Kultur : Der Palästina-Blues

Zehn Tage im April: Eine Reise nach Ramallah, Jericho und in das Flüchtlingslager Jenin / Von Moritz Rinke

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Vielleicht war es ein guter Moment, um in Palästina einzureisen. Die ersten heißen Tage, starker Wind, die Straße am Checkpoint Qalandija staubte so, dass ich weder den Anfang noch das Ende des Staus sehen konnte. Irgendwann lief ein israelischer Soldat um das Auto vom Goethe-Institut herum, aber wirklich Lust, im Staub zu stehen, schien auch keiner zu haben. Ich war sogar etwas enttäuscht: Man darf eben nicht mit einem Auto vom Goethe-Institut durch die Welt reisen, wenn man wissen will, wie das Leben ist. Da war es am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv schon gründlicher, wer „Ramallah“ und „Jenin“ als Zielort angibt, lernt automatisch die Herren von der Flughafen-Polizei kennen, die Verhöre führen, wie ich sie bisher nur aus Filmen über die CIA kannte. Direkt hinter dem Checkpoint sehe ich Palästinenser, sie standen Stunden in der Schlange und haben alle weiße Haare voller Staub, auch die Kleider, sie sehen aus wie die Überlebenden aus dem World Trade Center. Wer die „Permission“ hat, sich zwischen Orten in Israel, Gaza und der Westbank zu bewegen, muss im Sommer täglich durch den Staub, dieser unerträgliche Staub ist also ein Privileg.

Adania Shibli, die palästinensische Autorin, die ich in Ramallah treffen werde, hat über den Qalandija-Staub geschrieben: „Er hat seine Existenzberechtigung, denn er beweist, dass ich den Checkpoint durchquert habe, deshalb muss ich ihn so lange wie möglich ertragen, das ist das Mindeste.“ Adania treffe ich zwei Stunden später, eine junge Frau mit dunklen wachen Augen, sie hat auch Weiß in den Haaren, aber es sind schon graue Haare, sie sieht aus wie eine Mischung aus Susan Sontag und Ariane Mnouchkine in Jung.

„Hast du meinen Namen am Flughafen gesagt?“ „Nein“, sage ich, „nur den von Goethe, den kannten die aber nicht“. Sie bedankt sich, und wir fahren mit einem Freund durch Ramallah. Während ich darüber nachdenke, warum sie sich bedankt, dreht sie sich um und erklärt, dass sie letztes Jahr im Museum in Tel Aviv verhaftet worden sei, als sie Recherchen für ein Buch machen wollte, man habe das ganze Museum abgeriegelt und sie dann mitgenommen, sieben Stunden später konnte sie wieder gehen. Ob ich beeindruckt sei, wie ernst die Israelis die palästinensischen Künstler nehmen? Ich denke wieder an den Flughafen und das Vernehmungszimmer. „What do you intend to read in Ramallah?“ Das hat mich in Deutschland niemand gefragt.

Mittlerweile fahren wir eine steile Straße hinauf, das Stadtzentrum liegt sehr hoch, auf dem „Gotteshügel“ – das bedeutet Ramallah. Jazid fragt mich, ob ich Palästina mag. Ich schaue aus dem Fenster und sehe ein graues Gebäude nach dem anderen, Ruinen und Autos, die kreuz und quer durcheinanderfahren und hupen, etwas später am Manara-Kreisel geht nichts mehr, Kinder rollen mit Einkaufswagen zwischen den gelben Taxis umher, die jeden anhupen, der potenziell eine Fahrt bezahlen könnte, durch das Fenster werden von Kinderhänden gelbe Bohnen, Tücher, Postkarten mit Zidane, Figo, Ronaldinho gereicht. Restaurants, Falafelstände die ganze Hauptstraße entlang, Modegeschäfte, Musikläden, mehrstöckige Shopcenter, die Frauen teils verhüllt, dann wieder junge in Jeans und offenem, langem schwarzen Haar und roten Lippen, in einer Konditorei sehe ich eine Schwarzwälder Kirschtorte.

