Kultur : Der Pate als Patient

RALPH GEISENHANSLÜKE

Wenn es um seine Familie geht, versteht er keinen Spaß.Konflikte löst er mit Sprengsätzen und wer nicht auf seiner Gehaltsliste steht, hat wenig Aussicht, bleifrei durch den Tag zu kommen.Mafiaboss Paul Vitti ist gewohnt, daß man ihm mit Respekt begegnet.Doch plötzlich gibt es einen Knacks in seinem Leben.Schlafstörungen, Atemnot, Errektionsstörungen und schließlich sogar Hemmungen beim Töten.Der Notarzt im Krankenhaus riskiert ein Fußbad mit Zement, als er die Diagnose ausspricht: Statt ordentlicher Herz- stellt er Panikattacken fest.Für einen Mann wie Vitti, der normalerweise Panik verbreitet und nicht erleidet, ist ein solcher Befund geschäftsschädigend.Einen Therapeuten aufzusuchen käme für einen wiseguy der Bankrotterklärung gleich.

Doch der Therapeut fährt ihm hintendrauf.Ben, der überwiegend langweilige Neurotiker und andere Normalverückte kuriert, streitet gerade mit seinem kleinen Sohn, als er im dichten Verkehr mit seinem Wagen auf Vittis dunkle Limousine prallt.Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft - und einer leichtfüßigen Komödie mit idealen Hauptdarstellern, in der so ziemlich jedes Filmklischee des organisierten Verbrechens hochgenommen wird.

Robert De Niro ist die Inkarnation des Hollywood-Mafioso: der klassische "Pate" Vito Corleone, der größenwahnsinnige Noodles in "Es war einmal in Amerika", Al Capone in "The Untouchables", um nur einige von ein paar Dutzend Rollen zu nennen, in denen De Niro das Syndikat vertrat.Billy Crystal als Psychiater ist vor allem durch seine Rollen in Schnulzen wie "Harry und Sally" oder "Forget Paris" zum Weichei vom Dienst geworden.

In den Nebenrollen finden sich mit Joseph Viterelli und Chazz Palminteri altgediente Hollywood-Mafia-Kämpen, die mittlerweile nicht nur imposante Leibesfülle erreicht haben, sondern auch Geschwüre von Gesichtern ihr eigen nennen, denen man jede Art von krimineller Laufbahn abnimmt.

Der Mafioso lernt, daß er wahrscheinlich als kleiner Junge nicht oft genug umarmt wurde.Er benutzt plötzlich ein schwurbeliges Vokabular, das seine Geschäftspartner ohne Wörterbuch nicht verstehen.Irgendwann ist er so weichgeklopft, daß er schon bei Werbespots für Lebensversicherungen Heulkrämpfe kriegt.Diese wichtigen Krisen sind aber nur der erste Schritt.Vollständig kuriert fühlt sich Vitti erst im Knast.Im Gegenzug lernt der Psychiater, der sich sonst hinter Kaskaden von Fremdwörtern versteckt, wie man sich bei Familienkonflikten durchsetzt, die nicht mit bloßen Worten ausgetragen werden.Die allseits verständnisvolle Labertasche genießt es, auch mal der Boss zu sein, ohne sich dafür umständlich rechtfertigen zu müssen.So wird auch der Therapeut therapiert.

Die beiden brauchen nur ganz leicht aufzutragen.Crystal, indem er seine achso sensiblen Gesichtszüge mit einem kleinen Klugscheißer-Bart schmückt.De Niro, in dem er das retardierte Italo-Amerikanisch spricht, das man von einem begriffsstutzigen Großkotz erwartet: "I go fag, you go dead", droht er dem Seelenklempner.Was auf Deutsch in etwa bedeutet: "Wenn Du eine Schwuchtel aus mir machst, bringe ich Dich um".Doch die Feinheiten dieser schnellen und hochkomischen Dialoge wird keine Übersetzung retten können.Ein klarer Fall fürs OMU-Kino.

In 26 Berliner Kinos, OV im Odeon und in der Kurbel

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