• Der Papst gibt Gedankenfreiheit: Die Akten der Inquisition werden vorgestellt (Kommentar)

Kultur : Der Papst gibt Gedankenfreiheit: Die Akten der Inquisition werden vorgestellt (Kommentar)

Martin Gehlen

Er kann zurückblicken auf ein erfülltes Leben und ein eindrucksvolles Lebenswerk. Johannes Paul II., der heute 80 Jahre alt wird, hat die katholische Kirche in das dritte Jahrtausend geführt. Kein Papst vor ihm hat so viele Reisen gemacht, zu so großen Menschenmengen gesprochen und so zahlreiche Heilige ernannt. Seine Arbeit hat den römischen Oberhirten aus Polen zu einem Kirchenführer von historischem Rang gemacht - mit weltweit gehörter geistiger, moralischer und politischer Autorität.

Zwei seiner jüngsten Initiativen, dem Schuldbekenntnis im Petersdom und der Öffnung der Geheimarchive der Römischen Inquisition, kommen dabei besondere Bedeutung zu. Beides sind Tabubrüche, die vor ihm kein anderer Papst der Neuzeit gewagt hat. Wenn auch das "Mea Culpa" am ersten Fastensonntag im Petersdom in seiner Wortwahl durch die vielfältige Revisionen der Kuriengewaltigen stark abgeschliffen war, über die Inquisitionsarchive wird Rom keine vergleichbare Interpretationshoheit mehr ausüben können.

Die Inquisition ist zum Synonym geworden für Machtmissbrauch, Gewalt und Versagen des Christentums. Die wissenschaftliche Aufarbeitung wird dauern, möglicherweise werden die Untersuchungen das Wirken der jahrhundertelang gefürchteten kirchlichen Zensur- und Ketzerbehörde differenzieren und - wie erste Einblicke belegen - teilweise entdämonisieren. Festzuhalten bleibt jedoch: Erstmals stellt sich der römische Unterdrückungsapparat der wissenschaftlichen Aufklärung.

Insofern markiert die Öffnung der Aktenbestände einen tiefen Einschnitt in die Geschichte und das Selbstverständnis vatikanischer Institutionen. Wer "Mut zur Wahrheit" einfordert, muss mit überraschenden Konsequenzen rechnen - nicht nur im Blick auf die Vergangenheit, sondern besonders auch für die Zukunft. Das gilt vor allem für das undurchsichtige und willkürliche Gebaren der Glaubenskongregation, der von Kardinal Ratzinger geleiteten Nachfolgeeinrichtung der sogenannten Heiligen Römischen Inquisition. Sie wird zu Recht stärker in die Kritik geraten.

Mit dem Mea Culpa und dem Inquisitionsbeschluss hat Johannes Paul II. in der Schlussphase seines langen Pontifikates endlich begonnen, im kirchlichen Binnenleben mit Maßstäben Ernst zu machen, die er über zwanzig Jahre lang nach außen gepredigt hat. Progressiv oder konservativ, rechts oder links: Johannes Paul II. passt eben in kein Schema. Wie keiner seiner Vorgänger hat er seiner Kirche beides zugleich gebracht: Aufschwung und Stagnation.

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