Eigentlich schäme ich mich, dass ich überrascht bin. Zuletzt hatte ich mich in Sarajevo geschämt, als ich eine ins Mittelalter zurückgebombte Stadt erwartete und dann lange auf einen EC-Automaten neben einer Disco starrte. Wenn man Jahre lang nur CNN guckt, dann erwartet man in Ramallah nur Hamas-Terroristen und Kinder mit Steinen, aber keine Torten oder Frauen mit roten Lippen.

„Die Architektur in Ramallah ist grauenvoll“, sagt Jazid, er hat in Dortmund vier Jahre Landschaftsplanung studiert und gehört auch zu einem der privilegierten Staub-Palästinenser, die vermutlich einen israelischen Pass haben, aber das fragt man besser nicht.

Wir fahren auf einer holprigen Straße in die Berge um Ramallah. Ich frage Adania, die seit einiger Zeit in London lebt und dort an der Universität über „Mythos und Krieg in der Berichterstattung“ promovierte, wie ich mir das Flüchtlingslager in Jenin vorstellen müsste, wo wir in ein paar Tagen lesen sollen.

Das Lager sei im April 2002 durch israelische Panzer überrollt und mit Raketen quasi dem Erdboden gleich gemacht worden, um dort die „Terroristen“ zu vernichten. Bei „Terroristen“ zeichnet sie mit zwei Fingern lächelnd Häkchen in die Luft. Als ich darüber nachdenke, ob man mir die An- und Abführungszeichen, wenn ich sie übernehme, zu Hause als Antisemitismus auslegen würde, haben Adania und Jazid im Auto bei Tempo 90 zu streiten begonnen.

Jazid sagt, die Flüchtlinge hätten ihr Leben seit 1948, seit der Gründung Israels, und ihrer Vertreibung im sogenannten Unabhängigkeitskrieg längst besser gestalten können. Adania wird immer wütender, nie habe die Autonomiebehörde unter Arafat ein Interesse daran gehabt, dass es den Flüchtlingen besser gehe, im Gegenteil, der temporäre Charakter ihrer Zuflucht solle erhalten bleiben, um Druck zu machen auf Israel, das noch nicht einmal die Flüchtlinge als solche anerkannt hätte. Jazid hält dagegen, dass es nicht an Arafat gelegen, sondern dass man alles nur in die Hände der Uno abgegeben habe. Ich weise Jazid darauf hin, dass 30 Meter vor uns ein Esel steht, dann gibt es eine Vollbremsung. Wir lassen das Auto beim Esel stehen und laufen in die Berge.

Die Luft voll von Thymian, Oregano, Salbei und Olivenduft. Über die grünen Berge vereinzelt weiße Häuser und weiße Steine, ganz sanft liegt alles da, still. Man hört nur den Gesang eines Gebets, das dann von einem anderen Dorf aufgenommen wird, bis bald ein ganzer Kanon über der Bergwelt liegt. Als wir zurücklaufen, sehe ich den Esel vor dem Pflug eines Bauern, wie er einen absurd schrägen Streifen Land beackert. Adania und Jazid grüßen auf Arabisch, und ich bin froh, dass der Esel die Flüchtlingsdebatte überlebte.

Am nächsten Tag bin ich zu einem Barbecue eingeladen bei Freunden von Adania in einer vornehmeren Gegend von Ramallah. Abed, ein kräftiger Mann Mitte dreißig, steht am Grill und wendet andächtig Lammstücke, während ich mich in seine sechsjährige Tochter verliebe. Ihr Vater ist verantwortlich für den Wirtschaftsteil der Zeitung „Al Aijam“, vor 15 Jahren flüchtete er aus Gaza nach Ramallah, um auf der Universität Birzeit zu studieren, der einzigen in Palästina. Wir unterhalten uns über die Fußball-WM, er fragt, ob ich ein Spiel im Stadion gesehen hätte. Ja, Deutschland gegen Italien! Abed steht ehrfürchtig auf, dann umarmt er und tröstet mich, er liebt die deutsche Mannschaft, was mir plötzlich unangenehm ist. Ich überlege noch, ob ich ihn fragen soll, ob er das in sportlicher Hinsicht meint, dann erklärt er mir, dass es sein größter Traum sei, einmal ein Spiel in Wirklichkeit zu erleben. Ich merke plötzlich, wie der Grill zischt und Abed sich schnell die Augen reibt.

