Kultur : Der Pascha und die Blondies

SANDRA LUZINA

15 Tänzer und drei Musiker haben sich auf der Bühne des Hebbel-Theaters versammelt, sie blicken lächelnd ins Publikum, so als wolle man zusammen ein Fest feiern.Entspannt und lässig begann das Gastspiel von Modern Dance Turkey, das im Rahmen des Programms "Grenzenlos.Kulturelle Begegnung mit der Türkei" zu sehen war.Die Choreographin Beyhan Murphy kehrte nach 17jähriger künstlerischer Arbeit in England in ihre Heimat zurück, um an der Staatsoper Ankara ein Ensemble für modernen Tanz zu gründen.Seine ästhetische Offenheit hat das Ensemble dadurch bewiesen, daß es wiederholt westliche Gastchoreographen eingeladen hat.Doch die Bedeutung des Ensembles liegt darin, daß es dem rasanten sozialen und kulturellen Wandel der türkischen Gesellschaft auf eingängige Weise Ausdruck verleiht - Angriffe von seiten der Fundamentalisten konnten da nicht ausbleiben.

Die ost-westlichen Spannungen nehmen in der Tanzsatire "Post" auf unterhaltsame Weise Gestalt an.Verbindendes Motiv ist die Tür, die sich in privater Gastfreundschaft öffnet, die dem Bittsteller und Hilfesuchenden schon einmal vor der Nase zugeschlagen wird.Das Thema der sozialen Zugehörigkeit, der Ab- und Ausgrenzung steht im Mittelpunkt der lockeren Szenenfolge, die überwiegend zu traditioneller türkischer Musik getanzt wird.Ein homogenes Ensemble in schwarzen Pluderhosen tanzt anfänglich noch in traditionellem Stil, doch die Einheit löst sich auf, als sich alle unterschiedliche Kopfbedeckungen aufsetzen, die Angebotspalette reicht vom Fez bis zur modischen Baseball-Kappe.Ein Nebeneinander von Orientierungsmustern und Identifikationsangeboten wird hier sichtbar, Beyhan Murphy zeigt aber auch, daß sich eine geborgte Identität nicht einfach wie ein Kleidungsstück überstülpen läßt.Erzählt wird von der Beharrungskraft überlebter Traditionen und von übereifriger Anpassung an fremde Leitbilder.Die sozialen Konfliktlinien werden vor allem am Verhältnis der Geschlechter deutlich.Da nimmt die Choreographin unverwüstliche Männlichkeitsrituale aufs Korn; wenn die Tänzer sich dann obendrein einen schwarzen Schnauzbart aufkleben und recht grimmig dreinblicken, machen sie sich zudem über ein verbreitetes Türken-Klischee lustig.Die Frauen läßt Beyhan Murphy schon mal als Blondies in knappen Trikots über die Bühne defilieren.Bestaunt, begafft und begrapscht, stöckeln sie auf Silbersandaletten flugs in eine neue Unmündigkeit.Ein Pascha darf noch einmal einem ganzen Harem mehr oder weniger folgsamer und verfügbarer Frauen voranschreiten - doch die Herausforderung ist weiblich, daran läßt die Choreographin keinen Zweifel, wie sich das ganze Stück ja auch als Ausdruck eines erstarkenden weiblichen Selbstbewußtseins lesen läßt.Beyhan Murphy gelingen einprägsame Szenen voller Bewegungswitz.

Ein Kontrastprogramm war zuvor im Theater am Halleschen Ufer zu sehen.Die beiden Ballerinen Hülya Aksular und Sibel Sürel präsentieren eine Eloge auf die Mädchenfreundschaft, die allen Belastungen trotzt, noch über den Liebesverrat triumphiert.Hinter der romantisierten Bühnenfigur soll die Frau mit ihren persönlichen Krisen und Verletzungen sichtbar werden.Der Spagat Kunst und Leben wird also versucht.Obendrein wollen die beiden Tänzerinnen ihr Können demonstrieren, ihre künstlerische Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen.Sie wollen also Schönheit und Glamour, die Apotheose, die Bühnen-Illusion und sie wollen das wahre Gefühl, den realen Schmerz.Sie wollen zuviel und und vertrippeln sich in den sentimentalen Ballerinen-Kitsch.Der sieht übrigens überall gleich aus.

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