Kultur : Der paradoxe Konjunktiv

Vom Zimmermädchen zur Privatdetektivin: Das Sprengel-Museum Hannover präsentiert Sophie Calles biografische Kunst

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Von Ulrich Clewing

Als Sophie Calle 28 Jahre alt war, bat sie ihre Mutter um einen seltsamen Gefallen. Diese sollte einen Privatdetektiv beauftragen, um die Tochter zu beschatten, „meine täglichen Aktivitäten zu protokollieren und meine Existenz durch Fotos zu beweisen". Genau das geschah dann auch: Man sieht viele Fotos, konspirativ aus der Entfernung aufgenommen, eine junge Frau im Café, vor dem Louvre, in den Tuilerien, ergänzt durch kurze, spröde Notizen mit genauen Orts- und Zeitangaben. Die Arbeit „Der Schatten“ von 1981 besteht aber noch aus einem zweiten Teil: Während der Überwachung schrieb auch Calle ihre Beobachtungen auf, beschattete den Beschatter und stellte ihr Protokoll der Ereignisse gegen seines.

Das mag zunächst nach einer vergleichsweise überschaubaren Handlungsanweisung klingen, doch dekliniert Sophie Calle manche Worte gern im Plural: Bei ihr kommt nach der einen Wahrheit stets noch eine ganze Reihe weiterer Wahrheiten. Auf den ersten Blick geht es bei „Der Schatten“ um ein Spiel, womöglich sogar um eines mit verdeckten Karten. Dahinter aber tauchen Fragen auf, zum Beispiel: Beweisen Fotos Existenzen? Können sie Identitäten bilden? Oder: Wie werden heute Geschichten erzählt? Welche Geschichten sind das? Und: Wie realistisch sind realistische Begebenheiten, wenn sie durch den Gedanken, die Vorstellungskraft, den Wunsch gefiltert werden und anschließend in den Bergen und Tälern des Gedächtnisses landen?

Im Sommer 1983 arbeitete die Künstlerin vier Wochen lang in Venedig in einer Pension als Zimmermädchen. Jeden Tag bevor sie aufräumte, verwandelte sie sich für fünf Minuten in den Schrecken aller Reisenden: Sie durchstöberte die Hinterlassenschaften der Gäste, untersuchte die Kleider, las Briefe, fotografierte Gegenstände. Angeblich wollte sie mehr über die Abwesenden erfahren – dass sie sich am Ende eingestand, es seien „für sie Unbekannte geblieben“, war wohl ein wenig kokett. Natürlich hatte Calle eine Menge über ihre „Opfer“ herausbekommen, nämlich das, was sie ohnehin schon wusste, von ihnen erwartet und gedacht hatte, sich über sie ausmalte und notierte. Wie „ Der Schatten“ hatte auch dieses Werk Dokumentcharakter: unzählige Bilder auf dem schmalen Grat zwischen Belanglosigkeit und Geheimnisverrat, dazu erklärende Texte, kombiniert zu einer Dutzende von Seiten umfassenden Serie.

So gibt es auch im Sprengel-Museum einiges zu schauen und zu lesen. In der Halle für Wechselausstellungen werden vier Arbeiten gezeigt, darunter „ Der Schatten“, außerdem läuft noch der Film „Double Blind“, eine Gemeinschaftsproduktion mit dem New Yorker Künstler Greg Shephard, mit dem Sophie Calle eine Zeit lang liiert war, was in diesem Fall von besonderer Bedeutung ist. Zuerst jedoch fällt auf, wie leer ein großer Raum sein kann, wenn nur die vier Wände behängt sind. Diese Leere wiederum darf man durchaus programmatisch verstehen: Sie will gefüllt werden, ist wie ein weißes Blatt Papier, das erst noch beschrieben werden muss - oder wie eine Biografie, die man, das ist Sophie Calles Prinzip, immer wieder neu erfindet.

Es ist daher kein Zufall, dass die Arbeit, die am meisten Platz beansprucht, „ Autobiographical Stories“ heißt. Darin breitet Calle ihr Leben aus, greift bestimmte Geschehnisse auf, belegt sie mit einem Foto und erläutert sie in kurzen Kommentaren. Manches davon erscheint plausibel, anderes dagegen so offenkundig fantastisch, dass der Betrachter es unwillkürlich ins Reich der Fiktion einordnet. Starke fiktionale Züge weist auch „The Blind“ auf, der zweite große Werkkomplex, der hier präsentiert wird. Es sind Resultate einer Umfrage, bei der Calle blinde Menschen über ihre Vorstellungen von Schönheit Auskunft geben liess.

So könnte man die Kunst von Sophie Calle die Kunst eines paradoxen Konjunktivs nennen: Konsequent schwingt in ihrem Realismus ein „Was-wäre-wenn“ mit. Das ist mehr als eine an literarische Vorgehensweisen angelehnte Fingerübung. In der Konzentration auf biografische Elemente offenbart sich nicht zuletzt Calles Versuch der Eigenanalyse und Selbstvergewisserung. Keine leichte Aufgabe: In dem Moment, in dem man begreift, wie subjektiv Wahrnehmung ist, wird auf einmal alles möglich. Und das bedeutet auch, dass eventuell nichts möglich sein könnte. Sogar das eigene Ich nicht.

Sprengel-Museum Hannover, bis 22. September, Katalog 25 Euro.

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