Später erklärt mit Adania, Abed habe nie zuvor mit einem Menschen geredet, der ein WM-Spiel im Stadion gesehen habe. Seine Eltern in Gaza habe er nie mehr besuchen können, als sie starben, durfte er nicht einmal die Möbel holen. Vielleicht kann man sich das auch nicht vorstellen. Ein Ressortleiter für Wirtschaft, der in seinem Job über Weltökonomie und Globalisierung schreibt und im wirklichen Leben nicht einmal ins 15 Kilometer entfernte Ost-Jerusalem reisen darf. Abed war noch nie in Ost-Jerusalem.

Auf dem Rückweg fahren wir an der Mukataa vorbei, Arafats einstigem PLOHauptquartier, in dem jetzt der neu gewählte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas residiert, eine scheußliche Baracke mit Mauer und Soldaten und Fahnen. Fast alle Häuser hier haben neue Türen, weil man im April vor fünf Jahren, als die Israelis Ramallah belagerten, bei Hausdurchsuchungen nicht klingelte, sondern die Türen und Wände wegsprengte.

Gegenüber der Mukataa lebt die Schwiegermutter von Suad Amiry, einer palästinensischen Architekturprofessorin, die mit ihrem Tagebuch über die israelische Besatzung auch in Deutschland bekannt wurde. Als die Israelis Arafat belagerten und die Schwiegermutter um 5 Uhr morgens ihre sehr laute Cappuccino-Maschine betätigte, drehten die Panzer und eröffneten das Feuer.

Farid Majari treffe ich am Manara-Kreisel, wo ein Verkehrspolizist in einer Art arabischem Breakdance gemischt mit Elementen aus indischen Bollywood-Filmen den irren Verkehr regelt, einmal rollt er sogar in smarter Uniform mit Krawatte über die Kühlerhaube eines Gemüsewagens.

Wir gehen ins „Zirjab“, eins der schönsten Restaurants von Ramallah, es liegt wie eine Oase über der lärmenden Hauptstraße. Majari ist Leiter des Goethe-Instituts im Deutsch-Französischen Kulturzentrum Ramallah. Er war lange in Moskau, in den USA und arbeitet jetzt für die Deutschen in Ramallah. Sein Vorgänger, Manfried Wüst, wurde aus der arabischen Welt nach Indien versetzt, weil er sagte, er könne palästinensische Selbstmordattentäter nicht mit Terroristen gleichsetzen, sondern nur mit Widerstandskämpfern.

Ich frage Majari, ob es sein könne, dass eine Autorin bei Recherchen im Museum verhaftet wird, weil man glaubt, damit die „Infrastruktur des Terrorismus“ zerstören zu können? Majari erzählt vom Leiter des Kinos in Ramallah, der mehrere Jahre im Gefängnis saß; ein Komponist vom Konservatorium, Suhail Khoury, habe eine Oper geschrieben, für die er wiederholt einsitze. Er selbst sei beim Joggen verhaftet worden, weil er in eine Ausgangssperre hineinjoggte und nicht gerade wie ein deutscher Institutsleiter aussieht.

In der letztes Jahr gegründeten englischsprachigen „Palestine Times“ steht, dass seit Beginn der zweiten Intifada über 6000 Kinder inhaftiert wurden. Im Frauengefängnis Telmond mussten Schwangere ihre Kinder gebären und wurden dann von ihnen getrennt. So wie die 28-jährige Manal Ghanem, die Fatah-Aktivisten nahegestanden haben soll, gestern nach viereinhalb Jahren freigelassen wurde und erstmals ihr Kind wiedersah. Ein Gericht oder einen Verteidiger hatte sie nie gesehen. Für die Israelis reicht eine „administrative detention“, sie kann von einem einzigen Offizier ausgesprochen werden und Palästinenser bis zu 10 Jahre wegsperren, ohne Möglichkeit auf Einspruch.

