Kultur : Der Panzerknacker

Der palästinensische Regisseur Elia Suleiman wuchs in Nazareth auf und lebt heute in Paris. Sein Film „Göttliche Interventionen“ ist eine wütende Satire über den Alltag in einer besetzten Zone.

Daniela Sannwald

Elia Suleiman hasst den Weihnachtsmann. Und deshalb lässt er ihn in der ersten Szene seines Films „Göttliche Intervention“ von kleinen Jungen jagen: Schnaufend flüchtet der weißbärtige Alte einen Hügel hinauf, während aus dem Korb auf seinem Rücken bunte Päckchen purzeln. Oben angekommen, dreht er sich frontal zur Kamera, ein Schlachtermesser steckt in seiner Brust. „Eine persönliche Rachefantasie, eine B-Movie-Exposition“, sagt der Regisseur. „Sie lässt das Publikum im Unklaren darüber, was es sehen wird: Komödie, Groteske, Absurditäten?"

„Göttliche Intervention“, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Es gibt kaum palästinensische Regisseure – da macht ein Film aus dieser Weltgegend, der letztes Jahr in Cannes gleich Preise der Jury und des internationalen Filmkritikerverbands holte, doppelt neugierig. Suleiman verlangt seinem Publikum visuell einiges ab. Lange, starre Einstellungen zeigen das Geschehen aus der Distanz. Suleiman lässt die Kamera sogar dann noch stehen, wenn seine Figuren noch nicht oder längst nicht mehr im Bild sind. „Ich zeige nur, was ich sehen kann, auch wenn ich nicht drehe“, sagt Suleiman. „Ich kann doch die Psychologie von Leuten, denen ich auf der Straße begegne, nicht erfassen. So zeichne ich auch meine Figuren. Deshalb sind Kadrage und Kamerastandpunkt für mich sehr wichtig.“ Und, mit einem Blick auf die Gesprächspartnerin: „Wenn ich zum Beispiel Sie filmen würde, wie Sie da auf dem Sessel sitzen, würde ich es nicht von oben tun; ich sehe Sie schließlich auf Augenhöhe. Ich will eine Person einfach abbilden, wie sie ist.“

Aggression ohne Ventil

Als dogmatischer Cineast, etwa im Stil eines Jean-Marie Straub, will Suleiman sich aber nicht verstanden wissen: „Wir sind zwar an die Verfälschungen der Realität durch eine Kamera gewöhnt, die wie ein Zirkusakrobat herumturnt. Aber ich sage nicht, die Wahrheit käme nur durch die statische Kamera heraus. Sie kann sich die ganze Zeit bewegen und immer noch eine interessante Geschichte erzählen.“ Suleimans Film erzählt von kleinen, zähen Scharmützeln unter Nachbarn in Nazareth, es geht um Parkplätze, heimlich auf ein fremdes Grundstück geschmissenen Müll, Fußball spielende Jugendliche. Einfallsreich und aggressiv macht man sich gegenseitig das Leben schwer. Suleiman, 1960 in Nazareth geboren, hat dort einen großen Teil seines Lebens verbracht. „Ich zeige Situationen, die ich selbst beobachtet oder von denen ich gehört habe. Nazareth ist ein Getto, eine palästinensische Stadt innerhalb Israels, das Gegenteil von dem, was man in der Westbank und im Gazastreifen sieht. Die Leute dort sind seit 50 Jahren ökonomisch und psychologisch unterdrückt. Das ist auch in anderen palästinensischen Städten in Israel so. Es herrscht eine immense Spannung, die Kommunikation ist zusammengebrochen.“ Deshalb, so berichtet Suleiman, fordern Messerstechereien oder Schusswechsel, die aus banalen Konflikten entstehen, regelmäßig Tote. „Meine Landsleute sind permanent wütend, weil Israel ihnen kaum Chancen lässt. Es gibt in meiner Heimatstadt kein Kino, kein Café, keinen Ort für kulturelle Veranstaltungen. Viele sind arbeitslos, starren ins Nichts, warten auf irgendetwas, das nie kommt.“

