Konflikt auf den Begriff gebracht, denn die Konferenzteilnehmer redeten aneinander vorbei in zwei Sprachen, die auf keiner Landkarte bezeichnet sind. Auf der einen Seite der um Toleranz bemühte Diskurs der westlichen Wertegemeinschaft, der in entscheidenden Punkten genauso vage ist wie die multikulturelle Zivilgesellschaft, auf die er sich beruft. Auf der anderen Seite der vormoderne,ethnozentrische Diskurs der Serben und Albaner, die weder Aufklärung noch Renaissance erlebt haben und das Wohl ihrer Volksgruppe zum Maßstab für alles machen, was vor dem Hintergrund traumatischer historischer Erfahrungen verständlich ist. Es hat wenig Zweck, den Opfern blutiger Verfolgung Liebe zu ihren Feinden zu predigen - auch wenn sie Worte wie multi-ethnische Vielfalt im Munde führen, meinen sie etwas anderes damit als der saturierte Westen, der nie unter ottomanischer oder kommunistischer Herrschaft gelitten hat. Das wurde schlagartig klar, als der kritischste Kopf der kosovarischen Intellektuellen, Veton Surroi, Slowenien zum Modell erklärte und darlegte, die aus dem Zerfall Jugoslawiens entstandenen Staaten seien nur lebensfähig mit einem Minderheitenanteil von weniger als zehn Prozent. Den Verdacht, damit das Prinzip der ethnischen Säuberung gutzuheißen, wies er empört zurück, aber die Distanzierung von gewalttätigen Übergriffen der eigenen Volksgruppe klang bei Serben wie Albanern wenig überzeugend. Und es fiel zunehmend schwer, sich der Einsicht zu verschließen, dass die internationale Gemeinschaft einem Phantom nachjagt und das multi-ethnischeZusammenleben zur Fiktion geworden ist. Realistischer als solche Utopien war der Vorschlag des britischen Historikers Noel Malcolm, Kosovos Unabhägigkeit von Jugoslawien festzuschreiben, um das politisch-juristische Vakuum zu beenden, in dem Terrorismus und Kriminalität gegen Serben und Albaner gedeihen. Aber nicht bloß die stets uneinigen Europäer, auch der US-Gesandte Larry Rosinn wies diese plausible Idee als verfrüht zurück, unter Hinweis auf die bis heute bindende UNO-Resolution 1244 und das Veto Russlands und Chinas im Sicherheitsrat.

"Die Extremisten beider Seiten haben einen Pakt geschlossen gegen die Gemäßigten, weil ihre Macht auf Terror und Einschüchterung beruht," sagt Bruder Sava, serbisch-orthodoxer Mönch und Kritiker des Milosevic-Regimes, der von einer schwedischen KFOR-Einheit bewacht, im Kloster Gracanica lebt. "Daran wird sich wenig ändern," fügt er hinzu. "Die internationale Gemeinschaft kann die Gewalt zwar bändigen, aber ihre Ursachen nicht beiseitigen."

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