Majari muss öfter telefonieren mit seinen mehreren Handys, zudem organisiert er auch noch mein Gepäck, das seit der Befragung durch die Flughafenpolizei verschwunden ist. Ich hatte folgende Bücher im Koffer: „Sharon und meine Schwiegermutter“, das Kriegstagebuch von Suad Amiry; „Suizidologie: Terroristen-Suizide und Amok“, eine Untersuchung anlässlich des 11. September, und „Jeder Mensch eine Bombe?“, ein anthroposophischer Sammelband über Nationalismus und das „Böse im Menschen“. Majari fragt mich etwas irritiert, ob ich nicht gebrieft worden sei von den Berliner Festspielen, die seien doch Hauptveranstalter vom „Westöstlichen Diwan“.

Majari hatte, als er vor vier Jahren nach Ramallah kam, noch mit einer Reihe deutscher Künstler zu tun, die israelisch-palästinensische Friedensprojekte in Szene setzten. Meist war es so, dass die Deutschen eine Schaumstoffwand mitbrachten und dann feierlich ein Loch hineinmachten, damit sich Palästinenser und Israelis durch das Loch die Hand reichen. So etwas haben die Palästinenser hier nicht ausgehalten, sagt Majari. Deutsche Künstler, die hier als Friedensengel mit ihren blöden Schaumstoffwänden hineinschwebten und sich auf das Palästinenserproblem draufsetzten. Ein Projekt, das für ihn funktionierte, war die Installation von Thomas Kilpper, früher RAF-Mitglied, im Flüchtlingslager in Jenin. Aus den zerbombten und von Panzern zerquetschten Autos der Flüchtlinge baute Kilpper ein sieben Meter hohes, sich aufbäumendes Pferd. Es stehe immer noch in Jenin wie ein kraftvolles Zeichen.

Momentan arbeitet Majari an einer palästinensischen TV-Soap. Die westlichen Medien zeigten vom palästinensischen Leben immer nur drei Bilder: israelisches Blut, Leichen, Krankenwagen, Selbstmordattentat. Dann noch palästinensische Kinder, die Steine schmeißen, oder verhüllte Frauen, die hysterisch „Allah“ rufen. Und schließlich die Hamas in offenen Jeeps mit Fahne und Palästinensertuch. Andere Bilder wollen die westlichen Agenturen nicht, sagt Majari.

Am Abend sehe ich palästinensische Frauen tanzen. Auch ältere Verhüllte tanzen, sie rufen „Olé, olé“, nicht „Allah, Allah“. Die jungen Verhüllten tragen eng anliegende Kleider, die Kopfbedeckung ist wie ein Freibrief dafür, dass sie mit dem Rest des Körpers in die Offensive gehen. Man kann auch viel besser mit den verhüllten Frauen flirten als mit den unverhüllten.

Ich treffe Alia Raijan, eine 33-jährige unverhüllte Palästinenserin, deren Vater nach Deutschland flüchtete, bis nach Ritterhude. Das soll was heißen, wenn man bis nach Ritterhude flüchtet! Ritterhude liegt gleich neben dem Ort, aus dem ich komme, tiefste norddeutsche Tiefebene, für einen Palästinenser bestimmt der Horror. Als Kinder sind Alia und ich uns nie begegnet, aber jetzt, Ritterhude-Ramallah sozusagen, eine norddeutsche Araberin, eine bodenständige Palästinenserin, umwerfende Mischung.

Alia Raijan hat Politikwissenschaften studiert, jetzt arbeitet sie an der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah an Vorträgen über die Wahrnehmung Palästinas durch die Medien. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist es, an den Checkpoints verschiedene Images durchzuspielen, um die israelischen Grenzsoldaten zu testen. Manchmal macht sie einen auf Businessfrau mit großer Sonnenbrille und engem Kostüm, was die Israelis fassungslos macht. Richtig zutraulich werden sie bei „Partygirl“, sagt sie, betrunken von Jerusalem nach Ramallah, und alles ist super. Wenn sie allerdings mit Kopftuch auftaucht und dabei noch ein bisschen ängstlich guckt, dauert es Stunden.

Die Israelis, sagt sie, gehen davon aus, dass es bei uns nur Arbeiter und Bauern gebe, manchmal erklärt sie beim Checkpoint, sie sei Topdesignerin oder Börsenmaklerin, was entweder als Provokation oder als Witz empfunden wird.