Elia Suleiman ist politisch radikal. Sein Film steckt voller Anspielungen. Da wirft der von ihm selbst gespielte Held einen Aprikosenkern aus dem Autofenster und lässt dadurch einen israelischen Panzer explodieren, da schießt eine israelische Spezialeinheit beim Training in der Wüste auf Zielscheiben mit dem Bild einer vermummten Palästinenserin. Ein zentrales Motiv in „Göttliche Intervention“ ist ein Kontrollposten der israelischen Armee, dessen Soldaten die Passanten je nach Laune mal besser, mal schlechter behandeln. Besonders verstört eine Szene, in der ein Soldat die palästinensischen Autofahrer verbal schikaniert, erniedrigt, terrorisiert. „Diese Szene“, sagt Suleiman, der auf die Darstellung physischer Gewalt verzichtet hat, „ist ganz nah an der Realität dran. Der Typ flippt aus, ihm ist die Sicherung durchgebrannt. Das kommt bei Soldaten häufig vor, nicht nur in Israel: Auch nette Leute können unter Druck zu Sadisten werden."

Eine baldige Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes hält der Regisseur für unwahrscheinlich. „Nicht mit einer Regierung unter Scharon“, sagt er. „Israel müsste eine säkulare Demokratie werden, in der die Angehörigen der verschiedenen Religionen und Ethnien gleichberechtigt nebeneinander leben können.“

Elia Suleiman selbst ist Kosmopolit: In den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren lebte und arbeitete er in New York, wo er als Dozent und Autor von sich reden machte und Stipendiat namhafter Institutionen wurde. Derzeit wohnt er in Paris, in dessen Umgebung er auch einen Teil der Dreharbeiten verlegte. Für die Panzerszene etwa musste ein ausrangiertes französisches Modell herhalten. Sein Film ist mit französischem und deutschem Geld gedreht, und das Team war international. Auch israelische Schauspieler und Techniker waren mit von der Partie. „Natürlich habe ich israelische Freunde“, erklärt Suleiman, „aber nicht, weil sie Israelis sind, sondern eher, weil sie es auf bestimmte Weise eben nicht sind. Weil wir alle Menschen sind, die bestimmte historische Erfahrungen und intellektuelle Ideen teilen, einige jüdische Ideen vielleicht sogar.“

Wunder zum Mitlachen

Schon einmal hat Elia Suleiman Furore mit einem Film gemacht: 1996 drehte er „Chronik eines Verschwindens“, der als bester Spielfilm in Venedig ausgezeichnet wurde. Auch Kurz- und Dokumentarfilme hat Suleiman gedreht, 1994 gründete er im Auftrag der Europäischen Kommission ein Institut für Film und Medien an der BirZeit-Universität in Jerusalem. Filme machen ist für ihn eine besondere Form der Kommunikation: „Wenn ich einen Gag so strukturiere, dass jeder auf der Welt, unabhängig vom nationalen oder kulturellen Hintergrund, darüber lacht, dann ist das ein kleines Wunder. Darin besteht die Magie des Kinos. Ich musste hart arbeiten, um diesen Moment zu erkennen. Es gibt keine Anleitung, ihn zu finden."

Gleichzeitig betrachtet er jeden eigenen Film als intimes Manifest seiner seelischen Verfassung. „Ich verwende viel Zeit auf die Suche nach dem richtigen Kamerastandpunkt, weil ich dabei immer auch nach mir selbst suche. Ich gebe mein Innerstes preis, wenn ich die Kamera positioniere. Ich möchte dem Publikum präzise meine Gefühle mitteilen, das ist wie Striptease.“ Und dann lächelt er ein wenig versonnen: „Bilder herzustellen, ist sehr erotisch – wie Lieben und Wiedergeliebtwerden.“

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