Wenn Alia Raijan die Checkpoints passiert, hat sie fünf Papiere dabei. Einen Dienstpass vom Auswärtigen Amt für die Böll-Stiftung. Ein Arbeitsvisum von den Israelis. Eine einjährige Aufenthaltsgenehmigung. Einen „Multiple Entry“-Ausweis von den Israelis. Die „weiße Karte“, ein Schutzausweis vom Repräsentationsbüro der Deutschen. Mit diesen Papieren läuft sie ständig herum. Sie wird nervös, wenn sie am Checkpoint auch nur eins davon nicht bei sich hat.

Ein Kollege von Abed erzählt in der Pause eines Mozartkonzerts im KasabaTheater, dass ein Redakteur kürzlich eine „Permission“ hatte, seinen Bruder im Gefängnis in Nafha zu besuchen. Dort sei es zu chaotischen Szenen gekommen, weil Mütter ihre kleinen Kinder nicht den inhaftierten Vätern zeigen durften, da das Besuchsrecht nur für eine Person gelte. Der Kollege, der seinen Bruder nicht mehr wiedererkannt hatte, sei ausgerastet und habe einen Soldaten geschlagen. Drei Tage sei er daraufhin zusammengeschlagen in eine Zelle gelegt worden, mit gefesselten Händen und einem Paket Scheiße vor dem Gesicht. Dann beginnt der zweite Teil des Requiems.

„Intifada“ heißt etwas abschütteln, loswerden wollen. Ich versuche es mal mit Mozart.

Am nächsten Tag fahre ich in einem normalen Bus Richtung Amman durch die Wüstenberge nach Jericho, es geht ganz runter, 300 Meter unter den Meeresspiegel. Den Kindern im Bus, die lange gefroren haben, weil sie am Qalandija-Checkpoint im Regen stehen mussten, wird wieder warm. Ich denke an die zwei palästinensischen Kinder, mit denen ich gestern über den Dächern von Ost-Jerusalem Drachen steigen ließ. Israelische Kinder standen auf den Balkonen und schauten zu, einmal verhedderte sich ein vorbeieilender orthodoxer Jude in der Schnur, als die Kinder einen dritten Drachen steigen lassen wollten. Ein jüdisches Mädchen mit winziger Kippa auf dem Kopf verfolgte mit strahlenden Augen die Flugbahn der Drachen. Es war so ein friedliches Bild.

Mittlerweile sind wir kurz vor Jericho, Arafats Stadt, die älteste der Welt. Am Checkpoint stehen vier gepanzerte israelische Soldaten, der eine spielt einen Meter vom Bus entfernt kaugummikauend mit den Fingern am Auslöser seines Maschinengewehrs. Der andere legt den Gewehrlauf auf die Tür, so dass er durchs Fenster direkt auf die Kinder gerichtet ist. Als es weitergeht, sagen sie zu ihrer Mutter kein Wort. Sie scheinen das schon zu kennen.

In Jericho sitze ich eine Stunde auf einem 2000 Jahre alten Stein, danach kaufe ich mir im Old-City-Souvenir-Geschäft eine Krawatte. Ich habe mir noch nie in meinem Leben eine Krawatte gekauft. Sie ist wüstengelbgrau.

Adania Schibli hat mich wieder nach OstJerusalem eingeladen. Wir treffen den Vater des palästinensischen Theaters, François Abu Salem, ein Mann mit weißem Haar und feinen Gesichtszügen. Er gründete in den siebziger Jahren das Theater Hakawati, irgendwann wurde es während einer Vorstellung angezündet und brannte ab. Er lebte lange in Paris, Adania sagt, er habe sich da weniger mit Theater beschäftigt als mit Psychiatern. Jetzt sitzen wir bei ihm in der Wohnung, überall liegen aufgeschlagene Bücher auf dem Boden, es soll ein Bühnenbild sein für ein neues Stück, in dem nur ein Schauspieler auftritt und in den Büchern blättert. Dazu gibt es Musik, Pink Floyd, The Wall. Wir sitzen nur stumm da auf seinem Sofa in Ost-Jerusalem und hören Pink Floyd. Nach dem achten Lied sage ich, dass ich jetzt los muss, Abu Salem ruft ein Taxi, das mich beim Qalandija-Checkpoint absetzt. Den Rest mache ich wie ein ordentlicher Palästinenser zu Fuß.

In der Nacht zu Ostersonntag träume ich, ich schaue in den Spiegel und bekomme einen Bart, der am Kinn immer weiter nach unten wächst. Kurz bevor ich aufwache, bin ich ein Taliban. Während ich im Bett darüber nachdenke, ob mein Mitgefühl für die Palästinenser sich im Traum mit meiner westlichen Medienprägung vermischte, also mit den ganzen terroristischen Islamisten der arabischen Welt, die ja bei uns alle in einem Topf leben müssen, ruft das Deutschandradio an und will ein Interview in einer Ostersonntag-Sendung. Ich erzähle ihnen alles! Und merke, wie der Moderator eigentlich nicht so genau weiß, ob er mir zustimmen darf, wahrscheinlich hatte er gerade einen Beitrag über die Auferstehung im Programm, und jetzt komme ich mit meinem Palästina-Blues. Am Ende berichte ich von Abed, dem Fußballfan und Globalisierungsspezialisten der palästinensischen Zeitung, der nicht mal 15 Kilometer weit fahren kann. Ich frage Deutschlandradio, ob man den DFB bitten könnte, in Palästina zu spielen, schließlich spielt ja sogar Daniel Barenboim hier.

In der Nacht Fieber. Wadenwickel mit Palästinensertuch, gab es in Jericho gratis zur Krawatte.

Mein Gepäck ist angekommen, allerdings im Hilton in Jerusalem, kein Mensch bringt einem Gepäck nach Ramallah. Die Bücher sind noch drin, auch meine tibetanische Medizin, die schon einmal bei einer Amerikareise von Spürhunden enttarnt wurde. Seltsam ist, dass der Wecker verstellt ist, um sechs Stunden, die Batterie läuft aber einwandfrei. Majari meint, es sei entweder ein Zeichen der Israelis (We are watching you, Ramallah-traveller!), oder die Batterie war alle und sie haben sie freundlicherweise ausgewechselt.

Fahrt nach Jenin, ins Flüchtlingslager, Richtung Nablus. Die letzte Entführung hat es in Gaza gegeben, ein BBC-Journalist ist seit drei Wochen verschwunden, die Hintergründe sind unklar und haben wahrscheinlich auch mit der Arbeitslosenquote von rund 75 Prozent zu tun. Es finden ständig Demonstrationen von palästinensischen Journalisten statt, weil die Entführungen den Freiheitskampf unterwandern.

Majari sitzt am Steuer, vor einiger Zeit ist sein Auto bei Nablus von Siedlern angeschossen worden, aber jetzt steht ja groß Goethe auf unserem Auto! Mohammed Abu Zaid fährt auch mit, der meine Texte in Jenin auf Arabisch lesen wird. Abu Zaid ist eigentlich Arzt, aber er liebt deutsche Literatur. Er hat eine alte Freundin in Berlin, die ihm seit 20 Jahren zu Weihnachten eine Karte schreibt, die jedes Jahr erst zu Ostern ankommt.

In Jenin sieht es aus, wie ich Palästina aus dem Fernsehen kenne. Überall hängen Plakate von Selbstmordattentätern und der hier umgekommenen Männer. Arafat nannte es „Jeningrad“, weil keine Stadt so mit fliegenden Fahnen unterging wie Jenin. Wir fahren zweimal um das Pferd aus zerquetschten Autos herum.

Eine Frau jüdischer Einwanderer, genannt Arna, gründete hier lange vor der Intifada das Jugendtheater und Kinderhaus Masrah Houria, das heute ihr Sohn Juliano Mer Khamis weiterführt. Es gibt einen Film über die Kinder von Jenin, die in diesem Haus groß wurden, er heißt „Arnas Children“ und beobachtet sie über einen Zeitraum von zehn Jahren. Man sieht, wie sie tagsüber in den Trümmern ihrer Häuser wühlen und abends im Kinderhaus Stücke spielen, wo sie ihre Wut austragen, sie plötzlich stolz sein können und bewundert werden.

Keins dieser Kinder hat das Jahr 2002 überlebt. Jussef, den man hier den Clown nannte, weil er versprach, jedem in Jenin die Sonne ins Haus zu holen, versuchte im Oktober 2001 bei einem israelischen Raketenangriff ein Mädchen zu retten, das in seinen Armen starb. Er selbst wurde wenige Monate später bei einem Selbstmordattentat in Israel erschossen.

Zur Lesung ist sein Bruder gekommen – und etwa 100 Jugendliche. Ich habe nicht einen einzigen Text, der hier hinpasst. Mein Übersetzer hat einen Text darüber ausgesucht, wie mich einmal Otto Schily tyrannisierte, Mohammed Abu Zaid trägt auf Arabisch vor. Adina liest über ihre Uhr, die immer stehen bleibt, wenn sie an den Checkpoints ist, als wolle ihre Uhr sie trösten und sagen, dass ihr keine Zeit geraubt worden sei. Danach fragt ein Junge, warum der eine über ein Auto liest, weil Otto Schily, „auto scheli“, auf Hebron „mein Auto“ heißt, und die andere über eine „Uhr“, schließlich hätten sie hier nur „Tod“. Damit ist alles gesagt.

Außerdem sind die Kinder müde, weil die ganze Nacht Razzien stattgefunden haben und Sirenenbomben in die Fenster geworfen wurden, um die Menschen auf die Straße zu treiben.

Wir fahren mit Goethe-auto-scheli wieder nach Ramallah, was nicht so einfach ist, weil dort am Nachmittag ein HamasAktivist verhaftet wurde und sich die Militärfahrzeuge vorher den Weg durch die Stadt freischossen. Auf der Fahrt durch die Berge und Checkpoints um Nablus, vorbei an den Siedlern, ihren eigenen, gesicherten Straßen und riesigen Flutlichtmasten, mit denen sie jeden Quadratmeter des Heiligen Landes grell ausleuchten, irgendwann die vorsichtige Frage: Kann ein Präventivstaat eigentlich noch ein Rechtsstaat sein, und gibt es noch andere Ursachen für Terrorismus als Ideologie und Dschihad?

Wenn man diese Fragen in Deutschland nicht hören will, dann sollte man das Goethe-Institut in Ramallah schließen. Wenn man stolz ist in Europa auf die französische Revolution und auch an diese in die Gewalt gesteigerte Form der Tugend erinnert, sollte man anfangen, differenzierter über Terrorismus nachzudenken, sonst kann man sich den Friedensprozess in Nahost endgültig an den Hut stecken.

Ich denke noch einmal an das zarte jüdische Mädchen über den Dächern von Ost-Jerusalem, wie es die Flugbahn der palästinensischen Drachen verfolgte.

Es gibt einen guten Satz von Goethe an Eckermann über den „West-Östlichen Divan“ und den Wunsch, Nationalhass zu überwinden, indem man „ein Glück oder ein Wehe des Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet“.

Die Kinder in Jenin, das muss man auch sagen, haben noch nie etwas vom Holocaust und der Diaspora gehört. Als Juliano Mer Khamis ihnen erzählte, sein Onkel sei in Buchenwald vergast worden, schrie alles durcheinander.

Wir stehen immer noch im Stau an irgendeinem dieser Checkpoints, die mich immer unruhiger machen, weil Adania jedes Mal Angst hat und sich ganz hinten im Bus verkriecht. Irgendwann fragt mich Abu Zaid, wie lange eigentlich in Deutschland die Post dauert.

Meine Krawatte, habe ich mir überlegt, werde ich bei der Abreise tragen, Mohammed Abu Zaid hat mir gezeigt, wie das mit dem Binden geht. Ich werde sie tragen, und am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv habe ich dann ausnahmsweise mal eine Frage an die Polizei: „Shalom. Do you like my tie?“ – „Yes. Why?” – „It’s from Palestine!“

Moritz Rinke ist Essayist und Dramatiker und lebt in Berlin. Zuletzt verfasste er für die Nibelungenfestspiele in Worms eine zeitgenössische Fassung des Sagenstoffs sowie das Stück "Café Umberto", uraufgeführt 2005 am Düsseldorfer Schauspielhaus.

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